Schon lange hegte ich den Wunsch für ein neues Podcastprojekt, das sich mit Erinnerungskultur im Ruhrgebiet befasst.
Im Schmelztiegel von Migration im Ruhrgebiet gab es unter der NS-Diktatur eine Vielzahl an Mitläufern und Mittätern, die nach dem Zweiten Weltkrieg davon gekommen sind.
Die Opfer, ob Juden, Romas, Sintis, Homosexuelle, Menschen mit psychischen oder körperlichen Behinderungen, sowie politisch anders Denkende wurden verfolgt, gefoltert und umgebracht.
Die Opfer haben an ihrem letzten Wohnort von Verwandten oder Menschen, die sich für ihr Schicksal interessierten und nachrecherchiert haben aus Vereinen oder Schulen, an Gunter Demnig gewandt, um einen Stolperstein für das Gedenken an die Person einzusetzen.
Reden werden gehalten und im jeweiligen Stadtarchiv, auch online festgehalten für jeden einsichtbar.
Doch wie war die Zeit, was wurde herausgefunden, wie war die Person, was hat sie erleiden müssen? Wie sind die Initiatoren auf genau diesen Menschen gekommen, um nachzuforschen, was passiert ist?
All das sind Dinge, die bei der Vielzahl von Stolpersteinverlegungen untergehen nach dem Einsetzen in den Boden. Und das sind die Fragen, die ich habe, die ich festhalten will in der Nachwelt, damit die erfolgte Situation für niemanden genauso wieder erfolgen wird.
Die Floskel „Nie wieder ist jetzt“ wird jetzt in Frage gestellt, doch in den sozialen Medien können die schlimmsten Worte am nächsten Tag auch Taten folgen. Gestern war der Nachbar noch ein netter Mensch, morgen hasst er dich und möchte dich denunzieren oder selber foltern, weil er „Gründe“ hat.
Die Aufteilung des Podcast „Stolpersteine Ruhrgebiet“ hat einen Sinn: Bei Steady, einer deutschen Podcast-Firma, kann ich Mitgliedschaften anbieten. Mit nur 4 € im Monat bei jährlicher Abrechnung (20% gespart) oder 5 € im Monat kann dieser ehrenamtlich entstehende Podcast finanziert werden. Davon wird von mir 50% der Summe an einen Verein oder einer Initiative für ihre Bildungs-, Erinnerungs- oder Aufklärungsarbeit abgegeben. So macht der Podcast einen dreifachen Sinn, den die Mitglieder aktiv unterstützen können.
Vielen Dank an alle Unterstützer und Unterstützerinnen!
Alle zwei Wochen kommt zur Zeit ein Podcast in dieser Reihe immer Dienstags ab 20 Uhr.
Die schon herausgebrachten Podcasts werden noch einmal dort aufgelegt werden.
Die Seite wird zusätzliche Informationen haben, die exklusiv nur Mitglieder sehen oder lesen werden können.
Ich würde mich freuen, wenn ihr davon erzählt, es teilt und Unterstützer findet, damit es erfolgreich wird im Namen für die Opfer der NS-Diktatur. Danke!
Vor 60 Jahren gingen die Auschwitz – Prozesse zu Ende, die Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt in die Wege geleitet hatte.
Gewonnen haben damals die Nazis. Die Schatten der Vergangenheit ragen bis in unsere Zeit.
Sie sind trotz aller Aufklärung, wieviele Menschen umgebracht wurden, nie wirklich weggegangen. Ihre Enkel und Urenkel sehen sich zum Teil nicht mehr verantwortlich für die Vergangenheit, nutzen jedoch die Sprache der Zeit und Hetzen gegen Ausländer, Andersgläubigen, Queere Menschen, Homosexuellen, ja und auch gegen Behinderte Menschen!
Mit Hetze beginnt es, mit dem Tod von Millionen Menschen ist es nicht beendet, sondern so wie es aussieht nur vorübergehend eingestellt worden.
In Italien gibt es ein Zitat : Gibt es einen Faschisten und 10 handeln gleichgültig. Dann gibt es 11 Faschisten.
Wir sind im Schatten von Fritz Bauer, der in der Geschichte fast vergessen wurde.
Es gibt die, die auf der Seite sind, die Aufstehen und Widerstand leisten und die, die den Populisten folgen und abnicken aus Wut, Unzufriedenheit oder Dummheit glauben, was gut für Deutschland ist.
Ich bin kein weichgespülter linksgrüner Faschist, wie ich schon beschimpft wurde. Ich bin weltoffen, aufgeklärt und gegen jede Form des Rassismus und Antisemitismus. Da endet meine Toleranz gegenüber den Personen, die Menschen einteilen, wie sie leben dürfen oder gar nicht.
Ich trete in den Schatten von Fritz Bauer, um Widerstand zu leisten gegen die Zersetzung der Gesellschaft und Moral durch die Politik der AfD. Und öffne die Tür. Ich werde es mit Kunst, Büchern, Fotos und meiner Podcastreihe Stolpersteine Ruhrgebiet durchziehen.
Meine Mutter hat den zweiten Weltkrieg erlebt. Hat den Tod gesehen als Kind. Hat Zwangsarbeitern mit viel Mut Brot gegeben, sie hat ihr Leben lang damit gelebt mit dem, was Faschisten angerichtet haben.
Sie gehören in ihre Schranken gewiesen und verboten für die Wahrung unserer Demokratie!
Wenn es auch ein Widerspruch ist, dass jeder seine Meinung sagen kann: Menschenleben auf eine Waage legen, ob sie leben dürfen oder nicht, weil sie einen anderen Glauben, eine andere Hautfarbe oder eine andere Sprache sprechen. Es ist inhuman und gegen das Grundgesetz Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Dieses erste Gesetz der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland hat jedoch selbst das Gesetz nie wirklich richtig angewandt und beginnt daran zu rütteln, was Fritz Bauer sich in seinem Leben auf seine Fahnen als Generalstaatsanwalt auf die Fahnen geschrieben hatte. Er wollte jeden noch so kleinen Naziunterstützer vor Gericht bringen.
Er starb leider zu früh. Ob wirklich an einem Herzleiden oder ob er vielleicht doch ins Jenseits befördert würde, weil er sehr tief gegraben hat, kann jeder selbst entscheiden darüber nachzudenken.
Es gibt sie immer wieder die Glaubensritter einer verirrten Politik. Uns geht es so gut wie es uns noch nie ergangen ist.
Das Foto ist am 27.11.25 entstanden bei einem Vortag von Dr. Irmtrud Wojak über Fritz Bauer und die Auschwitz-Prozesse im @fritzbauerforum
Der Auschwitz-Prozess, Fritz Bauer und die deutsche Gesellschaft hatte eine anregende Diskussion, wie heute mit der Geschichte umgegangen werden soll.
Es wurde die Frage gestellt, ob es richtig ist, ritualisierend an den bestimmten Tagen 9.11. Reichsprogromnacht oder am 27.1. Befreiung von Auschwitz zu erinnern mit Kränzen und Reden.
Die Überlebenden, die kaum noch leben heute, hatten Widerstand geleistet. Nur so konnten sie überleben. Wie leisten wir in der Gesellschaft heute unseren Widerstand. An bestimmten Tagen nur oder jeden Tag mit Zivilcourage, Aufklärung in der Schule oder einfach nur mit einer Kerze oder Blume zwischendurch an Stätten des Widerstands oder Denkmäler für Opfer? Stolpersteine nur im November putzen? In der jetzigen Zeit ist es umso wichtiger Widerstand zu leisten in jeder Form und das tue ich in meinen Möglichkeiten.
Ich möchte das Bewußtsein bewahren, daß das Ruhrgebiet auch nur durch Migranten so groß werden konnte. Fast jeder hier geborene hat Vorfahren aus einer völlig anderen Gegend der Welt. Hier ist es umso wichtiger Widerstand zu leisten! Und umso unverständlicher, dass die Menschen sich von einer wahren Lügenpartei die Richtung vorgeben zu lassen.
Die Demokratie müssen wir bewahren und daran arbeiten es noch lebenswerter zu bauen!
Ernst Bente war ein Opfer des Nationalsozialismus. Er war wegen Diebstahl und Raubüberfälle, sowie unerlaubten Waffenbesitz zu fünf Jahren Haft und fünf Jahre Ehrverlust verurteilt worden in Bochum. Dann kam die Gestapo und brachte ihn in den Steinbruch des Konzentrationslagers Buchenwald. Im KZ Mauthausen wurde er als menschliches Versuchskaninchen ausgenutzt. Deswegen der Titel zum Stolperstein für Ernst Bente. Ab da ging es nur noch ums Überleben. Warum hat Ernst Bente diese Taten begangen frage ich mich. Welche Taten wiegen schwerer: Raubüberfall, wo niemand zu schaden kommt oder ein Arzt, der jemanden dessen bürgerlichen Rechte vom Staat für eine begrenzte Zeit ausgehebelt werden, Impfversuche macht?
Am 8.11.2025 machte ich den Stolperstein von Ernst Bente sauber im Rahmen der Aufrufaktion vom Kinder- und Jugendring Bochum und beschloss spontan einen Podcast über das Opfer Ernst Bente zu gestalten für das Projekt und die Reihe Stolpersteine Ruhrgebiet.
Teaser und Säuberungsaktion-Video:
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Auf den Holl 30 in Bochum-Werne. Ist nicht mehr das Originalhaus. Am Pfeil liegt der Stolperstein. Foto: André Brune
Ernst Bente sollte eine Stimme bekommen, wie es auch Paul Borek schon bekommen hatte. Es erwartete mich mehr als die Recherchen vom Lessing – Gymnasium Bochum, als ich mich näher mit den Unterlagen vom Arolsen Archiv beschäftigte während ich die Aufnahme machte.
Vor der Säuberungsaktion vom Stolperstein für Ernst Bente. Hier war lange keiner mehr… Foto: André Brune
Dabei wollte ich nur den recherchierten Text vom Lessing – Gymnasium vorlesen. Doch dann kamen viele Fragen, die ich mir stellte, während der Aufnahme.
Warum hat er die schweren Taten begangen, obwohl er wußte, was mit ihm passieren wird, wenn er verhaftet werden würde?
War er immer noch Kommunist und damit im Untergrund im Widerstand?
Sauber poliert! Foto: André Brune
Hat er die Taten begangen, weil er eine Krankheit oder eine körperliche Behinderung hatte und keine Arbeit dadurch finden konnte, um seine Familie zu ernähren?
War er wehrunwürdig, weil er eine körperliche Behinderung hatte oder wurde er wegen der Taten so eingestuft?
Das heutige Wohnhaus Auf den Holln 30 stammt nicht aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und hatte vielleicht Bombenschäden oder war baufällig und wurde neu aufgebaut. Das erfordert weitere Forschungen. Foto: André Brune
War er arbeitslos, weil er eine körperliche Behinderung hatte oder weil er wegen Diebstahl im Bergbau auf einer Schwarzen Liste gesetzt wurde?
Hatte er sich freiwillig den Typhus-Impfungen zur Verfügung gestellt oder wurde er einfach gespritzt mit dem Hinweis: Du wirst das KZ überleben, wenn du das mitmachst. So wurde man psychisch unter Druck gesetzt, aber hätte durch die Nebenwirkungen auch sterben können. Was ist dann das geringere Übel: Im Steinbruch umzukommen oder durch eine Spritze?
Mir rattert da das Gehirn, wenn ich mich in seine Lage versetze und gleichzeitig läuft es mir kalt über den Rücken runter. Obwohl er ein Verbrecher war, war er in der Gesellschaft des Nationalsozialismus für eine begrenzte Zeit als ein Nichts, eine Nummer eingestuft worden, des Lebens nicht würdig und wurde auch so behandelt.
Und was ist aus ihm geworden, als die Amerikaner ihn entlassen haben? Wie hat er die letzten Jahre seines Lebens gelebt? Hat seine geschiedene Frau und sein Kind ihn doch noch mal besucht? Hat er ein neues Leben, die zweite Chance gut nutzen können?
Wie ist man nach dem Zweiten Weltkrieg in der Gesellschaft mit ihm umgegangen? Wie hat er die psychische Belastung ausgehalten? Wo und wie wohnte er? Wann starb er und wurde begraben? Gibt es die Grabstelle noch?
Ernst Bente kann als umstrittene gewaltbereite Person dargestellt werden, weil er fünf Jahr hinter Gittern kommen sollte wegen Raubüberfall, versuchten Raubüberfall, Diebstahl und unerlaubten Waffenbesitz. Doch er landete nicht in einem normalen Zuchthaus, wie die Gefängnisse früher hießen, sondern in einem Konzentrationslager. Warum hat er die Taten begannen und warum kam er relativ schnell in ein Konzentrationslager?
So viele Fragen über eine Person und ich bin eigentlich nicht am Ende mit den Fragen.
Zum Videopodcast mit den Bildern der Rechercheergebnissen:
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Geboren am 15.2.1911 in Bochum als Sohn von Ernst Bente und Ehefrau Laura. Wohnte damals in der Weststraße 67d in Langendreer.
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Er wurde Bergmann und war mit Martha verheiratet. Ein Kind hatte die junge Familie und lebte in Bochum-Werne Auf den Holln 30, bevor er abgeführt wurde von der Bochumer Kripo am 4.9.1939. Er wurde wegen Raub, versuchten Raubes, Diebstahl und verbotenen Waffenbesitz zu fünf Jahren Gefängnis sowie Ehrverlust verurteilt.
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Wenige Wochen später am 13.10. verschleppte ihn dann die Gestapo (Geheime Staatspolizei), wahrscheinlich wegen der Bandbreite seiner Verbrechen, ins Konzentrationslager Buchenwald.
Im KZ Buchenwald wurde er als „Wehrunwürdiger“ Häftling mit der Nummer 8284 erfasst und dem Arbeitskommando Steinbruch zugewiesen als Zwangsarbeiter. Auf der Karteikarte vom Konzentrations-Lager Buchenwald wird eine „Bisherige Parteizugehörigkeit“ als KJ 30-32 notiert.
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Als ich die Buchstaben kJ und Ziffern nachforschte fand ich raus, dass er wohl der Kommunistischen Jugend zwischen 1930 und 1932 angehörte. Es gab in diesen Jahren überall in Deutschland heftige Straßenschlachten zwischen Anhängern der NSDAP und der Kommunistischen Jugend, die zu diesem Zeitpunkt um die 50000 junge Männer und Frauen angehörten. Neue Fragen tun sich auf:
War das nun das Vorstrafenregister oder die Zugehörigkeit bei einer Kommunistischen Organisation, die ihm zum Verhängnis wurde? War er vielleicht für die Kommunisten im Widerstand? Hat er vielleicht die Raubüberfälle dafür gemacht. Als ich die Karte las, war die Spekulation über sein Handeln noch größer.
Ich fand heraus, dass er wahrscheinlich bei der Kommunistischen Jugend Mitglied war von 1930-1932. Das klingt plausibel. Denn Ernst Bente ist geboren 1911. Er war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt und genau im richtigen Alter dafür. Ist er 1932 ausgetreten, aber aus welchen Gründen? Hat er bei den Straßenschlachten mitgemacht? Hat er seine Frau Martha dort kennengelernt, wurde Vater und hat sich von den gewaltbereiten Kommunisten zurückgezogen? Warum er ausgetreten ist, kann verschiedene Ursachen haben.
Reine Spekulation wäre, aber auch plausibel wäre, dass er für die Kommunisten schon angefangen hatte, Geld durch Raubüberfälle zu organisieren. Er ist vielleicht da hinein gerutscht. Oder er hat durch Raubüberfälle den Widerstand ab 1933 unterstützt oder er hat ganz einfach seine Frau und Kind am Leben erhalten wollen, weil er keine Arbeit bekam, weil er mal Mitglied der Kommunisten war oder weil er als Bergmann Diebstahl begann und dadurch Arbeitslos. Klaute er etwa ein Mutterklötzchen?
Sind Alkohol-, Drogen- oder die Spielsucht ein Grund gewesen immer wieder Geld zu besorgen durch Raubüberfällen und Diebstahl? Welche körperliche Einschränkung hatte er, dass er auf einer Karteikarte als „Wehrunwürdig“ eingestuft worden ist. Egal, warum er das tat, er hatte sein Gründe vor allem im Nationalsozialismus es zu tun und wurde von der Bochumer Kripo verhaftet. Er bekam fünf Jahre Haft aufgebrummt mit gleichzeitigem „Ehrverlust“.
Heinrich Himmler ordnete 1937 an, dass die notorischen Berufsverbrecher eine stärkere Gangart bekommen sollten. So wurden die BVler von der Gestapo in ein KZ überführt und mussten die unmenschlichen Bedingungen aushalten oder starben dort.
Ernst Bente wurde von der Gestapo abgeführt am 4.9.1939, also wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht nach Polen, ins KZ Buchenwald. In die Armee wurde er nicht eingezogen. Es gab ja auch Selbstmordkommandos, wo Schwerverbrecher eingesetzt wurden. Kommst du heil zurück, wird deine Strafe dir erlassen…
Ernst war aber als „Wehrunwürdig“ eingestuft worden. Zum einen hatte er Glück die Front nicht erleben zu müssen, zum anderen war er sozusagen in einer Heimatfront ohne mögliche Wiederkehr gelandet. Im KZ Buchenwald war er in den Steinbruch zugewiesen worden. Aber welche Tätigkeit er dort hatte, wenn er wehrunfähig war, ist nicht klar definierbar. Hatte er sich in die Hand geschossen?
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Er war als Berufsverbrecher BV eingestuft worden, die gleichzeitig den gesetzlichen Ehrverlust über sich ergehen lassen mussten. Eine Strafe, die in der Bundesrepublik abgeschafft wurde. Allerdings erst 1969! Ein Ehrverlust ist die Aberkennung aller Bürgerrechte.
Die Folgen der Aberkennung der bürgerlichen Rechte waren in § 33 und § 34 StGB a. F. geregelt. Sie bewirkte den dauernden Verlust der aus öffentlichen Wahlen hervorgegangenen Rechte sowie aller öffentlichen Ämter, Würden, Titel, Orden und Ehrenzeichen. Während der Dauer konnten auch solche Ämter, Würden, Titel, Orden und Ehrenzeichen nicht erlangt werden. Ferner bewirkte die Aberkennung den Verlust der Fähigkeit, in öffentlichen Angelegenheiten zu stimmen, zu wählen oder gewählt zu werden und andere politische Rechte auszuüben; Zeuge bei Aufnahme von Urkunden zu sein; Vormund, Nebenvormund, Kurator, gerichtlicher Beistand oder Mitglied eines Familienrats zu sein, es sei denn, dass es sich um Verwandte absteigender Linie handelte und die obervormundschaftliche Behörde oder der Familienrat die Genehmigung erteilte.
Die Zeitdauer des Verlustes war in § 32 Abs. 2 StGB a. F. geregelt. Sie betrug bei zeitlich begrenzter Zuchthausstrafe mindestens zwei und höchstens zehn, bei Gefängnisstrafe mindestens ein und höchstens fünf Jahre. Diese Fristen wurden ab dem Tag berechnet, an dem die Strafe verbüßt, verjährt oder erlassen war, wobei allerdings bei Erlass nach einer Probezeit (Strafaussetzung zur Bewährung) diese einberechnet wurde (§ 36 StGB a. F.). Quelle: Wikipedia
Was wiegt höher: Raubüberfall oder unfreiwillige Menschenversuche
Den Medizinern in Mauthausen war das recht, so konnten sie ihn als Versuchskaninchen nutzen. Dort kam Ernst Bente an am 16.4.1940. Die Überführung zum KZ Mauthausen war sozusagen ein „Geschenk“ zum Geburtstag von den Verwaltern von Buchenwald.
Ernst Bente hatte keine Rechte als BV und verurteilt mit Ehrverlust. Hier frage ich mich, wer der größere Verbrecher ist: Der Staat oder die einzelnen Ärzte, die ihren Hippokratischen Eid abgelegt haben, diesen aber nicht mehr befolgten, weil die Karriere in der SS interessanter war, als einzelnen Menschen zu helfen?
Ist also ein unfreiwilliger Menschenversuch mit zu erprobenden Medizinischen Mitteln an Menschen ohne bürgerlichen Rechte (Ehrverlust) ein weniger großes Verbrechen als ein Raubüberfall oder Diebstahl von jemanden, der dadurch für eine begrenzte Zeit keinen Platz mehr in der arischen Gesellschaft haben sollte. Ist ein Raubüberfall aus welchen Gründen auch immer oder ihn als unfreiwilliges Impfobjekt zu nutzen für den Fortbestand der arischen Rasse nun in der heutigen juristischen Waage gelegt das gefährlichere, das schlimmere Verbrechen?
Eins vorneweg: Die meisten Mediziner sind entnazifiziert worden und konnten mit ihrem Hippokratischen Eid weiter im Krankenhaus, in der Forschung oder ihrer Arztpraxis nach dem Zweiten Weltkrieg unbehelligt arbeiten ohne jemals hinter schwedische Gardinen zu kommen. Sie bekamen mit Sicherheit eine beachtliche Rente, während Ernst Bente 1960 im Arolsen Archives gehen musste, um die KZ-Jahre sich anrechnen zu lassen. Ansonsten hätte er noch weniger Rente bekommen. Ich kriege das Kotzen, wenn ich mir das näher ansehe und was Ernst Bente für ein Schicksal hatte, die in den Händen der Mediziner gelegt wurde. Dazu komme ich jetzt:
Ernst Bente wurde am 15.4.1940 ins KZ Mauthausen überführt mit 1 Paar Schuhe, 1+1 Strumpfpaaren, 1 Rock (längerer Mantel), 1 Hose, 1 Pullover, 2 + 1 Hemd, und tatsächlich nur EINER Unterhose und 1 Kamm. Das ist wahrlich nicht viel, was sein Leben noch ausmachte. Das war alles, was er noch besaß.
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Im KZ bekam er die Bezeichnung „BV„, das in einem nach unten zeigenden Dreieck oder Winkel eingetragen wurde: Lange Zeit wurde es von Historikern als „Befristete Vorbeugehaft“ anhand des Buches „Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager“ vom Historiker Eugen Kogon angegeben. Doch Ende der 1980er Jahre fanden Historiker heraus, dass es nicht stimmen kann. BV steht höchstwahrscheinlich als Abkürzung für Berufs-Verbrecher.
Da es kein Foto von Ernst Bente gibt, hier seine Beschreibung von der Karteikarte, um sich ein Bild von ihm als Mensch zu machen:
1,70 Groß und schlank. Gesicht oval, Augen blau, Nase gerade, Mund groß, Ohren groß, ihm fehlte 1 Zahn, Haare blond, Sprache deutsch.
Screenshot der Häftling-Personal-Karte vom KZ Mauthausen aus der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Er war länger als fünf Jahre „Befristete Vorbeugehaft“ im KZ. In dieser Zeit begannen die Mediziner Typhus-Impf-Versuchsreihen an Gefangene zu verabreichen. Ernst Bente war wohl einer der ersten. Welche Nebenwirkungen, Schäden oder sonstige Dinge mit ihm angestellt wurden und er ertragen musste…
Für mich ist ganz klar, dass ein Raubüberfall nicht positiv im Lebenslauf ist, aber unfreiwillige Menschenversuche geht gar nicht!
Vor kurzem hatte ich auch einen Podcast über die Mediziner angehört, die sich der Karriere wegen der SS angeschlossen haben, so auch Dr. Karl Gross.
Es war nicht richtig Raubüberfälle zu machen, keine Frage. Aber wieso nimmt ein Mann das Risiko auf sich verhaftet zu werden in der Zeit von Unterdrückung des eigenen Volkes unter der NSDAP-Regierung. Er muss doch gewußt haben, dass er mit seinen Handlungen in ein KZ kommen konnte ohne Widerkehr in ein normales Leben. Und wieviel wußte seine Frau Martha, die sich wiederum von ihm scheiden ließ. Hat sie ihn etwa denunziert? Oder hat sie die Scheidung eingereicht, weil auch sie ins Fadenkreuz kam und wollte dabei eigentlich nur verantwortungsbewußt das Kind ohne Probleme in der neu konstruierten Volksgemeinschaft großziehen, was ihr Mann vielleicht nicht akzeptieren wollte. Wir wissen nicht, was im familiären Haushalt passierte.
Ernst Bente war in der ganzen Zeit des Krieges im KZ Mauthausen. Seine Haft von fünf Jahren wurde nicht beendet. Er war weiterhin dort. Vielleicht wurde ihm gesagt, dass er nur entlassen wird, wenn er die Versuchsreihe für die Typhus-Impfungen mitmachen würde. Auch das ist reine Spekulation. Sicher ist, dass der Staat, die Firmen und die ausführenden Mediziner vor Ort in den KZs mit den Menschenversuchen ein viel größeres Verbrechen begannen als Ernst Bente mit den Raubüberfällen. Er wurde verbrecherischer behandelt als er je selbst ausgeführt hatte. Und so gut wie niemand wurde zur Rechenschaft gezogen.
Der Dr. Mengele von Mauthausen Dr. Karl Gross war in sein altes Leben zurück gegangen und wurde wieder Landarzt ab 1947.
Geboren in Bad Vellach am 12.12.1907, wo er auch am 1.1.1967 wieder starb. Im Heimatort wurde er Kurarzt nach der Promotion 1933. Er soll kostenlos mittellose Patienten behandelt haben. Warum sein Charakter sich änderte, ist mir schleierhaft, wenn das wahr ist.
Er trat am 1.2.1939 als SS-Hauptsturmführer der Waffen-SS bei. Mit der SS-Nummer 314902 avancierte er zum Geburtstag von Adolf Hitler 1942 zum SS-Sturmbannführer. Er diente als Truppenarzt und forschte unablässig ab Mai 1942 am Hygiene-Institut der Waffen-SS in Berlin. Ab Juni wechselte er ins Robert-Koch – Krankenhaus nach Wien.
Dort testete er im Auftrag der Behringwerke Impfstoffe gegen Paratyphus an Häftlinge im KZ Mauthausen. Ab 1943 veranlasste Heinrich Himmler, dass er an das Zentralinstitut für Krebsforschung in Nesselstedt (heute Pokrzywo bei Posen/polnisch Poznan kam und die bakteriologische Abteilung übernahm.
Eine schnelle wohlwollende Karriere, weil er unabdingbar in Augen Himmlers erfolgreich testete. Denn er war der Leiter, der Forschung, die an Häftlingen vom KZ Mauthausen Impfstoffe ausprobierten. Mit seiner Handschrift sind noch Akten einzusehen, wo 1105 Opfer mit Datum und Art der Tests im Zeitraum von Februar bis April 1943 erhalten sind. Darin sind Vaccine zu Typhus, Paratyphus A und B, sowie Tetanusimpftoff verzeichnet, die von der IG-Farben hergestellt wurden. Die Blutuntersuchungen wurden an der Wiener Universität untersucht.
Nach Kriegsende durfte er wieder als Arzt arbeiten. Wegen der Zugehörigkeit zur SS wurde er verhaftet, aber nach kurzer Zeit wieder entlassen. Ärzte wurden schließlich gebraucht. Aber kaum jemand ging in seine Praxis, so dass er bis zu seinem Lebensende mit seiner Familie nur vom Vermögen des Vaters überleben konnte.
Quelle: Wikipedia
Menschenversuch-Karte für Typhus-Impfungen mit Chargennummer – Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum der Lessingschule Bochum
Es ist für mich schleierhaft, dass dieser doch angeblich netter großzügiger Arzt die Karriere vorzog. Er wollte weg aus dem verschlafenen Kurort. Hatte eine Karriere vorgehabt und stieg wie ein Falke auf innerhalb der SS. Hier ist das genaue Gegenteil von Ernst Bente, der Abstieg als Krimineller, der ins KZ kam während Karl Gross als studierter Arzt die Karriere in einem Unrechtsystem vorzog, um berühmt zu werden als Impfstofferfinder. Die Firmen Behring und IG-Farben haben aus den Experimenten von damals bis heute profitiert.
Vielleicht hatte er den Nobelpreis für Medizin im Sinn auf Kosten von minderwertigen Leben, wie man es so formulieren könnte. Was ist abscheulicher in der Tat der Dinge? Ein Raubüberfall, wo kein Menschen zu schaden kommt oder eine unfreiwillig gemachte Impfstoffstudie an Häftlinge, die es nicht wert waren zu leben in dem System der Diktatur, wo einige wenige Menschen über das Leben von vielen entschieden?
Die Liste von Medizinverbrechen ist lang! Und viele machten mit. Viele, die hinterher von nichts wußten oder gewußt haben wollten und hinterher unbehelligt, entnazifiziert in ihrer Praxis, im Krankenhaus oder der Forschung weiter gearbeitet haben:
Das war auch noch nicht alles. Wer eingeteilt wurde als Berufsverbrecher hatte als Nebenstrafe auch keine bürgerlichen Rechte mehr. Der Ehrverlust wog damals schwer. Einmal als BV eingeteilt, hatte man keine Rechte mehr als Mensch im Staat, nicht mal wählen gehen war erlaubt. Aber wen sollte man da noch wählen im NS-Staat?
Im Dritten Reich war privater Waffenbesitz nicht erlaubt. Dies und vier andere Straftaten, Raubüberfall, Diebstahl, versuchter Raubüberfall machten ihn zu einem Berufsverbrecher und unabdingbar zu einem KZ-Strafgefangenen bis zu seinem Tod.
Ernst Bente hatte es irgendwie geschafft zu überleben. Wie er es überlebt hat, hat er in keinen Memoiren hinterlassen. Von den Amerikanern wurde das KZ Mauthausen befreit. Ein Major, ein Colonel und ein Captain saßen in einem Ausschuss, die die Entlassung aus dem KZ entschieden.
Entlassung und Zweite Chance
Screenshot der Entlassungspapiere vom Militärgouvernement der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum
Drei Militärangehörige, A.J. Michell, Colonel, T.T. Marye, ein Major und T.A. Taracouzie, Captain entschieden in einem Ausschuss über die Entlassung von Ernst Bente. Er hatte es tatsächlich geschafft zu überleben. War es Glück? War es der unbändige Überlebenswille? Oder war er im Lager einer, der andere unterstützt hat unter hoher Gefahr selbst erwischt zu werden? Das weiß niemand. Niemand kann uns mehr heute mitteilen, ob er trotz seiner Straftaten ein hilfsbereiter und risikofreudiger Mann war. Risikofreudig muss er gewesen sein, sonst hätte niemand ihn wegen Raubüberfall fassen können.
Ernst Bente hatte überlebt. Wie hatte er sich gefühlt? War es ein hochjauchzendes Jubeln? Sprang er in die Luft? Hätte er dafür überhaupt die Kraft gehabt? Wie war sein gesundheitlicher Zustand nach den Impfungen und der Zwangsarbeit? Wie war sein seelischer Zustand mit der Verarbeitung des kompletten Elends und Tod innerhalb des Konzentrationslagers Mauthausen? Fragen, die ich mir immer stelle, wenn ich mehr über die Person herausfinde.
Diese Entlassungsurkunde vom Militärgouvernement musste er sich 1960 als Nachweis im Arolsen Archiv besorgen. Wie es ihm nach dem zweiten Weltkrieg ging weiß niemand. Ob er ein zweites neues Leben beginnen konnte, ist nicht belegbar. Er ging in Rente. Ernst Bente hatte einen starken Lebenswillen und überlebte auch die Versuchsreihen mit Typhus-Impfungen.
Damit war sein Verbrechertum mehr als bestraft worden. Er hat den KZ-Aufenthalt überlebt und ist irgendwann in Frieden gestorben. Wann ist nicht belegbar. Macht mich aber neugierig, so dass ich mehr über diesen Menschen herausfinden möchte. Denn seine Geschichte steht für mehrere Tausend BVler, die ebenfalls ins KZ kamen, auch im Steinbruch arbeiten mussten und wahrscheinlich dort zu Tode kamen oder eine experimentelle Impfung gespritzt bekamen. Impfungen für das Überleben der arischen Rasse? Oder für die Häftlinge zum Erhalt der Arbeitskraft für das Wirken der Nationalsozialisten als kostenlose Arbeitnehmer?
Das sind Fragen, die ich gern von einem Historiker beantwortet haben möchte. Ich werde mich auf jeden Fall auf dem Weg machen, um mehr über Ernst Bente zu erfahren. Sein Leben ist filmreif und würde eine Lücke füllen über die immer noch Stiefmütterlich behandelten „Asozialen“ in der nationalsozialistischen Gesellschaft, die nicht würdig waren eine zweite Chance zu bekommen nach einem Gefängnisaufenthalt. So wie es heute normal ist. Heute hätte er die fünf Jahre abgesessen und danach hätte er eingegliedert zu einem normalen Leben zurückfinden können.
Ich werde nicht müde es zu betonen: NIE WIEDER IST JETZT! Gegen Rassismus und gegen Antisemitismus! Wir sind alle Menschen! Der Mensch ist Vielfalt.
Ernst Bente war einer von uns. Geboren in Bochum-Langendreer. Gewohnt in Bochum – Werne im Ruhrgebiet.
Glück auf! Ruhe in Frieden!
Ich werde Ernst Bente, einem Opfer der Gesetze des Nationalsozialismus, nun mit anderen Augen sehen und mehr achten, mir mehr Fragen stellen. Sein Stolperstein, in Messing eingemeißelter Name mit den Daten seiner Aufenthalte in den KZs, wurde am 8. Oktober 2020 vor seinem letzten Wohnort – Auf den Holln 30 in Bochum-Werne – bevor er dort von der Kripo verhaftet wurde, verlegt.
Screenshot der PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum aus den Recherchen der Lessingschule Bochum
Wer weitere Recherchen nachlesen möchte, sowie die PDF-Datei der Lessingschule weiterleiten, kann die Recherche der Lessingschule als PDF-Datei vom Stadtarchiv Bochum nutzen, die ich hier als Screenshot abgebildet habe, sowie weitere Links zum Thema, die ich nachrecherchiert habe:
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Es gibt ein ganz besonderes Denkmal mitten im Ruhrgebiet in Bochum: Die Trauerhalle Ost in Havkenscheid und das dort befindliche neu gegründete Fritz Bauer Forum.
Ein Thema, was mich berührt durch die Geschichte, die nicht nur unser Land zum Nachdenken anregt, sondern auch eine Stätte ist für Bildung und zur Wahrung der Demokratie.
Die Trauerhalle steht jetzt zweideutig für den Erhalt und auch den Tod durch verlorene Kämpfe für Menschenrechte in aller Welt. Ein Denkmal, das heute für die Bewahrung der Demokratie steht, aber von einem ehemaligen NSDAP-Parteiangehörigen, aber in Bochum geehrten Architekten des Brutalismus, geplant wurde. Ein heute besonderer Ort den Jack Tengo und ich unbedingt in einem diesmal nicht einfachen Podcast im Rahmen der gemeinsamen Reihe „Ruhrgebiet erklärt“ trotzdem mit einem Quäntchen Humor erzählen wollten.
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Nachdem ich dort war am Tag des Denkmals war es mir wichtig diesen Ort unter die Lupe zu nehmen und so schnell wie möglich herauszubringen. Gerade jetzt in der Zeit, wo ein Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft durchgeht und eine Partei im Aufwind ist, die Demokratie in ihrem Sinne bewahren will. Sie will weg von der Erinnerungskultur, einen Schlussstrich ziehen, dabei ist das so wichtig, damit es sich nicht wiederholt. Sie will keine Nennung von Kämpfern für Menschenrechte an öffentlichen Gebäuden, wie Schulen.
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Wenn zur Disposition steht zur Wahrung der „politischen Neutralität“, wie in Sachsen-Anhalt, der Name Sophie Scholl-Grundschule steht oder Willy Brandt-Gesamtschule, dann steht unsere Demokratie nur noch auf Bruchstücken. Das waren Kämpfer für Menschenrechte, die bald nicht mehr in den Geschichtsbüchern auftauchen könnten nach dem Willen der AfD.
Es ist jetzt umso wichtiger diese Menschenrechte und die Demokratie zu wahren nach dem Ausgang der letzten kommunalen Wahlen in Nordrhein-Westfalen und anderswo. Die Menschen sollten sich nicht in den Sozialen Medien bilden, sondern sich von denjenigen aufklären lassen, die sich mit den richtigen Informationen der Geschichte auseinandergesetzt haben und dies auch studiert haben. Die Trauerhalle Havkenscheid ist nun ein kleiner wichtiger Beitrag zur Wahrung der Demokratie und Menschenrechte. Und ich hoffe, dass wir da ein klein wenig beitragen konnten:
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Wer nur den Podcast „Ruhrgebiet erklärt“ abonnieren möchte:
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Denkmalschutz: Gilt als eigenständiges Werk von hoher architektonischer und künstlerischer Qualität
Die Trauerhalle Ost / Havkenscheid in Bochum ist ein besonderes Markenzeichen des Brutalismus in der Architektur – Foto: André Brune
Der Weg ist das Ziel über den Springorum
Es war ein schöner angekündigter sonniger Tag im September, der zwei wichtige Tage an einem einzigen verband im Jahre 2025: Kommunalwahltag in NRW und Tag des Denkmals.
Ich überredete meine Frau Ewa zu dem Vortrag zu gehen, der um 15 Uhr stattfinden sollte für die Trauerhalle. Neugierig war ich schon. Und der Springorum-Rad- und Wanderweg quert nah unserer Wohnung und führt fast bis nach Altenbochum, wo wir hin mussten.
Die Trauerhalle interessierte mich brennend, nachdem ich hauptsächlich offene Kirchen auf der Denkmalkarte sah. Eine Menschenrechts-Bibliothek mitten in Bochum? Davon habe ich gar nichts mitbekommen. Also musste ich es doch sehen!
Wir wanderten sehr schnell und genossen die Sonne. Wie üblich ist man nicht allein im Ruhrgebiet, wenn man wandert. Irgendwen trifft man immer, den man kennt. Der Pott ist eben kleiner als gedacht. Dadurch wurde unser Gang schneller. Aber wird schafften es knapp pünktlich um 15.01 Uhr durch das Fritz Bauer Forum zu „marschieren“ und kam kurz vor dem Vortrag durch die Moderatorin Magdalena Köhler ein und ergatterten noch ein paar Stühle, die sich langsam füllten. Die meisten waren über 60 Jahre alt. Wir waren so die zweitjüngsten. Die Moderatorin freute sich, dass doch so viele Interesse hatten an der Trauerhalle. Magdalena Köhler betreut den Veranstaltungskalender und ist zuständig für die interaktive Fritz Bauer Bibliothek im Forum.
Der Eingangsbereich des Fritz Bauer Forums mit Blick auf die ehemalige Leichenaufbewahrungshalle – Feldmark 107 in Bochum
Sie führte in einer knappen Stunde durch die Architektur, dem umstrittenen Architekten, die Person Fritz Bauer und die Informationen über die Gründung und das Wirken der zukünftigen Fritz Bauer Forums durch die Buxus Stiftung hier mitten in Bochum, im Ruhrgebiet, wo Fritz Bauer wahrscheinlich nie war und auch keinen Bezug zu hatte. Einige mussten sich auf die Treppe setzen, die hoch in die „Betongalerie“ ging, wo die Bibliothek der Menschenrechte zu Recherchezwecke aufgebaut wurde ohne das Denkmal von innen zu beschädigen.
Magdalena Köhler erzählt engagiert über die Geschichte der Trauerhalle und dem neuen Fritz Bauer Forum
Anschließend führte sie uns durch die Räume, der alten Friedhofsgärtnerei- und Verwaltung, sowie der Leichenhalle, wo heute Lese-, Vortragssaal, Begegnungsstätte, ein Raum für eine Kunstausstellung und ein Studio zum Podcasten entstanden ist, der auch gemietet werden kann. Wir hätten uns auch die Bibliothek nochmal genauer angesehen, aber wir wollten unbedingt doch unsere demokratischen Rechte wahrnehmen. Es war denkbar knapp. Aber um kurz vor 18 Uhr gaben wir unsere demokratische Stimme ab, die das Fritz Bauer Forum bewahren möchte in ihren Aufgaben durch Bildungsmaßnahmen für Schulen, Vorträgen, Kunst, Lesungen und anderen Veranstaltungen.
Übersicht der Projekte, die das Forum macht
Eine kurze Geschichte vom Standort, dem Stadtteil Havekenschede (Quelle Wikipedia)
Havkenscheid sagte meiner Frau nichts, obwohl sie seit 2006 in Bochum lebt. Aber auch ich musste mich erstmal schlau machen. Es ist früher ein Stadtteil von Altenbochum gewesen. Er war nicht mal der Rede wert. Dort stand ein kleines Rittergut mit fünf Gehöften. In einer Urkunde um 1340 fand sich ein Theodoricus de Havekenschede, knapp ein Jahrhundert später ein Diderich. Das Rittergut von und zu Hevekenschede in seiner erstmaligen Erwähnung wechselte über die Jahrhunderte mehrfach die Besitzer.
Dann gab der Sohn Dirichs wohl das Gut an einen Wilhelm van Liborch ab um 1470. Die Tochter vom Melchior von Havkenscheid namens Elisabeth brachte das Gut in die Ehe mit Goswin von Düngelen ein, der auch das Haus Dahlhausen besaß, der fortan zum Adelsitz erhoben wurde. Havkenscheid wurde verpachtet bist 1809 die Familie Schragmüller es pachteten mangels Nachwuchs.
Einer der letzten Besitzer war ein Köhler. Der wohl mit Holzkohle so wenig verdiente, dass das Haus verfiel. 1921 kaufte es die Stadt Bochum. Eingemeindet wurde Altenbochum, das erstmalig um 900 in einer Urkunde der Abtei Werden erwähnt wurde, wo Havkenscheid zugehörig war, jedoch erst 1926. Doch die Instandsetzung war wohl teurer als gedacht. Die Bomben des zweiten Weltkrieg zerstörten es in dieser Hinsicht leider nicht, aber die städtischen Bauplanungen von 1982. Endgültig wurde es dann abgerissen. Nun steht dort ein Neubau. Das Gebiet wird durch die Autobahn A448 durchschnitten. Nichts erinnert an ein altes Rittergut außer der Name Havkenscheid, der auch die Trauerhalle anhängt auf dem Ostteil des Hauptfriedhofs.
Denkmal Trauerhalle Ost/Havkenscheid
Das Denkmal Trauerhalle Ost in Havkenscheid mit ihrer besonderen Architektur, entworfen von dem ursprünglich glühenden Nationalsozialistenarchitekten Ferdinand Keilmann (dazu später mehr) passt zweideutig perfekt als Bibliothek der Menschenrechte des Fritz Bauer Forums.
Es gibt im Internet kaum Fotos von dem Architekten Ferdinand Keilmann
Denkmalschutz für Trauerhalle in Bochum
Was mit der Trauerhalle Ost bzw. Havkenscheid in Bochum passierte war lange unklar. Sie wurde nicht mehr genutzt auf dem Hauptfriedhof. Auch die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen entschied sich gegen die Weiternutzung. Vielleicht wegen der Form der Dornenkrone in Sichtbetonweise oder wegen der Geschichte des Architekten und baute daneben eine neue Trauerhalle. Sie bauten daneben eine moderne neue Trauerhalle, die mit hohen Zäunen leider abgeschirmt werden muss wegen der aktuellen Situation des wieder stärker werdenden Antisemitismus.
Die jüdische Trauerhalle in unmittelbarer Nähe komplett wegen der aktuellen starken Wiederaufkommens des Antisemitismus mit einem hohen Zaun abgesichert.
Die Denkmalschutzbehörde entschied sich die Trauerhalle Ost in Havkenscheid 2015 unter Denkmalschutz zu stellen wegen ihrer besonderen Architektur des Brutalismus der 1970er Jahre von Ferdinand Keilmann, der die Nachkriegsarchitektur von Bochum entscheidend prägte. Was aus ihr wird, wusste damals noch niemand. Genutzt als Trauerhalle wurde sie bis 2019.
Eine tolle Bibliothek füllt den Raum der Trauerhalle mit Sitzgelegenheiten in den Betonnischen
Die Dach-Betondornenkrone drohte jedoch durch Wildwuchs und Regennässe zerstört zu werden. Der angrenzende Gebäudekomplex der Friedhofsgärtnerei und Leichenhalle verfiel zusehends zu einem Lost Place.
Die Gebäude verkamen langsam zu einem Lost Place
Doch dann wurde Dr. Irmtrud Wojak, selbst aus dem Ruhrgebiet stammend, auf die Trauerhalle und dem angrenzenden Gebäudekomplex aufmerksam. Sie dachte bestimmt, dass es genau der richtige Fleck ist dort das geplante Fritz Bauer Forum zu errichten. Und sie hat wahrlich recht gehabt!
Die Rollups über das Fritz Bauer Forum
Eine Trauerhalle, die von einem glühenden Nationalsozialistenarchitekten als Abschluss vor der Rente entworfen wurde. Ferdinand Keilmann prägte auch die Stadt Bochum im Wiederaufbau. Der große Hauptfriedhof mit seiner Trauerhallenarchitektur der 1930er Jahre der Nationalsozialisten bekam ein Gegenstück von einem ehemaligen glühenden Mitläufer. Der Entwurf der kleinen Trauerhalle Havkenscheid wirkt wie eine Entschuldigung am Ende seines Arbeitslebens als Architekt. Besser kann es für die Gründung des Fritz Bauer Forums an dieser Stelle von der Geschichte, dem Ort und die aktuelle Situation nicht sein.
Der Eingangsbereich zur Trauerhalle-Bibliothek
Gebaut wurde die Trauerhalle als Ausweichtrauerhalle, um weite Wege zu sparen zum Hauptfriedhofsteil Ost. Ebenfalls unter Denkmalschutz steht schließlich auch die große Trauerhalle, die 1935 eröffnet wurde am Freigrafendamm. Ihre Architektur und das Ensemble zeigt einmalig in Deutschland die Friedhofsarchitektur der Nationalsozialisten. Bochum wurde ein Spielfeld für Naziarchitektur, auch später bei den Bunkerbauten.
Die große „Nazi“-Trauerhalle am Haupteingang zum Friedhof
In den Planungen wurde die Trauerhalle von innen behutsam angepasst mit Stahlregalen für eine „Bibliothek für Menschenrechte“. Die Biographie von Fritz Bauer, geschrieben von Dr. Irmtrud Wojak, steht in mehreren Regalmetern. Hier kann recherchiert, geforscht und gelesen werden. Wo früher die kalten Leichen ungeheizt für eine kurze Zeit beherbergt wurden, bevor sie dann auf den Friedhof beerdigt wurden, kommen nun die Lebenden, um zu bleiben. Sie haben heute den Vorteil einer wärmenden Heizung.
Der Gebäudekomplex
Der gesamte Friedhofsbaukomplex wurde neu gestaltet, wo früher die Friedhofsgärtner und Gärtnerinnen ihre Pause verrichteten, während im anderen Trakt mit Blick auf die Trauerhalle die Toten vor der letzten Ruhestätte ein letztes Mal aufgebahrt wurden. Es gab dort wirklich getrennte Pausenräume für Männer und Frauen!
Blick auf die Dachkonstruktion von innen
„Brutale“ Architektur und Geschichte
Der Baustil „Brutalismus“ leitet sich nicht – wie man vermuten könnte – vom Wort „brutal“ ab, sondern aus dem französischen „béton brut“ für rohen Beton. In Deutschland sagt man „Sichtbeton“. Ein noch besseres Architektur-Beispiel in Bochum ist die Ruhr-Universität mit dem neu gebauten Stadtteil Hustadt in Querenburg Anfang der 1960er Jahre. Es wurden klare graue Betonlinien gezogen: Schnörkellos glatt und ein einfaches Schick, aber auch praktisch gebaut.
Glaskünstler Egon Becker
Durchbrochen wurde das graue Erscheinungsbild durch Glasmosaike durch Egon Becker, dem Glaskünstler, der auch in den Trauerhallen in den Stadtteilen Dahlhausen, Stiepel oder in Weitmar entdeckt werden kann.
Die Glaskunst von Egon Becker. Unten Dunkel nach oben hin hell.
Unten sind starke dunkle Farben, die nach oben hin heller werden und auch den Raum der Trauerhalle erhellen und so den grauen Beton oben auflockert.
Ich interpretiere es so, dass der dunkle blaue Himmel unten die Erde zeigt, die ja auch dunkel ist, aber nach oben hin heller wird. Wer stirbt der geht ins Dunkle, aber steigt in den hellen Himmel auf. Wenn der Verstorbene am Boden mit dem Rücken nach oben liegt, schaut er in den Himmel, dem Licht am Ende des Tunnels sozusagen. Der Glaskünstler Egon Becker hat sich da bestimmt was bei gedacht. Fragen können wir ihn ja nicht mehr. Er starb 1989. Er war Kunsterzieher u.a. an der Goetheschule, die Ferdinand Keilmann als Architekt ebenfalls entwarf.
Die Trauerhalle hatte einen überdachten Gang vom Betriebshof aus. Der allerdings nicht mehr vorhanden ist. Es war nicht denkmalgeschützt.
Das Foto zeigt die wohl frisch erbaute Trauerhalle mit der Dachkonstruktion Foto mit freundlicher Genehmigung der Stadt Bochum
Die Überdachung war deswegen, damit die Trauergäste trockenen Fußes vom Eingang der Leichenhalle rüber in die Trauerhalle gehen konnten. Jetzt steht die Trauerhalle als Gebäudekomplex für sich, was das Denkmal architektonisch betont.
Hier war die Dachkonstruktion bis zur TrauerhalleDie Trauerhalle während der Sanierung und dem Bau des Fritz Bauer Forums
Entstanden ist sie durch die Anregung des damaligen Oberbürgermeisters Fritz Klaus Ende der 1960er Jahre. Denn der städtische Hauptfriedhof wurde erweitert und die Wege zur Trauerhalle wurden größer bis zu den Gräbern. Die Trauernden sollten kürzere Wege bekommen zu den Begrabungsstätten, gerade im kalten Winter oder bei schmuddeligen Regenwetter. Die Friedhofsfläche wurde so groß, da hätten mehrere VfL Stadien Platz gehabt.
Am Eingang des Hauptfriedhofs gab es die protzige Trauerhalle die Ende der 1920er Jahren geplant, aber in einem Nationalsozialistischen Friedhofsgesamtkonzept fertig gestellt worden ist. Der Sozialdemokratische Oberbürgermeister wollte ein Gegenstück dazu haben. Nicht protzig, eher klein und schlicht, sowie nutzbar für alle Religionen.
Ein Betonmonument der Stille
Wer vor der Trauerhalle steht, spürt sofort: Dieser Bau ist mehr als nur ein Ort des Abschieds. Die Halle wirkt wie eine Skulptur aus Beton – klar, ruhig, kraftvoll.
Ein Raum, drei Ebenen
Die Trauerhalle ist als ein einziger großer Raum konzipiert – schlicht, aber durchdacht. Sie gliedert sich in drei übereinanderliegende Zonen, die dem Gebäude ihre markante Erscheinung verleihen:
Der Sockel: Er besteht aus vier hellen Sichtbetonstützen aus Weißzement. Zwischen ihnen sitzen dunkelgraue Betonrahmen mit großen Glasflächen. Die farbigen Bleiverglasungen von Egon Becker ergeben abstrakte Muster aus Licht und Farbe.
Die Mitte: Darüber liegt ein breiter, waagerechter Betonteil, der wie ein schwebendes Dach wirkt. Er ragt über den unteren Teil hinaus und verleiht der Halle ihre charakteristische Schwere und Ruhe.
Der obere Abschluss: Ganz oben thront ein mehrfach gestufter, quadratischer Betonaufsatz mit gezackter Silhouette – fast wie eine Krone aus Stein. Dahinter verbirgt sich allerdings ein schlichtes Flachdach.
Ein Bauwerk wie eine Skulptur
Bemerkenswert ist, dass der Bau bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten ist. Nur kleinere Ausbesserungen an der Betonoberfläche wurden im Laufe der Zeit vorgenommen.
Aus Sicht der Denkmalpflege gilt die Trauerhalle als herausragendes Beispiel des Brutalismus – einer Architektur, die Beton nicht versteckt, sondern bewusst zeigt. Ihre klare Formensprache, das Spiel von Licht und Material und die skulpturale Wirkung machen sie zu einem besonderen Zeugnis der Sepulkralkultur der 1960er- und 1970er-Jahre.
Vor der Sanierung sah es nicht gut aus für den Beton oben von der Trauerhalle
Ein stilles Meisterwerk
Während die Hauptanlage des Friedhofs noch vom monumentalen Stil früherer Zeiten geprägt ist, wirkt Keilmanns Halle modern, fast poetisch. Sie steht für einen Wandel im Umgang mit Tod und Erinnerung – weg vom Pompösen, hin zu einer ehrlichen, stillen Architektur, die Raum lässt für Nachdenken und Abschied.
So sind die Räumlichkeiten von dem Fritz Bauer Forum früher gewesen
Der Entwurf der Trauerhalle stammt von Ferdinand Keilmann. Die Ausführung fand jedoch erst nach der Pensionierung Keilmanns 1973 und 1974 durch die Firma Philipp Holzmann statt. Die planerische Leitung oblag dem Dipl.-Ing. Hans-Rolf Dönges, welcher sich am ursprünglichen Entwurf von Ferdinand Keilmann orientierte.
Der Bau der Bibliothek durfte nicht das Denkmal beeinträchtigen
Im April 2015 wurde die Trauerhalle Havkenscheid schließlich als Denkmal aufgelistet als Zeugnis des Werkes des prägenden Architekten und ehemaligen Nachkriegs-Baumeisters der Stadt Bochum Ferdinand Keilmann.
Ein Plan zeigt, wie groß der Hauptfriedhof ist
Die Buxus-Stiftung – Bildung, Erinnerung, Demokratie
Ich wusste ehrlich gesagt nicht, was sich hinter der alten Trauerhalle in Bochum verbirgt, außer eben einer Trauerhalle, die zum Denkmal wurde. Erst am Tag des offenen Denkmals bin ich nun auf die Buxus-Stiftung gestoßen – und war sofort beeindruckt. Ohne sie gäbe es das Fritz Bauer Forum überhaupt nicht.
Gegründet wurde die Stiftung 2013 von Dr. Irmtrud Wojak, einer Bochumerin mit beeindruckender Vita. Sie hat eine umfassende Biografie über Fritz Bauer geschrieben – jenen Juristen, der den Auschwitz-Prozess möglich machte und nie müde wurde, an das „Nie wieder!“ zu erinnern.
Für Wojak ist dieses „Nie wieder!“ kein bloßer Satz, sondern ein Auftrag. Sie will aktiv daran mitarbeiten, dass die Menschenwürde, fest verankert im ersten Artikel unseres Grundgesetzes, nicht vergessen, sondern gelebt wird.
Die Buxus – Stiftung hat einen eigenen Verlag: Buxus Edition. Dort werden auch Bücher aufgelegt, die sich mit dem Thema Menschenrechte beschäftigen. Auch die Biografie von Fritz Bauer von Dr. Irmtrud Wojak ist hier zu kaufen. (Unten sind alle Links)
Mein Schatten zeigt: Ganz wichtig dieses Fritz Bauer Forum!
Vom Ruhrgebiet in die Welt – und zurück: Dr. Irmtrud Wojak
Bevor Dr. Wojak die Stiftung gründete, arbeitete sie viele Jahre in Latein- und Mittelamerika. Dort lernte sie Menschen kennen, die um ihre Rechte kämpfen mussten, und schrieb ihre Dissertation über politische Gegner des NS-Regimes und Überlebende des Holocaust.
2013 gründete sie schließlich die Buxus-Stiftung, benannt nach dem widerstandsfähigen Buchsbaum – ein Symbol für Stärke, Erneuerung und Standhaftigkeit. Finanziert wird sie durch öffentliche Mittel und Partner wie Vorwerk oder die NRW-Stiftung, die auch das Fritz Bauer Forum unterstützte.
Ziel der Stiftung ist es durch Bildung die Demokratie und Erinnerungskultur zu bewahren und Menschenrechte schützen – in Deutschland und weltweit.
Oder kurz gesagt: Bildung. Erinnerung. Demokratie.
Die Stiftung gibt den Menschen eine Stimme, denen Unrecht widerfahren ist – damals wie heute. Sie versteht sich als Ort des Dialogs, der Aufklärung und der Verantwortung.
Das Fritz Bauer Forum – ein Ort der Begegnung
In Bochum hat die Stiftung ihren passenden Ort gefunden für ihre Idee des Fritz Bauer Forums. Hier treffen Architektur, Geschichte und Bildungsarbeit aufeinander. Die einst leerstehende Trauerhalle vom umstrittenen, aber Bochum prägenden Architekten Ferdinand Keilmann wurde liebevoll umgebaut – ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren.
Immer wieder sind spannende Vorträge zu bestimmten Themen
Heute befinden sich dort eine moderne Bibliothek, Ausstellungsräume. Es werden angeboten Workshops, Schulprogramme und ein Archiv mit Biografien von Überlebenden und Geschichten der Menschenrechtsbewegung. Zwischen den Bücherregalen laden Leseecken und offene Treppen dazu ein, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – und über die Gegenwart und das Gestalten der Zukunft nachzudenken.
Warum gerade Bochum?
Bochum war kein Zufall. Als gebürtige Bochumerin wusste Dr. Wojak um die Bedeutung dieser Stadt – ein Ort, der seit über 100 Jahren von Migration, Industrie und einem stetigen Strukturwandel geprägt ist. Mit der Ruhr-Universität, dem kulturellen Erbe des Bergbaus und seiner offenen Gesellschaft ist Bochum der ideale Standort für ein Forum, das Demokratie, Vielfalt und Erinnerungskultur fördern will.
Der angrenzende ehemalige Verwaltungsbau aus den 1970er-Jahren wurde nicht abgerissen, sondern in das Gesamtkonzept integriert. So entstand ein Kommunikationshaus, das Geschichte bewahrt und gleichzeitig Zukunft gestaltet.
Nie wieder ist jetzt
Mit der Buxus-Stiftung und dem Fritz Bauer Forum hat Dr. Irmtrud Wojak einen Ort geschaffen, der zum Nachdenken anregt – über Menschlichkeit, Verantwortung und den Wert der Demokratie.
Sie hat das Leid vieler Menschen, das Unrecht und die Folgen von Krieg und Diktatur in einer einzigen Trauerhalle zusammengeführt – und daraus einen Ort der Hoffnung gemacht.
Die Buxus-Stiftung hat den eigenen Verlag Buxus Edition zum Verlegen von Büchern zum Thema Menschenrechte und Wahrung der Demokratie. Jede Veranstaltung kann durch einen Live-Stream auch bequem von zu Hause aus angesehen werden. Das Forum ist auf den modernsten Stand und versucht mit allen Mitteln die Bildung weiterzugeben.
Auch Räume können angemietet werden, sowie auch das Podcast-Studio. Internationale Künstler sind eingeladen Ausstellungen im Laufe des Jahres mitzumachen, die das Thema Menschenrechte auf die Agenda geschrieben haben.
Denn, um es mit den Worten Fritz Bauers zu sagen:
„Nichts gehört der Vergangenheit an – alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“
Wer einen Vorwerk Staubsauger oder Thermomix kauft, gibt also einen kleinen Teil zur Bewahrung der Menschenrechte und Demokratie dazu, denn einer der Vorwerk Brüder unterstützt die Buxus-Stiftung. Die Beweggründe liegen in der Geschichte der traditionellen Firma für Haushaltsgeräte.
Vorwerk wurde 1883 gegründet. Aber auch die Staubsaugerfirma wurde in den 1940er Jahren auf die Produktion von Munition für den Krieg der Nationalsozialisten umgestellt. Statt die Alliierten aufzusaugen wurde scharfe Munition und Bomben hergestellt von Zwangsarbeitern an der Fabrikstandorten.
Eine Anekdote von Magdalena Köhler war, dass es französische Zwangsarbeitern gelungen war Bomben so zu präparieren und sabotieren, dass sie beim Angriff auf sowjetische Städte keine Explosion gab. Alle waren Blindgänger. Leider kam das natürlich heraus. Zehn Franzosen wurden aus dem Werk von der Gestapo geführt und wurden nicht mehr wiedergesehen…
Im Zuge der Wiedergutmachungszahlungen für Zwangsarbeiter, hat Vorwerk als einer der ersten sich geöffnet. Das Unternehmen hat seine dunkle Geschichte aufgearbeitet.
Fritz Bauer (1903–1968) war Jurist, überzeugter Demokrat, Verteidiger der Weimarer Republik und Überlebender des Nationalsozialismus. Aufgewachsen in einer liberal-jüdischen Familie in Stuttgart, verstand er sich selbst als glaubenslos, aber tief demokratisch. Schon als Student kämpfte er für die Werte der Weimarer Republik – und wurde damit früh zum Feindbild der Nazis.
Mit nur 26 Jahren wurde Bauer 1930 der jüngste Amtsrichter Deutschlands. Nach der Machtübernahme 1933 wurde er verhaftet, später aber wieder freigelassen – aus bis heute ungeklärten Gründen. 1936 gelang ihm die Flucht nach Dänemark, später nach Schweden. Dort arbeitete er im Exil eng mit dem späteren sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt zusammen und gründete die Zeitschrift Sozialistische Tribüne.
1949 kehrte Fritz Bauer nach Deutschland zurück. Zunächst Landgerichtsdirektor in Braunschweig, wurde er 1956 Generalstaatsanwalt in Hessen. Von dort aus kämpfte er unermüdlich für Gerechtigkeit und Aufklärung der NS-Verbrechen – oft gegen den Widerstand einer Justiz, die noch von alten Nazi-Kadern geprägt war. „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“, sagte er einmal über seine Arbeit.
Nazijäger Bauer führt zu Adolf Eichmanns Verhaftung
Fritz Bauer hatte Informationen bekommen, wo sich der „Endlösungsplaner“ Adolf Eichmann aufhielt. Er übergab 1960 die Information dem israelischen Geheimdienst Mossad, die ihn mit einer spektakulären Entführungsaktion nach Israel entführten und ihn dort vor Gericht stellten. Dort kamen viele Dinge ans Tageslicht, die in der Form damals wahrscheinlich nicht in Deutschland machbar gewesen wäre.
Der Auschwitz-Prozess und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen
Bauer war der zentrale Initiator des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963–1965). Gegen massiven Widerstand sorgte er dafür, dass die Täter des Konzentrationslagers Auschwitz vor Gericht gestellt wurden. Auch wenn viele Angeklagte nur wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wurden, gilt Bauers Einsatz als Wendepunkt: Er zwang die deutsche Gesellschaft, sich mit der eigenen Schuld auseinanderzusetzen.
Er trieb außerdem Verfahren gegen NS-Mediziner, Juristen und Wehrmachtsangehörige voran und setzte sich für die Rehabilitierung der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 ein. Sein berühmtes Zitat aus dem Remer-Prozess lautet:
„Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“
Vision eines humanen Strafrechts
Neben seiner juristischen Arbeit war Bauer ein Vordenker moderner Strafrechtspolitik. In seinem Hauptwerk Das Verbrechen und die Gesellschaft (1957) plädierte er für ein Rechtssystem, das auf Resozialisierung statt auf Strafe setzt – ein radikaler Gedanke seiner Zeit.
1961 gehörte er zu den Mitbegründern der Humanistischen Union, die heute noch den Fritz-Bauer-Preis für Zivilcourage und Rechtsstaatlichkeit vergibt.
Das Vermächtnis ist das Fritz Bauer Forum
Tod und Vermächtnis
Am 1. Juli 1968 wurde Fritz Bauer tot in seiner Frankfurter Wohnung gefunden. Offiziell wurde Herzversagen durch Vorschädigungen am Herz plus Einnahme von Schlafmitteln und eine Bronchitis festgestellt. Doch bis heute wird über die Umstände seines Todes spekuliert. Sicher ist: Ohne Fritz Bauer hätte die Bundesrepublik ihre NS-Vergangenheit noch länger verdrängt. Er bleibt einer der wichtigsten Wegbereiter für ein demokratisches und selbstkritisches Deutschland. Umso wichtiger ist er für das Forum für Menschenrechte der Namensgeber in und um die Trauerhalle Havkenscheid.
Schattenwand – wir hören alle zu
Fritz Bauer hat mit dem Ruhrgebiet nie etwas zu tun gehabt. Er wurde hier nicht geboren, hat es wahrscheinlich nie besucht. Aber jetzt wird er hier im vielfältigen Ruhrgebiet statt in seiner letzten Wirkungsstätte Frankfurt mit einem Forum für Menschenrechte geehrt für seine Arbeit als „Nazi-Jäger“, wie er genannt wurde. Er hatte das Treten der Menschenrechte unter den Nationalsozialisten selbst durch einen Aufenthalt im Konzentrationslager erfahren umso mehr kämpfte er für ein „Nie wieder“. Er sollte als Vorbild in der heutigen Gesellschaft gesehen und nicht vergessen werden.
Fritz Bauer hat den Artikel 1 vom Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das 1949 prägend für den Wandel eines neuen demokratischen Staates in Europa war, weithin sichtbar an der Fassade des Justizgebäude in Frankfurt, seinem Arbeitsplatz als Generalstaatsanwalt in Hessen, angebracht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.
Nun kommt ein anderer Mann ins Spiel, der die Trauerhalle entworfen hat und Anhänger der Nazis war, die Fritz Bauer Zeit seines Lebens vor Gericht stellen wollte.
Architekt Ferdinand Keilmann – Von der „Welthauptstadt Germania“ zum Stadtgestalter in Bochum
Ferdinand Keilmann steht für die Bochumer Nachkriegsarchitektur, wie kaum ein anderer. Viele seiner Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Doch seine Biographie ist mehr als nur eine Erfolgsgeschichte, sondern es stellen sich viele schwierige Fragen zur Vergangenheit seines Schaffens.
Vom Musikersohn zum Architekten des NS-Staates
Geboren am 24. Juli 1907 in Würzburg, war Keilmann das älteste Kind eines Gymnasiallehrers und Musikprofessors. Eine Rachitis-Erkrankung machte ihn schwerhörig. So konnte er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, was er sich gewünscht hatte. Er entschied sich für das Bauen von Gebäuden.
Nach einer Tischlerlehre studierte Keilmann Architektur in Offenbach, Aschaffenburg und Weimar – an der Nachfolgeinstitution des legendären Bauhauses. Einer seiner Lehrer war Ernst Neufert, später ein bedeutender Theoretiker des modernen Bauens.
Doch Keilmanns Weg nahm früh eine politische Wendung. Da beginnt die schwierig Einschätzung seiner Person: Schon 1932 trat er in die NSDAP ein. In Aschaffenburg arbeitete er nach 1934 als Pressewart der Ortsgruppe. Ab 1936 war er als Architekt für die Reichsluftwaffe tätig, plante Offiziersheime und Wohnhäuser auf Sylt, später Kasernen in Berlin. War er nur karrieregeil und wußte, dass er dies auf dem Weg als Parteiangehöriger ohne Probleme machen konnte.
Planer für Hitlers „Germania“
Ab 1939 arbeitete Keilmann im Umfeld von Albert Speer, dem Chefarchitekten des Regimes. Gemeinsam mit Kollegen plante er am Südbahnhof für „Germania“, Hitlers gigantische Vision einer „Welthauptstadt“. In dieser Zeit war Keilmann Teil eines Systems, das Architektur als Ausdruck von Macht, Kontrolle und Ideologie verstand. Er muss den Weg der Partei gegangen sein. Er musste wissen, was sich im Hintergrund abspielte als es um Bauten in der Kriegszeit nur noch mit Zwangsarbeitern und ihrem Schicksal geht. Er war Mitwisser. Doch vielleicht hat er nie selbst geschossen. Wahrscheinlich war er dennoch einer derjenigen, der wusste, wohin die Zwangsarbeiter gingen, wenn sie nicht mehr fähig waren die Arbeiten auszuführen, nämlich in den Tod.
Nach Kriegsende geriet Keilmann in die Mühlen der Entnazifizierung. Ungewöhnlich ist, dass er gleich zwei Mal die Verfahren durchmachen musste, 1947 und 1948. Beide Verfahren überstand er und erhielt auch die Zulassung als Architekt. 1950 holte ihn Stadtbaurat Clemens Massenberg ins Hochbauamt der Stadt Bochum.
Dort begann Keilmann seine produktivste Phase. In den 1950er Jahren entstanden zahlreiche öffentliche Gebäude, z.B. das leider abgerissene Stadtbad und das Hochhaus der Stadtwerke Bochum, das heute unter Denkmalschutz steht, sowie Schulen, verschiedene Trauerhallen und Verwaltungsbauten, die heute als typische Vertreter der Nachkriegsmoderne gelten. Sein letztes Architekturwerk war vor der Pension die Pläne für die Trauerhalle Ost in Havkenscheid, die er selbst nicht mehr ausführen konnte.
Zwischen Anpassung und Aufbau
Mein Schatten zeigt: Ganz wichtig dieses Fritz Bauer Forum in Bochum!
Ferdinand Keilmann war kein einfacher Charakter, und seine Biografie ist kein Heldendrama. Er war Architekt in zwei völlig unterschiedlichen Systemen – und er passte sich beiden an. In der NS-Zeit arbeitete er an den Prestigeprojekten des Regimes, nach 1945 am Wiederaufbau einer demokratischen Stadt.
Vielleicht liegt genau darin das Spannende an seiner Geschichte: Sie zeigt, wie brüchig die Grenzen zwischen Schuld, Mitläufertum und Neubeginn in der Nachkriegszeit waren.
Er musste gewusst haben, dass er für Architekturprojekte in Kriegszeiten verwendete Zwangsarbeiter in den Tod geschickt hat, wenn sie zu schwach wurden. Er muss nicht selbst geschossen haben. Es reicht das anderen, die es tun mitzuteilen. Das ist nun reine Spekulation, aber bei der „industriellen Verwertung“ von „Menschenmaterial“ im zweiten Weltkrieg, um das System am Laufen zu halten, war jedes Mittel recht und die Schwächsten zogen immer den kürzeren. Er war Mitglied in der NSDAP seit 1932. Lebte wahrscheinlich auch durch Überzeugung die Rassentheorien. Er machte durch die Parteimitgliedschaft eine große Karriere und die ging fast nahtlos in Bochum weiter durch den Baudezernenten Clemens Massenberg. Sie mussten sich gekannt haben schon aus Berliner Zeiten. Clemens Massenberg sorgte für den Neubau der Innenstadt von Bochum und prägte sie so, wie sie heute zu sehen ist.
Diverse Kunstfotografien setzen die Trauerhalle ganz besonders mit ihrem Betoncharakter in Szene
Massenberg wollte breite Straßen, zweckgebundene Wohn- und Geschäftshäusern, die schnell aufgebaut werden konnten. Alte Fachwerkhäuser, bis auf eins, in der heute die Gaststätte Rietkötter ist, sollten verschwinden. Er dachte an die Zukunft des Automobils. Ferdinand Keilmann war eine große Unterstützung für Massenberg. Er entwarf auch das leider schon abgerissene neue Stadtbad in der Innenstadt, sowie das Hochhaus in der modernen Stahlskelettbauweise für die Stadtwerke Bochum, das auch unter Denkmalschutz steht. Des Weiteren entstanden unter seiner Leitung eine große Anzahl Schulen (u. a. Neulingschule, Rosenbergschule, Erweiterungsbau Goetheschule) und weitere Trauerhallen (Stiepel, Dahlhausen, und Gerthe). Darüber hinaus plante er den neuen Rathaussitzungssaal sowie die Errichtung der Aussichtsplattform im Turm der Burg Blankenstein (Hattingen). Ferdinand Keilmann entwarf auch den Grabstein für Clemens Massenberg auf dem Hauptfriedhof als dieser 1954 starb. Er musste Massenberg unendlich dankbar gewesen sein, um von der eher dunklen Schattenseite seines Tuns vor dem Ende des Weltkriegs, neues wieder aufleben zu lassen, das lange Bestand haben sollte. Das ist ihm auch gelungen.
Sein letzter Auftrag vor der Beamtenpension war der Entwurf der Trauerhalle Ost in Havkenscheid als Gegenentwurf für die große Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof, die in der Zeit der Nationalsozialisten architektonisch pompös, von weitem sichtbar errichtet wurde. Sie wurde zwar schon Ende der 1920er Jahre geplant. Aber bei den Baumaßnahmen wurden entsprechende angepasste Änderungen vorgenommen. Sie ist auch unter Denkmalschutz und gilt als einmalig für die Friedhofskultur der 1930er Jahre in ganz Deutschland. Keilmann hat als Architekt im Hochbauamt der Stadt Bochum zwischen 1950 und 1972 einen erheblichen Beitrag zum Stadtbild geleistet.
Keilmann starb am 7. September 1979 in Bochum – als anerkannter Architekt, aber mit einer Vergangenheit, die bis heute Fragen stellt. Begraben wurde er, wie sollte es auch anders sein, auf dem Hauptfriedhof ganz in der Nähe seines letzten Architekturentwurfs der Trauerhalle Ost in Havkenscheid.
„Flaschengefühle“ im Vortragssaal vom Fritz Bauer Forum
Da hat der Clemens Massenberg in ihm einfach einen guten Architekten gesehen, der Bochum von den kleinen zerbombten dunklen Fachwerkgassen hin zu einer brummenden luftigen Großstadt umbaut. Ob das ein Augenschmaus ist, sei dahin gestellt. Jede Stadt hat interessante Dinge zu erzählen, ob schön oder nicht.
Verführung muss durch Bildung bekämpft werden
Fritz Bauer würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen würde, wie sich unsere heutige Gesellschaft so leicht verführen lassen durch die sozialen Medien und den gleichen Parolen, die die Nationalsozialisten in den 1920er und 1930er Jahren bei den Wahlen genutzt haben. Aufklärung, Bildung und das Wahren der Demokratie ist umso wichtiger geworden gerade in der jungen Generation, denn die alten, die es selbst erlebt haben, sind bald nicht mehr da.
Die junge Generation kennen den Namen Fritz Bauer nicht. Sie können nicht wissen, dass er als Generalstaatsanwalt in Frankfurt den Auschwitzprozess angestoßen hat und viele noch in den Bundesbehörden tätige Nazis fangen wollte. Er hat dadurch auch die sogenannte 68er Generation angestoßen, die ihre Eltern fragten, was sie da eigentlich totschweigen, warum sie manche Dinge aus der Kriegszeit verschweigen. Die Verkrustung der alten Nazistruktur innerhalb der Bundesrepublik war groß. Der Staat musste beim Neustart funktionieren. Es wurde entnazifiziert, um Lehrer, Manager, Verwaltungsangestellte, Politiker, Juristen, Anwälte, Richter und viele andere Zivilisten, die auch direkt oder indirekt Täter waren, den neuen Staat, die Bundesrepublik Deutschland zu gründen, um gegen den neuen Feind des Westens, nämlich Stalin und der Kommunismus, einen neuen Verbündeten zu haben. Darunter gehörte auch der Architekt der Trauerhalle Ferdinand Keilmann. Ein entnazifizierter erfolgreicher Architekt, der heute wahrlich seine denkmalgeschützte Spuren hinterlassen hat in Bochum.
Der Vortragssaal
Kleiner Film-Tipp:
Die Serie „Deutsches Haus“ befasst sich mit den Auschwitz-Prozessen sehr eindringlich. Inhaltlich geht es um eine junge Dolmetscherin, die für die Auschwitz-Prozesse von Fritz Bauer angestellt wird, um vom polnischen in die deutsche Sprache vor Gericht zu übersetzen. Sie selbst findet nach und nach raus, warum sie so gut polnisch kann und wo sie aufgewachsen ist, doch es verdrängt hat, weil sie zu jung war.
Iris Berben spielt eine Auschwitz-Überlebende sehr eindringlich. Sie war in der Nebenrolle so oscarreif. Mir stockte bei ihrer Spielart der Überlebenden der Atem und ich hatte einen Klos im Hals.
Kunst spielt mit dem Gebäude
Wer sich also mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte sich auf Disney+ die Serie anschauen:
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„Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“
Dieses Zitat von Fritz Bauer soll künftig über dem Eingang der ehemaligen Trauerhalle stehen, als Aufforderung und Hoffnung für die Menschen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis Fritz Bauers Wirken entsprechend gewürdigt wurde. Ich mache dies jetzt in meinem Blog. Er ist hier im Ruhrgebiet, dem Gebiet der Vielfalt, in der Stadt Bochum angekommen und wird auf eine besondere Art gewürdigt, was wir der Idee von Dr. Irmtrud Wojak zu verdanken haben.
Ganz ehrlich: Das Forum ist zur richtigen Zeit errichtet worden. Irmtrud Wojak würdigt damit nicht nur das Wirken von Fritz Bauer, sondern Alle, die Menschenrechte verteidigen, sowie alle Überlebenden in der Welt, aber auch alle Toten, die durch Krieg und Autokratie, wo Menschenrechte nicht zählen, mit diesem Fritz Bauer Forum eine Anlaufstelle der Aufklärung und Wahrung für die Zukunft. Das ist ein großer Chapeau mit viel Respektschampus! Das ist Bundesverdienstkreuzwürdig!
Abschließend ist folgender Satz von Dr. Irmtrud Wojak sehr zu Herzen zu nehmen und auf jeden Fall für sich mitzunehmen, aufzustehen für den Widerstand für die Überlebenden. Ich will es weitergeben für die, die nicht überlebt haben mit diesem und auch den ein oder anderen Podcast zusammen oder ohne Jack Tengo, der genauso dahinter steht. Egal wie viele es nun gehört haben oder hören werden oder diese Zeilen gelesen haben oder nicht:
„Fritz Bauer war die Stimme des Widerstands der Überlebenden im Nachkriegsdeutschland.“
Dr. Irmtrud Wojak Historikerin und Gründerin des Fritz Bauer Forums
Der kurze einprägsame und erstaunliche Vortrag über das Denkmal und den neuen Inhabern von Magdalena Köhler war augenöffnend und horizonterweiternd. Ich habe meinen Teil dazu beitragen wollen. Die Idee von Dr. Irmtrud Wojak die Trauerhalle zu einer Bibliothek der Menschenrechte zu machen finde ich sehr ehrenswert. Bochum hat nun einen ganz besonderen Ort für eine Erinnerungskultur bekommen, einem Ort von Bildung, die zum Erhalt der Demokratie führen soll. Ein Ort, den trotz der politischen Situation, auf jeden Fall bewahrt werden muss.
Hätten die Alliierten den Krieg gegen Deutschland nicht gewonnen, wo wäre der Weg der Menschenrechte hingegangen? Eine Frage, die wir zum Glück nicht beantworten müssen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte auch das Fritz Bauer Forum und erklärte: „Demokratie verlangt Wachheit. Und sie erlaubt keinen Rückzug, sie will Einmischung, um ihretwillen, nicht um der Empörung willen. Diese Haltung hätte Fritz Bauer sich von uns gewünscht – nein, er hätte sie erwartet!“
So schließe ich selbst mit den Worten: „Seid die Stimme des Widerstands der Überlebenden in der Welt! Seid diejenigen die Aufstehen gegen Unrecht und gegen die Lügen der Autokraten, Populisten und rechtsrückenden Lügenversteher! Steht auf und seid die Stimme des Widerstands!
Ich für meinen Teil mische mich ein. Habe Haltung. Und du?
(Wer sich eingehender mit der Thematik befassen möchte, sollte nicht Wikipedia nutzen, sondern eingehenden Literatur in der nächsten Stadtbibliothek oder Buchhandlung nutzen.)
Alle Fotos sind (C) André Brune – Die zwei von der Stadt Bochum sind bei einem Podcast mit Markus Lutter vom Bildarchiv der Pressestelle vom Monitor abfotografiert worden. Danke für die Genehmigung!
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Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte allein in Bochum seit 2004 mittlerweile 374 Stolpersteine und vier Stolperschwellen. Sie erinnern nicht nur in Deutschland an die Opfer des Faschismus. Die Patenschaften übernahmen Schulklassen, Vereine, Initiativen und auch engagierte Einzelpersonen, die sich jeweils mit der Biografie der Opfer beschäftigt haben. Stolpersteine erinnern an Jüdinnen und Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Menschen mit Handicap und politisch Verfolgte.
Damit die Stolpersteine schön glänzen und gut lesbar sind, müssen sie regelmäßig gereinigt werden. 2022 ist die letzte stadtweite Putzaktion vom Kinder- und Jugendring organisiert worden. Da zahlreiche Steine wieder stark verschmutzt und kaum noch leserlich sind, laden das Kommunale Integrationszentrum und der Kinder- und Jugendring zu einer neuen Stolpersteinputzaktion ein.
Möglichst viele Stolpersteine und die Stolperschwellen sollen im Zeitraum zwischen dem 22. September und dem 09. November 2025 (87. Jahrestag der Reichspogromnacht) gereinigt werden.
Gruppen und Einzelpersonen, die sich an der Putzaktion beteiligen möchten, können sich in der Geschäftsstelle des Jugendrings (E-Mail: info@jugendring-bochum.de; Telefon: 0234 – 51 64 61 56) melden und mitteilen, wieviel Zeit sie für die Aktion einbringen können und in welchem Stadtteil sie sich engagieren möchten. Putzmaterial wird vom Jugendring zur Verfügung gestellt.
Ich werde meinen Teil dazu beitragen und so viele sauber machen, wie ich kann. Denn gerade jetzt ist #niewiederistjetzt Der Faschismus greift wieder um sich und verführt die Jugend. Die letzten Kommunalwahlen zeigten es, wie sehr Menschen auf die „einfachen“ Lösungen reinfallen, die eine Alternative sein sollen, die mit den gleichen Narrativen die Menschen verführen, wie damals die NSDAP. Wohin das die Bevölkerung in Europa geführt hat, zeigen die Stolpersteine. Gunter Demnig macht weiter, weil die Gefahr des Faschismus nie verschwunden war, sondern in ganz Europa immer noch vorhanden und jetzt wieder verstärkt wurde. Sie tragen keine Springerstiefel mehr, sondern schicke Anzüge, aber reden nicht nur von Remigration, sondern auch von Mord und das Ändern der Gesetze, das Abschaffen der Demokratie!
Ich selbst hätte nie gedacht, dass die Menschen so einfach zu verführen sind, wo meine Generation schon gut aufgeklärt wurde. Aber die sozialen Medien, die KI-Technik und einfache politische Polemik greift heute wieder Menschen an, die sich gerade ihre Freiheiten gesetzlich erkämpft haben.
Auch ich fühle mich verpflichtet für die Vielfalt des Ruhrgebiets zu kämpfen. Die Stolpersteine sind für mich das Projekt, das nun umso mehr in den Vordergrund kommen wird bis zur nächsten Landtagswahl in NRW. Wer mehr über die Geschichte der Stolpersteine erfahren möchte, kann sich gern den Vortrag als Podcast ansehen, den ich aufnehmen konnte, als Gunter Demnig in Bottrop 2023 Stolpersteine verlegt hatte:
Eine besondere Situation war es für mich heute bei einer Stolpersteinverlegung für die Familie Meyer in Bottrop beizuwohnen aus verschiedenen Gründen.
Zum einen kam Liesel Appel extra aus den USA mit ihrer Familie. Denn ihre Familie hatte hier gewohnt und die Macht der Nationalsozialisten unmittelbar erlebt. Liesel hatte nachgeforscht und ein Buch erschien darüber. Wir haben uns die Hände geschüttelt und uns umarmt als wenn wir uns länger nicht gesehen hätten.
Es war sehr rührend. Liesel übergab mir ihr Buch über das Ereignis, was sich auf der Gladbecker Straße 334 in Bottrop in ihrer Kindheit zugetragen hat. Natürlich wollte ich ein Autogramm. Das Buch ist leider vergriffen. Es wird in einem Podcast von mir besprochen werden.
Ich habe die bedeutsamen und hervorragenden Reden von ihr und Oberbürgermeister Bernd Tischler komplett aufgenommen, auch persönlich bekommen und werde über die Stolpersteine berichten mit einem Podcast mit dem Initiator Oliver Schwittay. Er hat das Verlegen in die Wege geleitet. Wenn es möglich ist, werde ich per Zoom nochmal mit Liesel sprechen.
Familie Schwittay mit Liesel Appel
Die Geschichte…
… ist die eines Babys, das bei der Reichsprogromnacht aus dem Fenster geworfen wurde und von einem Mann aufgefangen wurde, der selber ein Nationalsozialist war, wie Liesel Appel bei ihren Recherchen erfuhr. Die Geschichte ist, wie ein Hollywooddrama von Spielberg. Das Kind wurde gerettet, versteckt, überlebte und kam nach Palästina. (mehr Infos folgen im Podcast)
Dort auf der Straße hatte ich 9 Jahre lang nur wenige Häuser weiter mit meiner Schwester eine Fußpflegepraxis. Von dieser Geschichte hörte ich damals zufällig durch eine Kundin, die in unmittelbarer Nachbarschaft gewohnt hatte. Mittlerweile schon lange unter der Erde, hätte sie vielleicht noch was dazu sagen können oder auch nicht. Doch in dieser Geschichte war es der damalige Kommunist Clemens Kraienhorst, der zufällig drunter hergeschlendert kam und das Kind gerettet haben soll.
Es ranken sich tatsächlich mehrere Legenden um diesen Bottroper Fenstersturz. Aber dieser blieb mir im Gedächtnis. Definitiv werde ich darüber ausführlicher berichten allein deswegen.
Dann gab es zwei weitere Ereignisse, die mich hin und her bewegt hatten. Zum einen wurde wegen meiner Anwesenheit bei der Stolpersteinverlegung die Abfahrt der Hilfsfahrt nach Bosnien-Herzegowina mit dem Verein Aktion Leben und Lernen um eine Stunde nach hinten geschoben und kurz vor der Stolpersteinverlegung bekomme ich den Anruf, dass eine liebe Tante von mir verstorben ist. Ich wollte ursprünglich auch wegen der Situation der palliativen Pflege ab heute kurzfristig absagen. Aber jetzt bin ich unterwegs. Komme auf andere Gedanken. Kann Menschen helfen, die Unterstützung brauchen.
In manchen Situationen ist es wahrlich schwer zu entscheiden. Ich danke meinen Cousinen, Simone und Andrea, die die Vorbereitungen der Beerdigung treffen. Wenn ich wieder da bin, unterstütze ich, wo es nötig ist. Logisch!
Oberbürgermeister von Bottrop Bernd Tischler mit Liesel Appel bei den eingesetzten Stolpersteinen der Familie Meyer
So ist das Leben. In der Vergangenheit, wie zur Zeut sterben Menschen wieder durch Kriege und politische Hetze, aber eben auch mit oder ohne Schmerz im Alter. Die einen erleben ein neues Leben durch Rettung, die anderen können auch Ärzte nicht mehr retten.
Die Geschichte der Familie Meyer sollte nicht vergessen werden. Meine Tante Raphaela wird in meinem Herzen sein. Unvergessen. Mit dem Hintergedanken, dass ich nicht so viel Zeit hatte, einen Teil meines Lebens mehr mit ihr verbringen zu können.
Die Geschichte geht weiter. Es sollte immer gemahnt und erinnert werden, an Menschen gedacht werden, die man geliebt hat und weiter lieben wird. Es sollte an Menschen gedacht werden, die wir nicht kennen, die gelitten haben, denn das könnten wir sein in einer Zukunft, die wir so nicht erleben möchten, was die Familie Meyer erlebt hat.
Mein Tante hat die Jahrzehnte in Frieden in Europa gelebt. Jetzt ist der innere Frieden von vielen Seiten bedroht. Und keiner weiß, was die nächsten 80 Jahre in Europa bringen werden.
Die Stolpersteine stehen für die Erinnerungskultur, die eine besondere Partei nicht mehr auf der Agenda stehen haben möchte. Ich betone: Erinnerung ist wichtig, damit die Geschichte sich in der Form von damals hoffentlich nicht wiederholen wird.
Und jetzt bin ich auf der Autobahn in Richtung eines Landes, das immer noch tiefe Wunden des Krieges hat. Auch dort können Stolpersteine verlegt werden für die Gräuel, die vor 30 Jahren an der Tagesordnung waren bei den eigenen Nachbarn. Das war und ist Bosnien-Herzegowina. Und der Ort Srebrenica steht für einen modernen durchgeführten Holocaust an der bosnischen Bevölkerung. Auch hier muss man nach vorne Schauen, Frieden stiften, erinnern und für Völkerverständigung werben. Nur Zusammen und solidarisch kann uns ein gutes und friedliches Leben für die Zukunft bringen, egal wo wir Menschen leben. Lieben, nicht Hassen, füreinander einstehen, nicht aufeinander hetzen mit Lügen und Gewalt.
Grube Georg – Eisenerzbergbau an der A3 in Oberhonnefeld im Westerwald
Gern hätte ich die kleine große Dame noch kennen lernen wollen. Nun ist die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer am 9.5.2025 genau 80 Jahre nach der Befreiung von Nazideutschland im hohen Alter von 104 gestorben.
SEID MENSCHEN – R.I.P. Margot Friedländer Foto (c) André Brune
Die Sumpfpflanze, fotografiert im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und heutigen Staatlichen Museum in Polen, ist ein Symbol für den Aufbruch von Liebe, Hoffnung und Frieden in Zeiten von neuem Hass, Krieg und weiteren Verwüstungen.
Natur statt Terror soll wachsen in den Lagern.
Jetzt kann sie in Frieden ruhen. Ihr Schlaf war nicht einfach. Jede Nacht aufs Neue hat sie den Terror vom Konzentrationslager Auschwitz vor Augen gehabt.
Dennoch ging sie im hohen Alter zurück nach Deutschland, um von ihren Erlebnissen zu erzählen, damit es nicht vergessen wird und sich nicht wiederholen wird.
Seid Menschen, sagte sie und hatte noch viele Zitate kreiert durch ihre Erfahrungen und Erlebnisse, über die sie erst mit über 80 sprechen wollte.
Kürzlich sollte sie den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland bekommen. Doch wie ein Zeichen starb sie kurz nach den Feiern zu Befreiung von Nazideutschland 80 Jahre nach dem Kriegsende.
80 Jahre lebte sie ohne Terror und in Frieden. Das Erstarken der AfD erschreckte sie und ließ Erinnerungen wieder hoch kommen.
Möge es sich nicht wiederholen, was sie und die anderen Überlebenden erlebt haben.
Im meinem Ruhrgebietsblog ist es mir wichtig die Vielfalt hoch zu halten und auch Margot Friedländer zu erwähnen. Sie besuchte auch das Ruhrgebiet. Und vom Ruhrgebiet aus Bochum und Essen gingen direkte Transporte nach Auschwitz. Und im Rahmen meines Stolperstein Ruhrgebiet Projekts zur Erinnerungskultur ist das ein Muss. Auch im Ruhrgebiet gab es Terror, Lager, Zwangsarbeit und Mord in den Gestappgefängnissen, im Rombergpark in Dortmund, an der nächsten Laterne. Das darf sich nicht wiederholen!
Die Transportlinien der Reichsbahn Richtung Auschwitz- Foto aus dem Museum Auschwitz (c) André Brune
Leider hatte ich nie die Chance sie kennen gelernt zu haben.
Dafür ist in meinem Blog Eva Weyl mit ihrem Vortrag stellvertretend. Sie stand mehr als einmal auf der Liste als Kind nach Auschwitz zu kommen von Westerbork.
„Wir sind alle gleich. Wir sind Menschen,“ mahnte Margot Friedländer.
Hoffnung erwächst in Auschwitz-Birkenau. Margot Friedländer wurde zum prominentesten Sprachrohr der Holocaust-Überlebenden.
Ihr Überleben konnte uns das Lebendig machen, was wir nicht miterlebten: Der Tod durch Menschenhand jeden Tag überlebend.
Margot Friedländer hat den Holocaust überlebt, lange geschwiegen, doch uns dann mitgeteilt, Mensch zu sein. „Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, muslimisches oder jüdisches Blut.“
Sie bekam ihre Zeit uns das alles mitzuteilen, was sie schlimmes im KZ erlebt hat. Nun kann sie in Frieden ruhen und für sich den Schrecken der Nazis abschütteln. Sie sind aber noch unter uns, ihr Gift vernebelt unsere Sinne, so wie sie es immer getan haben. Seid wachsam und schaut genauer hin, um nachher nicht sagen zu müssen, dass ich das nicht gewusst habe.
“Vor 80 Jahren stand ich auf der Todesliste“. Das waren die ersten Worte von Eva Weyl, einer der Überlebenden des niederländischen Konzentrationslager Westerbork. Ihr Urgroßvater stammte aus Haltern am See. Das allein reichte schon, um die Ohren nicht nur anzuspitzen als Ruhrpottologe, sondern sich auf den Vortrag einzulassen, der unter die Haut geht, zumal ich gerade zu dem Zeitpunkt Auschwitz besucht habe. Und darüber ebenfalls noch berichten werde mit meiner Frau zusammen. Aber wir brauchten den Abstand, um es zu verarbeiten.
Eva Weyl hat ein Ziel: Alle Zuhörer zu Zweitzeugen zu machen (Foto (c)André Brune)
Eva Weyl feiert jedes Jahr ihre Befreiung durch kanadische Soldaten am 12.4. Westerbork ist jedoch in der Presse nicht so ein großes Thema zum Jahrestag der Befreiung von den Konzentrationslagern im Gegensatz zu Auschwitz am 27.1.1945. Auschwitz ist jährlich mit seinen Schrecknissen immer präsent auf allen Kanälen. Doch Westerbork sollte ebenfalls mehr Aufmerksamkeit bekommen. Von hier ging eine direkte Zugverbindung ins Vernichtungslager nach Osten. Hier ließen die Nazis die Insassen in einer Scheinwelt leben. Aber das KZ Westerbork war eine Art „Mastanstalt“, ein „Durchgangslager“ mit direkter Schiene nach Auschwitz, wo die Menschen dann entweder bis zum Tod als Arbeitskraft eingesetzt oder direkt in die „Vergasung“ geschickt wurden.
Es ist kaum vorstellbar, dass ein Lokführer kam. Nachts die von einer Karteikarte ausgewählten 1500 Menschen mit nach Auschwitz nahm und nach einer Woche wieder leer zurückfuhr, um die Waggons, wie bei einem normalen „Viehtransport“ wieder zu füllen. Eine abartige Vorstellung, die sich mir beim Schreiben vollzieht. Diese Geschichte ist aber passiert. Sie wird erzählt von der nun 90 Jahre alten Eva Weyl bei einem Vortrag mit Frage und Antwort-Runde in der Aula des Willy-Brandt-Gesamtschule von Bottrop. Sie hat einen Teil ihrer Kindheit dort in Westerbork hinter Stacheldraht verbringen müssen.
Lehrer Thomas Wanschura, den ich auch bei einer Bildungsreise mit einer Klasse nach Ypern (Thema 1. Weltkrieg, in Verarbeitung) begleitet habe, lud mich herzlich ein zu kommen. Das habe ich sofort getan damals im September 2023. Vielen Dank für die Einladung auf diesem Wege noch einmal! Mit dem Blog bin ich nun auch Zweitzeuge und kann darüber berichten.
Lehrer Thomas Wanschura und Eva Weyl im Gespräch mit den Schüler und Schülerinnen nach dem Vortrag (Foto (c)André Brune)
Doch ich habe bewusst bis zum 80. Jahrestag mit der Veröffentlichung gewartet. Hätte ich das nicht tun sollen? Es ist in der Zwischenzeit viel passiert: Stichtag 7.10.23 Terroristischer Anschlag der Hamas auf Israel. Israel greift Gaza an. Die Ukraine kommt nicht zur Ruhe. Putin begeht bewußt einen Angriffskrieg ein, lässt Kinder entführen, um sie umzuerziehen. Raketen und Drohnen töten jeden Tag Zivilisten in der Ukraine. Es wird bewußt ein Genozid verursacht. In Bosnien ist die Situation auch wieder etwas unsicher. Die Befreiung eines Konzentrationslagers im bosnischen Krieg in Sebrenica jährt sich dieses Jahr auch zum 30. Mal. Die Schrecken des Bösen wiederholt sich in gewisser Form immer wieder nach der Befreiung der Nazis 1945 von den Alliierten. Was kaum vorstellbar war hat noch einmal eine „aktualisierte“ Form angenommen mit Populismus, Hetze, Hass und Gewalt.
Dieser Beitrag aus meinem Projekt Stolpersteine im Blog ist also wichtiger denn je. Zumal im Ruhrgebiet viele Zwangsarbeiter-Außenlager zum Beispiel aus Buchenwald waren, die zum Beispiel im Bochumer Verein arbeiten mussten. Bis heute gibt es noch viele Spuren, wie in Bochum-Bergen, dem kleinsten Stadtteil, wo ich eine Zeitlang gewohnt habe. Einem Zwangsarbeiterlager, das erst heute eine Aufarbeitung bekommt.
Als ich kurz nach dem Vortrag im Oktober 2023 als Dialektcoach in Potsdam-Neubabelsberg unweit meines Hotels zufällig über einen Stolperstein über eine Jüdin namens Margarete Stern wahrlich stolperte, die nach Westerbork kam und dann von dort nach Theresienstadt deportiert wurde, um dort zu sterben, war mir klar, dass es ein Beitrag ist, der den Rahmen der Grenze vom Ruhrgebiet sprengte. Aber er gehört zum Ruhrgebiet , wie ThyssenKrupp zu Essen mit all den Geschichten drumherum. Deswegen sind die zwölf Jahre der Nationalsozialistischen Herrschaft unter Adolf Hitler immer noch ein Novum und wir sollten daraus lernen, dass es sich nicht wiederholt. Und ja, auch hier im vielfältigen Ruhrgebiet regierten die Nazis. Und ja, auch hier ist bei der letzten Bundestagswahl ein Rechtsruck durch die Gesellschaft gegangen. Es ist wichtig, dass wir daran immer wieder erinnern, egal wann! Wir sind nicht verantwortlich dafür, was geschehen ist, doch wir haben die Verantwortung, das es sich nicht wiederholt – Egal wo! Schaut in den Vortrag oder hört also selbst hinein in den Podcast oder lest den Beitrag zu Ende mit einem Kommentar zur Situation von mir :
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Eva Weyl kam mit sechs Jahren in das einzige Konzentrationslager der Niederlande in Westerbork, das ursprünglich das Durchgangslager für Flüchtlinge aus Deutschland war, die ins Exil ins „neutrale“ Holland gegangen sind. Doch dann wurden die Niederlande von der Deutschen Wehrmacht überfallen. Und auch da begann die Verfolgung der Juden, Sinti, Roma, Homosexuellen, politisch anders gesinnten Personen. Auch in den Niederlanden gab es Kollaboration neben dem Widerstand, wie in allen von Deutschen besetzten Gebieten.
Evas täglicher Blick im Lager war auf einen Wachturm (Foto (c)André Brune)
In Westerbork wurde eine Scheinwelt aufgebaut. Dort konnte man in ein Krankenhaus gehen, um gesund zu werden, um allerdings kurz danach in einen Zug nach Osten „verfrachtet“ zu werden, wo wir von den Schicksalen wissen, dass die meisten nach Auschwitz gingen, als die Endlösung der Juden 1942 in Wannsee beschlossen wurde.
Insgesamt gingen 107000 Menschen von Woche zu Woche in den Zug, heimlich, nachts, wie in einer Lotterie ausgewählt aus einer Kartei herausgezogen. In Westerbork wurden hauptsächlich Juden gehalten, die dort ihre Religion frei ausüben konnten, gearbeitet haben und konnten auch sich selbst essen kochen. Sie lebten „nicht schlecht“, aber hatten keine Rechte, keine Freiheit, denn sie lebten hinter Stacheldraht und konnten jeden Tag mit einer „Abschiebung“ Richtung Osten rechnen.
Nur 5% der 107000 deportierten Menschen aus Westerbork überlebten den Holocaust. Eva lebte mit ihren Eltern drei Jahre lang ein fast ganz normales Leben. Sie ging zur Schule. Doch nachts hörte sie weinende Menschen, die abgeholt wurden. Menschen, die sich in Sicherheit wiegten, wurden aus dieser Scheinwelt in die Wirklichkeit geholt.
Die Gerüchte waren da, das im Osten Juden umgebracht wurden. Doch hier glaubten es die wenigsten. Unterschrieben hat Albert Konrad Gemmeker die Abtransporte als Lagerleiter. Er hat alles wunderbar ohne Folterungen und Drangsalierungen gelöst im Gegensatz zum Alkoholexzessen neigenden Vorgänger Josef Hugo Dischner. Er verteilte Zuckerbrot, Arbeit, ließ jüdische Ärzte und Schauspieler, Musiker ihre Tätigkeiten ausführen. Nutzte die Arbeitskraft für den Krieg, der im Hintergrund ablief. Nutzte die psychische Ausnutzung der jüdischen Insassen. Ohne die Mutter, die Eva Lügen erzählte, damit sie als Kind keine Angst haben brauchte, würde sie eher Alpträume haben. Sie brauchte Jahrzehnte, bis auch ihr Vater mitteilte, nachdem er von einer Klever Schule zu einem Vortrag eingeladen wurde und sie ihn begleiten sollte, um darüber zu erzählen, damit das nicht wieder passiert.
Thomas Wanschura (links) und Eva Weyl im Gespräch mit den Jugendlichen nach dem Vortrag (Foto (c)André Brune)
Westerbork ist sozusagen ein gutes harmloses Muster für ein Konzentrationslager für die Nazis. Im Westen sollte es wohl eher so aussehen, da im Osten so oder so alle Juden vernichtet werden sollten laut „Endlösung“ der Wannsee-Konferenz. Es hat in der deutschen Presse eher eine Randerscheinung der Erwähnung, weil dort keine Todesfabrik, wie in Auschwitz war. Nein, dass nicht, aber es war das Durchgangslager, ein Durchgangslager des Todes mit einer direkten Bahnstrecke eben.
Gemmeker konnte die Unterlagen vor der Ankunft der Aliierten in Ruhe vernichten. Als die Kanadier das Lager vor 80 Jahren am 12.4.1945 von den Nazis befreiten, war er über alle Berge. Als er gefasst wurde, bekam er 10 Jahre Gefängnis, keine Todesstrafe, weil ihm nichts groß nachzuweisen war. Er hatte nach dem Krieg in einem Tabakladen gearbeitet ganz unbescholten. Mehrere Versuche ihn neu anzuklagen scheiterten mangels Beweise trotz der Augenzeugen. Er hatte bewußt Menschen in die Waggons setzen lassen mit dem direkten Bahnanschluss in das Vernichtungslager nach Auschwitz. Er teilte nur lapidar vor Gericht mit, dass er von den Vernichtungslagern keine Ahnung hatte. Wie so viele, wußte er ja von nichts…
Hinterher hat es plötzlich ja keiner gewusst. Daraus resultiert Evas Grundgedanke: Aufklärung!
Sie will als Zeitzeugin aufklären, um die Zuhörenden oder Zuschauern zu Zweitzeugen zu machen, dass sie weitererzählen, welche ungeheuerlichen Sachen alle in den Lagern mitmachen mussten, um am Ende nur eines zu erwarten: Tod.
Vier Mal war sie und ihre Eltern dem Tod entronnen. Sie standen jeweils auf der Liste in den Zug zu steigen und es durch Zufall oder Glück, wie man es auch nennen mag, nicht zu der Fahrt gekommen.
Weil ich Jüdin bin?
Sie will mit ihren Vorträgen aufmerksam machen, wozu Hass, Neid, Intoleranz und Respektlosigkeit führen können. Und sie hofft, dass sie mithelfen kann, dass die Zuhörer und Zuhörerinnen ihre Geschichte und die der Ermordeten des Holocaust lebendig erhalten. Es weitererzählen werden. Sei macht alle zu Zweitzeugen, so wie mich nun auch.
Leben in Kleve
Die Eltern Evas waren nicht arm. Sie konnten sich ein gutes Leben leisten für die Verhältnisse der 1930er Jahre. Doch sie hatten ein Problem. Sie waren eine jüdische Familie. Nach den Rassengesetzen von 1935 unter der NSDAP war das keine gute Sache in Deutschland zu bleiben. Das Kaufhaus Weyl wurde enteignet. So gingen sie in die Niederlande. Niemand rechnete mit einem Angriff oder einen Krieg überhaupt. Die Niederlande waren im ersten Weltkrieg auch neutral geblieben. Das würde auch diesmal so werden, dachten wahrscheinlich viele. Sie glaubten sich in Sicherheit zu leben.
Eva Weyl hatte eine schöne sorglose Kindheit in Holland bis die Deutschen kamen. Ihr Vater war Unternehmer und gründete in Arnheim ein Textilunternehmen nachdem sie aus Deutschland geflüchtet waren. Eva wurde in den Niederlanden geboren. Nicht wenige Juden sind aus Deutschland nach Holland ausgewandert. Der Urgroßvater kam von Haltern am See. Die Ur-Weyls stammen also aus dem heutigen Raum Ruhrgebiet. Und im Ruhrgebiet lebten insgesamt nicht wenige Juden. Deswegen ist es für mich auch eine Aufgabe als „Ruhrpottologe“ darüber zu berichten. Das gehört zu meinem Projekt der Erinnerungskultur in der Blog-Rubrik „Stolpersteine“.
Leben als Jude im Deutschen Reich
Der Urgroßvater war ein einfacher Kaufmann, der als Kind von Tür zu Tür Dinge verkauft hat. Dann hat er ein Geschäft gehabt, dann zwei, dann war ihm Haltern zu klein und zog nach Erkelenz. Dort heiratete er, wurde Vater von 13 Kindern. Erkelenz war ihm dann auch zu klein. So ging er nach Kleve mit seiner Familie. Dort gründete er ein großes Kaufhaus und blieben bis zum Zeitpunkt der Rassengesetze, wo dann auch das Kaufhaus einfach enteignet wurde. Die Mutter kam aus Freiburg Breisgau aus einer nichtgläubigen jüdischen Familie. Der Großvater war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde um Kleve herum und hoch angesehen. Das Kaufhaus Weyl war das erste große Kaufhaus in der Gegend, das der Urgroßvater gegründet hatte und bis zur Enteignung erfolgreich geführt wurde.
Zum Zeitpunkt der Ergreifung der Macht der NSDAP lebten allein 500000 Juden in Deutschland. Anfangs ging es nur ums „Weg mit den Juden“. Es wurde nicht vom Ermorden gesprochen. Schon hier wurde eine Scheinwelt aufgebaut. Doch in „Mein Kampf“ steht ausdrücklich, dass die Juden ausgetilgt werden müssen. Es wurde innerhalb der NSDAP eine Ideologie, dass die Juden für alles schlechte, dass Deutschland widerfahren ist, wie der verlorene Erste Weltkrieg, die schlechte Wirtschaft, die hohe Arbeitslosigkeit, die Gründung der Demokratie in Deutschland und der Kommunismus verantwortlich sind. An allem hatten die Juden Schuld. Die Partei suchte nach einem Schuldigen, wie im Mittelalter und die Zeichen der Zeit waren in den vielen antisemistischen Schriften, die überall frei verkäuflich waren in einer Partei vereint, die es auch vor hatte durchzuführen. Alle geeint nach dem Gedankengang, dass die Juden an allem schuld sind, sollten sie aus Europa vertrieben und oder umgebracht werden, egal, ob sie ein einfacher Arbeitnehmer waren, Professor an einer Universität und zur geistigen Elite des Landes gehörten, Soldat im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Reich waren oder eine Firma hatten und Lohn und Brot für egal welche Glaubensrichtung gegeben haben. Sie sollten weg, egal wie.
Kauft nicht bei Juden!
Und der Anfang war das Aufmalen oder ein Schild an jüdischen Geschäften und der psychische Druck durch die GESTAPO gegenüber diejenigen, die trotzdem da einkaufen gingen, selbst in ein KZ gesteckt zu werden.
Es geschah, das man keine eigene Meinung mehr haben durfte. Heute, hat man keine Ahnung mehr wie wichtig es ist in Freiheit zu leben. Die Partei redete von Freiheit und nahm sie allen. Hitler nahm allen die Freiheit. Und es grenzt an Hohn, dass es in der Welt wieder Parteien gibt, die genauso reden von Meinungsfreiheit und doch genau das Gegenteil meinen. Eva Weyl erklärt das im Vortrag und bei der Frage-Antwort Runde (Teil 2 im Podcast)
Heutige Verantwortlichkeit
Keiner der heute noch lebt, ist nicht verantwortlich für das, was passiert ist, betont Eva Weyl. Doch die heutige Generation ist verantwortlich dafür, dass sie mithelfen, damit das nicht mehr wiederkehrt, was geschehen ist. Gerade jetzt beim Widererstarken der rechten Parteien in Europa und der Welt. Die von Remigration reden und wodurch Gewalt gegenüber Ausländern alltäglicher wird.
Sie erzählt von Mobbing an der Schule gegenüber jüdischen Schüler und Schülerinnen durch die eigenen von der Parteidoktrin infiltrierten Meinung, die auch Zuhause zur Tagesordnung wurde. Der Großteil der Lehrer und Lehrerinnen machten mit, schwiegen, wiegelten auf oder grenzten aus, auch ihre eigenen jüdischen Kollegen und Kolleginnen. Man mag es sich kaum vorstellen, wie es heute sein könnte.
Eva erzählt eine ergreifende wahre Geschichte, die einen Klos im Hals bildete: Ein jüdisches Mädchen wurde von zwei anderen Mädchen gehänselt. Sie sprangen ihren Leib. Die Lehrerin unterstützte das mit einer bestialischen Aussage. Sie wollte sehen, wo die richtigen deutschen Mädchen waren. Alle sprangen auf sie drauf, bis sie starb. Dabei hatten sie sie alle gern.
Sie erzählt von ihren Großvätern, die beide im Ersten Weltkrieg gedient haben. Das war erstmal eine Art vorübergehende Gnade, aber kein Freifahrtschein nicht umgebracht zu werden im Holocaust. Der industrielle Völkermord, der durch die Nationalsozialisten durchgeführt wurde, ist bisher einmalig in der Form. Und er wurde durch den Krieg europaweit so richtig ausgeführt.
Evas Vater gründete ein Textilgeschäft in Arnheim. Als die Großeltern, die trotz aller Widrigkeiten in Deutschland blieben dann doch in die Niederlande flüchteten nach der Reichsprogromnacht. Beide Großväter kamen dann nach der Eroberung der Niederlande nun doch in ein KZ nach Theresienstadt. Sie überlebten zwar das Lager, aber einer starb kurz danach an den Folgen. Der andere ging erst nach England, ging aber zurück nach Deutschland. Der Vater der Mutter von Eva wurde widerwillig besucht. Die Mutter wollte nie mehr wieder einen Fuß nach Deutschland setzen. Sie fühlte sich als Deutsche, doch fühlte sich nach dem sie flüchten musste und nach Westerbork ins KZ kam als verratene Deutsche. Das Gefühl in ihr kann man kaum schriftlich verfassen. Es war verständlich und galt für viele Überlebende, die in andere Länder, wie die USA oder nach Israel gingen.
Wie lief das Leben in Westerbork ab?
Die ersten Menschen, die ins Lager gehen sollten, waren die deutschen Juden. In drei Tagen sollte man fertig sein. Man musste selber die Zugfahrkarte bezahlen. Die Aufforderung kam von der jüdischen Gemeinde auf Druck der deutschen Besatzung.
Die niederländischen Widerstandskämpfer waren schon gut vernetzt und boten auch Verstecke an. Aber der Vater dachte, dass es nicht lange geht. Doch vor mehr als 80 Jahren gab es keine Computer, kein Fernseher, kein Handy. Es gab Radios. Nachrichten in Zeitungen kamen langsam und waren nicht immer zuverlässig. Die Nachrichten waren auch immer später. Niemand hatte eine wirkliche Ahnung, was im Osten passierte. Aufklärung darüber konnte man nicht bekommen. Die Medien wurden ja von den Besetzern beherrscht. Die Öffentlichkeit wurde nirgends über „Vernichtungslager“ in Auschwitz aufgeklärt. Diejenigen, die von den Gerüchten hörten, die wie ein Lauffeuer irgendwie dann doch hier und da auftauchten, glaubten oder glaubten es nicht. Die Kinder jedoch wurden von den Eltern geschützt. Ihnen wurde dergleichen nichts erzählt. Evas Mutter sagte immer, dass sie keine Angst haben soll. Bald wird wieder alles gut sein.
Endlösung
Doch im Januar 1942 wurde über die „Endlösung der Judenfrage“ bei der sogenannten Wannseekonferenz unter den Fittichen von Reinhard Heydrich entschieden. Acht von den 15 anwesenden Herren hatten einen Doktortitel und auch selbst eine Familie mit Kindern. Hitler hatte in seinem eroberten Reich 11 Mio. Juden. Allein in Polen lebten 3 Mio. Juden. Sie planten am Schreibtisch den Ablauf alle europäischen Juden umzubringen.
Schüler*innen und Lehrer*innen der Willy-Brandt-Gesamtschule in Bottrop hören zu (Foto (c)André Brune)
Um das zu verstehen, was dort am Schreibtisch entschieden wurde, sollte vor Ort die Ausstellung angesehen werden oder die ein oder andere Verfilmung bzw. Dokumentation gesehen werden. Es geht um die Auslöschung allen jüdischen Lebens in Europa. Und das betonte Eva Weyl. Ich konnte nicht sehen, was in ihr vorging, als sie es mitteilte. Aber in der Stimme war ein leichtes Schwanken zu hören. Aufgeregtheit und Wut, Ungläubigkeit und auch Hass auf diejenigen, die es taten. Die Mordfabriken waren schon längst damals in Gang gekommen. Die Juden selbst konnten es nicht glauben, wenn sie davon hörten.
In Westerbork indes ging das Leben scheinbar unter den Bedingungen Gemmekers „normal“ weiter. Bis 13 ging man in die Schule. Alle älteren Kinder arbeiteten. Die Menschen hatten dort sogar normale Kleidung an, keine Sträflingskleidung wie in Auschwitz oder Buchenwald. Alle arbeiteten im Lager, das eine Größe hatte von fünf Fußballfeldern. Das Maximum der im Ghettohaften Konzentrationslager betrug 17000 Juden, anfangs waren es wenige 1000. Das hieß natürlich, dass der „Durchgang“ nach Auschwitz auch schneller wurde.
Das Leben in Westerbork
Es gab zwei Schulen. Eine deutsche und eine niederländische Schule. Es gab sogar einen Spielplatz für die Kinder. Eva Weyl kann sich ganz genau dran erinnern, wie es dort ablief.
Als in der Schulaula einige grinsten oder lachten, weil sie lieber mit dem Smartphone spielten als zuzuhören, fand sie es nicht lustig und sie zeigte kein Verständnis für das Verhalten, was ich ebenfalls so sah. Eva erzählte über die Baracke, wo sie leben musste. Die Mutter sagte, dass sie bald wieder weg sind. Getrennt vom Vater, hatte sie auf einem schmalen eisernen Gestell geschlafen. Auch das Essen wurde auf dem Bett eingenommen, was auch schon mal zu Verschmutzungen führte. In der Baracke gab es bei den vielen Menschen kein Privatleben. Es gab auch keine Leiter. Nachts wurde sie schon mal wach, wenn von oben jemand runterstieg, um zur Toilette zu kommen. Wäsche trocknete man zwischen den Betten.
Die Deportationen
Im Juni 1942 fingen die Deportationen an. Es arbeiteten nur Juden im Lager. 1500 Namen wurden zur Deportation wöchentlich herausgenommen. Am ersten Arbeitstag eines Freundes des Vaters standen ihre Namen auf der Karteikarte zum Abtransport. Er legte sie vorsichtig weg. Das war das erste Mal, dass sie gerettet wurden.
Pro Baracke wurde eine Liste geschrieben. Nachts wurden die Namen der Liste vorgelesen. Die ausgewählten Frauen weinten. Jede Woche war das gleiche Prozedere. Die Mutter erzählte Lügen über die wöchentlichen Abtransporte. Eva sollte sich keine Sorgen machen, es sei nichts, da haben sie nur eine Frau abgeführt die gestohlen hat. Sie ließ sich immer was neues einfallen, um ihre Tochter die Angst zu nehmen.
SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker kam im Oktober. Er war im gleichen Alter, wie ihre Eltern, Mitte 30. Es war für mich schleierhaft, wie die gleiche Generation der anderen Böses antun kann. Er war einer der ersten Parteiangerhörigen und hatte Erfahrungen mit einem Konzentrationslager. Alles sollte reibungslos ohne Aufwiegelungen ablaufen können. Er war der Lächler, der immer ein Messer im Rücken stach. Das war das Gefährliche an ihm.
Er war verantwortlich, damit Ordnung, Ruhe und die Deportationen ohne Probleme laufen. Er schuf ein besonderes System von falschen Hoffnungen. Ein „Gentlemen Gauner“ betitelte Eva ihn. Er war sogar dafür belohnt worden mit einem Kriegsverdienstkreuz, wie er 107000 Menschen erfolgreich deportiert wurde. Für 80000 Tote ist er verantwortlich, wurde dafür aber nie zur Rechenschaft gezogen, wie schon gesagt, mangels Beweise, die er vernichtete als die Kanadier vor der Tür standen.
Thomas Wanschura spricht die Fragerunde mit Eva Weyl ab (Teil 2 vom Video/Podcast) (Foto (c)André Brune)
Die Villa Stern der Familie Stern steht unbeschadet auf der Karl-Marx-Straße 3
Trauriges Beispiel ist der Stolperstein von Margarete Stern (Quelle: Wikipedia)
Am 19.5.2022 wurde der Stolperstein vor ihrer einstigen Villa Stern der Karl-Marx-Straße 3 in Potsdam – Babeslberg verlegt. Margarete Stern war eine Tochter eines königlichen Sanitätsrats: Dr. med.Theodor Lippmann (1843–1914).
Am 17. November 1898 heiratete sie Siegbert Samuel Stern. Beide waren jüdischen Glaubens. Stern war Kaufmann und Mitinhaber einer Damenmäntelfabrik der Graumann & Stern in der Mohrenstrasse 36, Berlin.
Er war reich durch die Fabrik und sammelte Kunstwerke. Beide hatten vier Kinder und wohnten in der noch heute von den Sterns gebauten stehenden „Villa Stern“ ab 1918 direkt am Griebnitzsee in der Villenkolonie Neubabelsberg bei Potsdam in der Karl-Marx-Straße 3. Beim Bau hieß sie damals Kaiserstraße.
Als Siegbert Stern 1935 starb waren 144 Kunstwerke im Testament eingetragen. Margarete Stern flüchtete 1937 nach Badenweiler. Doch die antijüdischen Repressalien nahmen zu, so ging sie 1938 über die Schweiz nach Amsterdam fort. Dort waren schon die Familien ihrer Tochter Annie Regina Vigeveno, sowie ihres Schwagers Albert Stern.
Am 3. Dezember 1938 wurde durch die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens den Juden jegliche wirtschaftliche Grundlage für das Leben in Deutschland entzogen. Sie mussten ihre Besitztümer, wie Grundstücke oder Gewerbebetriebe meist für einen geringen Wert verkaufen. Damit konnten sie eventuell noch rechtzeitig fliehen in Nachbarländer, wie in die Niederlande oder die Schweiz.
Margarete Stern musste auch die Villa Stern verkaufen. Der Verkaufserlös löste nur die Hypothek ab. So dass sie im November 1940 nur schuldenfrei war, aber nichts weiter merh hatte.
Als die Deutsche Wehrmacht im Mai 1940 die Niederlande besetzte, versuchte sie für sich und ihre Familienmitglieder ein Ausreisevisum zu erhalten bei der Dienststelle Mühlmann.
Sie übergab das Gemälde Porträt von Miss Edith Crowe des Künstlers Henri Fantin-Latour der Requirirungsverwaltung für Kunstgegenstände für 40.000 Gulden . Sie erhielt trotzdem kein Ausreisevisa und wurde 1941 als staatenlos erklärt.
Sie konnte sich zwei Jahre lang verstecken, wurde aber dennoch im April 1943 festgenommen, kam in das KZ Westerbork und wurde von dort in den Zug in das KZ Auschwitz deportiert. Dort wurde sie am 22. Mai 1944 ermordet, genauso wie die ihre 1909 geborene Tochter Louise Henriette, ihr Ehemann Herbert Emil Leopold Hayn. Deren Tochter konnte den Krieg überstehen in einem Versteck in Amsterdam. Die anderen Kinder von Margarete Stern-Lippmann haben auch überleben können.
In Bussum liegt ebenfalls ein Stolperstein für sie.
Von den 144 ursprünglich besessenen Kunstwerken sind 100 bis heute immer noch nicht zurück in den Besitz der Familie gekommen. Ein Wassily Kandinsky -Bild „Murnau mit Kirche II“ wurde in einem Eindhovener Museum gefunden und 2022 zurück gegeben. Die Villa konnte die Familie 1949 schon zurück bekommen. Die Gemälde gehören zur Raubkunst, den die Nazis gern gemacht haben.
Stolperstein für Margarethe Stein in Potsdam-Neubabelsberg - verlegt am 19.5.22
Sind die Kinder eines Mörders schlecht?
Eva fragt die Jugendlichen, ob für die Taten auch die Kinder und Enkelkinder, so wie das zuhörende Publikum nun auch schlecht sind und für die Taten der Eltern, Groß- oder und Urgroßeltern waren. Einfache Antwort: Nein!
Historiker hatten Schwierigkeiten Gemmeker zu beschreiben. Es gab in Europa 40000 Lager inklusive Ghettos. Eine Anzahl, die ich selbst auch zum ersten Mal hörte und nicht glauben konnte. Denn da mussten Menschen hin, um zu bewachen, zu töten, zu foltern und zu drangsalieren. Menschen, die daran auch noch Spaß hatten, das zu tun. Die es bewußt taten, um Hitler und die Parteiideologie auszuführen, weil sie glaubten, das Richtige zu tun.
Dieser Gemmeker wird gedacht haben: Gebe ihnen Arbeit, zu essen, schaffe Ablenkung, dann bleiben sie ruhig. Er hat die Juden in Westerbork, wie in einem riesigen Kaninchenkäfig gehalten.
Er hat sie gemästet mit drei Mahlzeiten am Tag. Es gab sogar Butter mit Marmelade jeden Morgen. Schwere Arbeit wurde mit einer Suppe, Kartoffeln und Gemüse belohnt. Es gab sogar manchmal auch Fleisch. Auch Briefe konnten ausgetauscht werden. Die Kinder gingen zur Schule, lernten und konnten anschließend spielen gehen. Es schein alles ein normales Leben zu sein dort in Westerbork mit Stacheldraht drumherum.
Von Montag bis Samstag wurde gearbeitet, die Schule besucht. Am Sonntag gab es sogar einen freien Tag. Vor Ort wurden zum Beispiel Handschuhe für die Armee hergestellt. Insgeheim hatte Gemmeker nur Angst in den Krieg in den Osten geschickt zu werden. Er tat also alles, damit seine Arbeit nach Außen vernünftig aussah und belobigt wurde. Er ließ auch ein Krankenhaus bauen, damit die Arbeitskräfte gesund werden konnte.
Es gab unter ihm keine Folterungen mehr, wie beim Vorgänger. Hat jemand was verbrochen, kam diese Person in den nächsten Zug und nicht mehr wieder. Die Hände hat sich Gemmeker nur am Schreibtisch schmutzig gemacht.
Eva erzählte von einem Journalisten, der ins dortige Krankenhaus kam. Nach seiner Genesung kam er zur Deportation. Sein Tagebuch wurde zufälligerweise wiedergefunden. Darin beschrieb er, dass er dort gut behandelt wurde und er den Gerüchten aus dem Osten keinen Glauben schenken konnte. Er glaubte nicht an die Massentötungen, bis er wohl selbst dort landete. Er wurde nie mehr gesehen.
Der Lagerleiter lebte wie ein König. Er hatte seine Sekretärin als Liebhaberin neben seiner in Düsseldorf lebenden Familie. Er lud „Arbeitskollegen“ ein, um zu zeigen, welche tolle Arbeit er leistete. Es gab Musikvorstellungen von jüdischen Musikern und Theatervorstellungen von jüdischen Schauspieler und Schauspielerinnen. Er lebte glücklich bis an sein Lebensende 1982 ohne jemals eine richtige Strafe verbüßt zu haben. Ein Schlächter am Schreibtisch, wie so viele.
Ein Tagesablauf in Westerbork
Evas Schule begann um 9 Uhr. Zwischen 12 und 14 Uhr gab es eine Pause. Und dann nochmal zwei Stunden pauken, bevor es wieder zurück in die Baracke gehen konnte. Ihre Eltern standen um 6.30 Uhr auf. Ab 7.30 Uhr wurde gearbeitet mit einer Stunde Mittagspause. Es gab also ganz normale Schul- und Arbeitszeiten.
Wenn Evas Mutter sie nicht belogen hätte, hätte sie heute mehr Alpträume über einen Zug nach Auschwitz, in dem sie sitzen würde. Doch an so manchen Tagen nach den Vorträgen kommt das doch hoch diese Todesangst, die ganz tief sitzt, aber klein gehalten wurde, dank ihrer Mutter.
25 Tränen
Eine niederländischen Jüdin einer Klasse von 26 Schülerinnen schrieb ein Gedichtband „25 Tränen“. Sie war die einzige Überlebende und widmete jeden einzelnen von ihnen ein Gedicht. Eins trug Eva vor:
Sie hatte die Note Ungenügend für Erdkunde.
Den letzten Schultag.
Wußte aber nach einer Woche, wo Auschwitz lag.
Aber nur ganz kurz.
Das lässt einen ohne Worte zurück. Alle im Saal wußten, was mit dem Gedicht ausgedrückt wird.
Das Krankenhaus
Eva erzählt von einem kranken Baby, das Gesundwerden und dem Abtransport der ganzen Familie danach in den Osten.
Scheinwelt
Ihr Vater bekam eine Stelle in der Administration. Unglaublich ist das, dass man in dieser Scheinwelt lebte. Es gab kein anderes Lager, dass so funktionierte. Die besten Schauspieler aus Berlin spielten Theater. Der Lagerleiter lud sogar Kollegen ein und saß in der ersten Reihe.
Die Alliierten hatten jede Nacht Fabriken zerstören wollen. Die Bomber wurden begleitet von Jagdfliegern. Die dachten es wäre eine wichtige deutsche Fabrik und warfen auf Westerbork Bomben ab am 31.5.1944. Der Zug ist damals konnte nicht nach Auschwitz fahren. Doch insgesamt sind 102000 sind nicht mehr zurück gekommen nach Westerbork.
Nachdem die Kanadier am 12.4.1945 das Konzentrationslager befreiten, konnte die ganze Familie Ende Juni endlich fort und ein neues Leben beginnen. Ein zweites Leben begann und die Zeit heilte nicht alle Wunden, die der Aufenthalt mitbrachte.
Hoffnung und Optimismus für die Zukunft
Eva hofft nach dem Vortrag, dass die Schüler und Schülerinnen nun als Zweitzeugen dafür sorgen, dass sie in Zukunft das verhindern, was passiert ist. Das sich das nicht wiederholt. Und lud zu einer Frage- und Antwort-Runde ein. In dem sie auch die schwierigen Fragen beantworteten. Am Ende fragte einer, ob Juden ein Volk oder eine Religion sei. Für Eva sind die Juden eben ein Volk, wie die Deutschen. Die Juden glauben unterschiedlich im Judentum: Ultra-Orthodox ist ihr zum Beispiel ein Graus, weil es nicht wesentlich anders ist. Es ist eine rechtsgerichtete Variante innerhalb der Juden, die auch Hass verbreiten und nun auch im Krieg ohne Pardon gegenüber die Palästinenser vorgehen. Eva verurteilt das.
Nach dem Vortrag in der Frage-Antwort – Runde wurde die Frage gestellt, wann sie angefangen hat diese Vorträge zu halten und wie die Zusammenarbeit mit der Enkelin von Gemmeker zustande kam. Eva erzählte es bereitwillig. Und erzählte, dass sie aus Neukirchen-Vluyn stammte, also im Kreis Wesel wohnte. Doch das alles war noch nicht so schnell gekommen. Bis dahin hatte Eva gar nicht daran gedacht Vorträge zu halten. Der erste Schritt war eine Anfrage des vom Stein-Gymnasium in Kleve, der ihren Vater als Sprecher gewinnen wollte für den Holocaust-Gedenktag am 27.1996. Sie begleitete damals ihren Vater. Dort sagte er danach, dass sie darüber jetzt immer reden müssen. Sie haben also alle lange gebraucht, alles verdrängen wollen und geschwiegen.
Eva Weyl jedoch fing erst an mit Vorträgen nachdem von Westerbork ein Brief kam und ein Sprecher gesucht wurde über das Konzentrationslager zu reden. Sie entschied sich für deutsche Schulen die Vorträge zu halten. Mittlerweile ist ihre Mission 50 bis 60 Vorträge im Jahr.
Mit der Enkelin des Lagerleiters hat sie drei Jahre lang viele Vorträge gehalten. Sie machte ihr und der Mutter bzw. Tochter von Gemmeker keine Vorwürfe. Sie waren nicht für das Tun ihres Vaters bzw. Großvaters verantwortlich und auch nicht schuldig in ihren Augen. Mittlerweile lebt sie in der Schweiz und hat dafür keine Zeit mehr. Eva allerdings nimmt sich alle Zeit, die sie noch hat, um auf das aufmerksam zu machen, was war, damit es sich nicht wiederholt. Sie betont, dass die Jugend von heute es in der Hand hat, sich vernünftig zu informieren und entsprechend dann, wenn sie wählen dürfen auch ihre Kreuz demokratisch an die richtige Stelle setzen können.
Sie merkte an, dass keine Fragen zum Thema Israel kam. Sie war jahrelang stolz auf das sozialistische demokratische Land. Seit mehreren Jahren sind die Orthodoxen an der Macht. Sie betont, dass Macht und Religion es auch in Israel zu einer schlechten Wendung kommt. Sie hatte mit dieser hellseherischen Aussage völlig recht. Denn wir sehen, wie es heute in Gaza und in Israel aussieht. Ein politisch gespaltenes Land mit Toten auf beiden Seiten. Die Podcast-Aufnahme fand am 27.9., also vor dem 7.10.2023 statt. Die Fragen wären mit Sicherheit gekommen und die Runde anders verlaufen, zumal auch muslimische Jugendliche anwesend waren.
Eva Weyl hat ein Ziel
Sie ist Zeitzeugin. Die Zuhörenden sollen Zweitzeugen werden. Die Überlebenden haben nicht mehr lange Zeit ihre Erfahrungen zu teilen und vor dem neuen Aufkommen des Faschismus zu warnen. Für sie sind Macht und Religion die Ursachen von Kriegen und Auseinandersetzungen zwischen den Menschen. Die Jugendlichen sollen schon am Tag nach dem Vortrag beginnen davon zu erzählen. Ich persönlich habe damit gewartet auf den 80. Jahrestag mit der Veröffentlichung. Ich hätte nicht warten sollen. Aber es hätte auch nicht verhindert, dass in der Zwischenzeit in Israel von der Hamas einer der brutalsten terroristischen Anschläge verübt wurde gegenüber dem israelischen Volk. Die Regierung Netanjahus hat ohne mit der Wimper zu zucken vehement Gaza so gut wie platt gewalzt, was wiederum in keinem Verhältnis steht. Gibt es denn ein Verhältnis, wenn man zählt, wieviele der Krieg mit der Militärmacht Israel nun verursacht hat.
Eva Weyl hat hier auch Recht: Macht und Religion spielen hier eine große Rolle. Statt sich die Hand zu geben. Friedensverhandlungen. Wirtschaftliche Beziehungen aufzubauen, wir weiter Hass gesät auf beiden Seiten. Aus der Ferne kann man das auch kaum beurteilen, was richtig und was falsch ist ohne die Befindlichkeiten der dort lebenden Personen zu verstehen. Aber als Außenstehender sieht man die Welt immer mit anderen Augen und vielleicht wäre es auch mal gut, sich hinzusetzen und zuzuhören, gemeinsam nach Frieden zu schauen. Gemeinsam für eine friedliche Lösung zu suchen, um für Juden und Palästinenser endlich vor Ort in Israel und Palästina Ruhe einkehren zu lassen, gemeinsam essen zu gehen, Feste zu feiern, sich auszutauschen. Das alles geht, wenn die Politik es will. Das ist leider noch ein langer Weg.
Meine Gedanken zur aktuellen Situation
Hätte ich früher veröffentlicht, hätte es trotzdem wahrscheinlich nicht weniger Menschen gegeben, die hier die AfD gewählt haben, weil sie unzufrieden sind. Weil sie meinen, wir können es nicht schaffen, was Angela Merkel so einfach vor zehn Jahren den Deutschen mitteilte. Ja, es gibt Hürden. Ja, es ist nicht so einfach. Es gibt bürokratische Hürden, die nicht vereinfacht gemacht wurden. Die Kontrollen gab es nicht. Ja, alles schwierige Kisten in der Diskussion. Aber es gibt das Wort Remigration, dass sich durchsetzt und den Menschen, die schon lange in Deutschland hier leben und arbeiten plötzlich in Angst und Schrecken versetzt. Es gibt nur einen geringen Anteil an Verbrechern. Sie können ausgewiesen werden oder ins Gefängnis kommen, nach deutschem Recht. Menschen, die zu uns kommen nach Europa, müssen sich den geltendem Recht und Gesetz unterordnen, wie wir es umgekehrt auch als Touristen machen müssen oder wenn wir in das jeweilige Land auswandern.
Das Ruhrgebiet lebt seit über 150 Jahren nun von Einwanderung. Und es lebt immer noch. Aber hier kommen mehr und mehr rechte Gedanken auf, die schwer wieder aus den Köpfen zu hämmern sind. Diskussionen sind meist schwierig mit ihnen. Es ist wie mit einem Brett vor dem Kopf sprechen. Und deswegen hoffe ich, dass ich mit dieser Entscheidung nun dies veröffentlicht zu haben, vielleicht den ein oder anderen bekehrt zu haben, oder jemanden erreicht zu haben, der das alles noch einmal anders überdenkt. Weil am Ende der Hass in Mord und Totschlag enden kann und wir das alles nicht noch einmal erleben sollten. Denn auch wenn viele es nicht glauben, wie schnell es 1933 geht. Ich empfehle den Podcast Deutschland 33/45 des Bochumer Historikers Dr. Jonas Stephan. Dahin gehen heutige Parteien, die meinen Demokratisch zu sein, jedoch gern in die Funktionen wollen, um ihre Propaganda auszuführen, die zwischen den Parteiprogrammzeilen zu lesen sind und die Verfassung nach ihren Gedanken ändern zu wollen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass vor genau 30 Jahren in Bosnien-Herzegowina gerade Srebrenica der erschreckende Zeitpunkt ist, dass es zwischendurch eben doch einen Holocaust gab. Dort ist das europäische politische „Rassen“- und Religionsgehabe damals in einen hässlichen drei Jahre andauernden Krieg gemündet, dessen Spuren immer noch zu sehen sind und die auch immer noch nicht ganz verheilt sind. Das konnte ich selbst vor knapp einem Jahr sehen. Darüber berichte ich auch noch, weil wir im Ruhrgebiet eben auch viele Flüchtlinge aus Bosnien haben.
Eva Weyl macht es, wie viele andere Holocaustüberlebende, richtig. Sie setzt sich für Frieden, Freiheit und ihrem Wohlstand ein mit ihren Vorträgen. Sie hatte beim vierten Mal Glück nicht mehr in den Zug steigen zu müssen, weil die Kanadier gekommen sind.
Ich möchte nicht, dass es irgendjemanden gibt, der uns befreien muss heute. Ich möchte, dass wir ihr zuhören, dass wir es verhindern und das wir optimistisch nach vorne schauen für unsere Kinder und Enkelkinder, in und über das Ruhrgebiet hinaus. Denn der Mensch ist Vielfalt und kann auch gemeinsam in Frieden leben, wenn es keinen gibt, der Hass, Neid und Machtgehabe versprüht.
Ob sich Massenermordungen wiederholen, glaubt sie nicht, aber Srebrenica war erst kürzlich, wie schon erwähnt, so ein Punkt. Und es kann noch einmal passieren. Vielleicht nicht in diesem systematischen Ausmaß, vielleicht anders, wie in die Umerziehung der Uiguren in China ohne (angeblich) zu morden oder ukrainischen Kindern, denen man einbläut nun Russe zu sein und das die Ukraine böse ist und alle Nazis. Auch das ist kein Weg! Jedes Volk hat seine Selbstbestimmung zu bewahren. Alles kann doch friedlich miteinander gelöst werden solidarisch und friedlich miteinander! Wenn wir alle es nur wollen! Bildung und Aufklärung ist da ein wichtiger Punkt!
Hört also in den Podcast rein! Denkt über das Geschehene und die aktuelle Weltpolitik nach und macht, dass ihr es weitererzählt, teilt und mitteilt. Das wir den Frieden nicht nur in Europa wahren können und das Kreuz bei der nächsten Wahl an der richtigen Stelle machen, egal wie unzufrieden man ist mit den Regierenden. Hauptsache nicht Faschistisch, Nationalistisch wählen, die den Hass und die Respektlosigkeit verbreiten, wie täglich immer wieder auch im Bundestag gezeigt wird.
Stolz auf die Heimat kann jeder sein auch ohne Nationalistisch zu sein oder werden. Ich liebe meine Heimat, doch ich schaue über den Tellerrand und hoffe, dass es genug Menschen gibt, die es mir gleich tun.
Am Ende des Vortrags und der Frage-Antwort-Runde waren zwei Jugendliche bereit mir mitzuteilen, dass sie viel von Evas Erzählung mitnehmen und es weitertragen werden. Wer als Lehrer oder Lehrerin ihre Schüler und Schülerinnen auf den gleichen Weg bringen möchten, dass sie über die Dinge der dunklen Geschichte ihrer Heimat nachdenken sollen, kann sich beim Verein Zweitzeugen e.V. melden und entsprechend Termine ausmachen mit den Holocaust-Überlebenden, wie Eva Weyl. Solange sie kann, wird ihre Lebensaufgabe weiterhin sein die jungen Menschen aufzuklären über das, was sie selbst erlebt hat und was hinter der schönen Scheinwelt der demokratisch gewählten NSDAP steckte, die vor über 80 Jahren die Welt in den Abgrund riss und über 60 Mio Tote verursacht haben.
Und ganz wichtig: Teilt die Informationen, das Video oder den Podcast, die Links! Erzählt über den Vortrag von Eva Weyl. Sie fordert auf Zweitzeuge zu sein! Damit der Holocaust nie vergessen wird im Andenken an die Verstorbenen, Gestorbenen, Gefolterten, Noch – Überlebenden! Danke!
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Um die Anfänge und die Herrschaft der Nationalsozialisten auf einfache Weise zu verstehen, empfehle ich den Podcast „Deutschland 33/45 von dem Historiker Jonas Stephan:
Wer den Stolperstein sehen und den Ort besuchen möchte:
Karl-Marx-Straße 3, Potsdam-Neubabelsberg
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Ernst Ender war eine schillernde Person seiner Zeit. Er setzte sich immer für seine Kollegen und Kumpels ein. Er war Arbeiter und Gewerkschafter. Er war in drei Parteien umtriebig: SPD, USPD (Unabhängige Sozialistische Partei Deutschland) und SAPD (Sozialistische Arbeiter Partei Deutschland). Seine Politik war immer Sozialismus, war aber nie Mitglied der KPD (Kommunistische Partei Deutschland).
Er war Aktivist im Bergarbeiterstreik von 1912, Mitbegründer der SPD in Osterfeld, auch revolutionär im Arbeiter- und Soldatenrat in Bottrop tätig nach dem ersten Weltkrieg. War im „Vollzugsrat“ gegen den Kapp-Putsch im Jahr 1920. Er war Mitbegründer der Bottroper SAPD-Partei und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten (NSDAP) im Widerstand und dadurch auch als Politischer Häftling in Buchenwald gelandet.
Zur Würdigung und Ehrung von Ernst Ender und seinem ihm gewidmeten Stolpersteins bin ich mit Sahin Aydin zusammengekommen, nicht nur über sein Buch geschriebenes Buch über Ernst Ender zu sprechen, sondern den Stolperstein auch zu säubern und zu gedenken.
Videopodcast:
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Ernst Ender war ein Schlichter, ein Vermittler und gewandter Redner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von den Alliierten als Oberbürgermeister in Bottrop eingesetzt. Durch einen Unfall musste er sein Amt jedoch nach acht Monaten wieder niederlegen. In dieser schweren Neuanfangszeit, wo kurz vorher noch eine faschistische Diktatur regiert hatte, war er mit Sicherheit durch seine politische Lebenserfahrung der richtige Mann an der richtigen Stelle, um zu vermitteln und die Stadt neu aufleben zu lassen, noch bevor überhaupt die Bundesrepublik gegründet wurde. Sein Wirken wurde bisher wahrscheinlich stark unterschätzt.
Sahin Aydin, der Bottroper Lokalhistoriker, traf zufällig bei Recherchen über den Rathaussturm in Bottrop von 1919 auf Ernst Ender. Nach dem Abschluss der Forschung und das Buch über Alois Fulneczek arbeitete er an einer Biographie über Ernst Ender. Er fand nicht nur heraus, dass er im Widerstand gegen die Nationalsozialisten war, sondern dadurch auch in einem KZ als Politischer Häftling landete, aus dem er glücklicherweise lebendig herauskam.
Am 9.11.2021 ließ er mit Unterstützung des Vereins „7 Freunde e.V.“ den Stolperstein für Ernst Ender an seiner letzten Wohnstätte, Fuchsstraße 2, verlegen. Ein halbes Jahr darauf meldete sich ein Stiefsohn. Er übergab Sahin Aydin weitere Unterlagen und Fotos, die er für die Erstellung des jetzt erschienenen Buches verwenden konnte. Ein Exemplar wurde dem amtierenden Oberbürgermeister Bernd Tischler überreicht.
Das Leben Ernst Enders beinhaltet eine reichhaltige spannende politische und kämpferische Geschichte. Er setzte sich immer für ein soziales Miteinander, für mehr Mitbestimmung und für die „kleinen“ Menschen ein. Ernst Ender muss eine besondere Persönlichkeit gehabt haben, die wahrscheinlich herzlich und offen gewesen sein musste. Das gebürtige am 4.7.1881 geborene Thüringer in Haina/Stadt Römhild nach dem Zweiten Weltkrieg Oberbürgermeister von Bottrop werden würde, hatte er Zeit seines Lebens bestimmt nicht geahnt.
Bis dahin floß viel Wasser durch die Emscher. Sein Arbeitsleben begann in einer Ziegelsteinfabrik in Thüringen. Dort hatte er die erste Berührung mit der hohen Politik beim Beitritt in die Gewerkschaft. Dann lockte das Ruhrgebiet mit höheren Löhnen.
So zog er 1900 nach Sodingen (heute Stadtteil von Herne), wo er am 25.6.1904 seine Freundin Karoline Schwertmann aus Verl heiratete. Nach fünf Jahren als Hauer auf Zeche „Mont-Cenis“ ging das Ehepaar nach Hamborn (heute Stadtteil von Duisburg). Die Schachtstraße wurde damals „Klein-Warschau“ genannt, weil dort viele Polen wohnten, arbeiteten und ihre Sprache bewahrten. Dort trat er in den Bergarbeiter-Verband ein und arbeitete auf der Zeche „Deutscher Kaiser“ (heute noch bekannt als Zeche „Friedrich Thyssen“).
Short zum Buch:
Ernst Ender – Ein Sozialist wird Bottroper Oberbürgermeister:
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Der Thüringer Ernst Ender kann nun als echter Ruhrgebietler bezeichnet werden. Denn nach Herne und Duisburg, landete er für ein Jahr in der Zeche „Graf Moltke“ in Gladbeck – Butendorf. Dann lockte die Zeche „Osterfeld“ wahrscheinlich mit mehr Lohn. Dann passierte etwas Entscheidendes in seinem Leben: Er politisierte sich immer mehr! Er wollte etwas bewegen für die Menschen.
Er gründete 1911 den SPD-Ortsverband. Das Kaiserreich beäugte die SPD als mögliche Umsturzpartei, immer noch sehr argwöhnisch. So wurde auch Ernst Ender überwacht. Das hielt ihn nicht davon ab beim größten Bergarbeiterstreik, den das Deutsche Kaiserreich je erlebte, im März 1912 als Streiksprecher zu unterstützen. Er kämpfte mit den Streikenden für eine Achtstunden-Schicht. Das ist heute über 100 Jahre kaum vorstellbar. Die junge Generation weiß nicht unter welchen schrecklichen Zuständen in der Zeit der Industrialisierung und Bevormundung des monarchischen Staates gearbeitet wurde.
Und sie weiß auch nicht, das dieser Arbeitskampf einer der Ursprünge aller zukünftigen Arbeitskämpfe war, die zum heutigen Wohlstand in ganz Deutschland wurde. Heute zehren wir von einem Achtstunden-Tag und zwei freien Wochentagen. Damals üblich waren 10 oder 12 Stunden an sechs Tagen die Woche unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Arbeitsschutz gab es so gut wie nicht!
Umso wichtiger waren die Streiks auf die missliche Lage hinzuweisen. Doch der große Bergarbeiterstreik mit seinen entsprechenden Forderungen war eine sehr gefährliche Angelegenheit. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. forderte den preußischen Innenminister auf mit Militär und Polizei scharf schießen zu lassen. Dem Kaiser waren sozialistische Umtriebe ein Dorn im Auge. Vier Arbeiter starben. 2000 Arbeiter wurden angeklagt. Ernst Ender wurde in Osterfeld entlassen.
Ernst Ender gab jedoch nicht auf. Er hatte eine Verantwortung für seine Familie, denn er hatte seine Frau und bald vier Kinder zu ernähren. Am 2.5.1912 landete er auf der Zeche Rheinbaben in Bottrop, wo er auch mit Unterbrechungen durch einen Unfall während des Ersten Weltkriegs bis 1932 arbeitete. Dort wurde er in den Betriebsrat gewählt. In Bottrop wurde sein Leben noch umtriebiger und belebter durch die revolutionären Zeiten, die folgten nach der Gründung der Weimarer Republik. 1918 wechselte er von der SPD in die abgespaltene mehr linksgerichtete USPD ein und unterstützte den Arbeiter- und Soldatenrat (ASR) als Leiter der Sicherheitswehr von Bottrop. Er blieb in der Situation jedoch immer auch ein Schlichter und Vermittler zwischen den verschiedenen politischen Gruppierungen.
Beim brutalen „Rathaussturm“ in Bottrop in der Nacht vom 17./18.11.1919 durch den Freikorps Lichtschlag geführt von Wilhelm Höffer von Loewenfeld, wo nach Aydins Forschungen mehr als 120 Menschen umgekommen sind, wurde Ernst Ender festgenommen. Ender wurde entlassen. Er kandidierte anschließend als Mitglied der USPD für den Bottroper Gemeinderat und bekam einen der vier Sitze.
1931 gründete er mit Alois Saffert die Ortsgruppe der SAPD (Sozialistische Arbeiter Partei Deutschlands) in Bottrop. Eine mehr links liegende Partei von der SPD. Das allerdings war später für die NSDAP nach ihrer Machtergreifung ein Dorn im Auge. Nach seiner Entlassung als Invalide aus der Zeche „Rheinbaben“ und die folgende Nazi-Übernahme der Stadt 1933, war Ernst Ender entschlossen in den Widerstand zu gehen. Er unterstütze Flugblattaktionen. Am 13.4.36 wurde er verhaftet, in der Duisburger Strafanstalt eingesperrt zur Strafanstalt Herford überstellt.
Am 9.7.36 wurde er als Hochverräter verurteilt zu einem Jahr und acht Monate Zuchthaus. Nach seiner Entlassung am 10.1.38 wurde er nur einen Monat später erneut verhaftet und zum Konzentrationslager Buchenwald als Politischer Häftling überstellt mit der Häftlingsnummer 1082. Glücklicherweise wurde Ernst Ender am 18.2.1941 entlassen und schaffte es die Macht der Nazis zu überstehen.
Nach dem zweiten Weltkrieg entschied sich Ernst Ender, genauso wie Willy Brandt, wieder in die SPD einzutreten, weil das Programm sich von den Parteien kaum unterschied.
Die Alliierten setzten Ernst Ender als erfahrenen Schlichter, Redner und Politiker als ersten Oberbürgermeister von Bottrop ein. Durch einen Autounfall allerdings musste er seine Arbeit nach 8 Monaten abbrechen.
Seine restliche Lebenszeit nach dem Tod seiner Frau Karoline verbrachte er mit Elisabeth Grossinski, die 1959 heiratete.
1958 bekam Ernst Ender ein Bundesverdienstkreuz für sein ablehnendes Verhalten gegenüber der NSDAP und seine Verdienste als Politiker der Stadt Bottrop.
Am 20.6.1963 starb er und wurde in allen Zeitungen und von Politikern gewürdigt für seine Arbeit als Gewerkschafter und Politiker.
Am 3.2.1978 hat die Stadt Bottrop die ursprüngliche Raiffeisenstraße in „Ernst-Ender-Straße“ umbenannt, um ihn eine besondere Würdigung zu geben. Die Straße führt an seinem letzten Wohnhaus Ecke Fuchsstraße 2, dran vorbei.
Der Stolperstein ist ein besonderer Stein für eine besonderen Menschen, der als besonnener Vermittler, als Helfer für Kumpels, als Mensch im Kampf um die Freiheit gegen die Diktatur der Nazis steht.
Sahin Aydin hat mit seiner Ernst-Ender-Biographie und dem Initiieren des Verlegens des Stolpersteins eine wichtige über die Stadtgrenzen hinaus wichtige Entscheidung und Arbeit getan.
Sahin Aydin mit seiner Biographie über Ernst Ender – Ein Sozialist wird Bottroper Oberbürgermeister
Nie wieder ist Jetzt!
Es zeigt, dass es Mutige geben muss, um in der Zeit von populistischer Politik aufzustehen und Widerstand zu leisten.
Zuzuhören, schlichten und vermitteln gehören dazu.
Das konnte Ernst Ender mit Sicherheit in seinem langen bewegten Leben!
Ruhe in Frieden!
Glück auf!
Quelle: Sahin Aydin: Ernst Ender – Ein Sozialist wird Bottroper Oberbürgermeister
Mit diesem Beitrag, einem Podcast und der Stolperstein-Saubermach-Aktion möchte ich Paul Borek eine besondere Ehre zu Teil werden lassen, der bei der „Aktion T4“ von den Nationalsozialisten 1941 ermordet wurde in Hadamar.
Die Stolpersteinverlegung am 16.12.2024 war die Zweite, der ich zumindest in Bottrop beigewohnt hatte. Dort verlas der Oberbürgermeister seine Rede, während Gunter Demnig persönlich den Stolperstein für Paul Borek auf der Holtfortstraße 35 in Bottrop verlegte. Schüler und Schülerinnen der Willy-Brandt-Gesamtschule Abschlussklasse Q1 und der Familie von Paul Borek, die bis 2022 nicht genau wußten, was mit ihm geschehen war, trugen ihre gesammelten Informationen zu Paul Borek und der Familie Karp vor.
Short / Teaser zur Stolpersteinverlegung Paul Borek:
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Die Schüler und Schülerinnen hatten mit ihrem Lehrer Christopher Kühne das Thema Erinnerungskultur und die Stolpersteine durchgesprochen und forschten nach Personen, die noch keinen bekommen haben. Emily Bentz traf dabei in der eigenen Familienchronik auf den Namen Paul Borek, der verwandtschaftlich mit ihr verbunden ist, aber über dessen Schicksal keiner so genau Bescheid wußte. Es gab kein Todesfalldatum oder ein Foto.
Nach der Verlegung habe ich mich mit der Klasse in Verbindung gesetzt, um einen Podcast mit ihnen zu machen, dem sie bereitwillig zustimmten.
Oberbürgermeister von Bottrop Bernd Tischler kurz vor der Verlegung
Leon Tanten, Marlon Bochenek, Nico Zielinski, Nele Haibach, Louis Kanzler, Timo Baron, Annika Plöge, Emily Bentz und ihr Lehrer Christopher Kühne erzählten über ihre Recherchen, wie sie auf Paul Borek gestoßen sind. Sie erzählen, wie sie auf den ein oder anderen Stolperstein „gestolpert“ sind und sich gefragt haben, wofür diese Steine stehen und warum dort Namen mit Daten darauf stehen. Die Steine regen zum Nachdenken an über die Opfer und auch über die Zeit in der sie lebten. Im Religionsunterricht bei Christopher Kühne zum Thema Kirche in der NS-Zeit besprochen.
Meine verschiedenen Fragen bekamen interessante Antworten von der jungen Generation und wie sie damit auch in Zukunft mit ihren eigenen Kindern umgehen werden.
Sie fanden alle das ein Denkmal eher zu allgemein wäre, als ein Stolperstein, der ein persönliches Schicksal aufzeigen kann.
Was war der Anreiz einen Stolperstein zu verlegen?
Lehrer Christopher Kühne hat das Projekt „Stolpersteine“ schon länger gekannt. Es wollte etwas als Projekt „haftbar“ machen im Bereich der Erinnerungskultur. So fand er es toll, dass er dadurch mit den Schüler und Schülerinnen gemeinsam einen Stolperstein initialisieren konnte.
Die Klasse machte sich erstmal schlau, wie man Pate eines Stolpersteins wird und wie Recherchen zu einer Person bzw. Opfers ablaufen. In der Biographie von Paul Borek gab es Lücken, die nie aufgearbeitet wurden, die Emily Bentz als entfernte Verwandte aufgefallen ist.
Der Anfang ist immer im Stadtarchiv der jeweiligen Stadt zu finden, wo das Opfer geboren wurde. Dort finden sich auch Informationen über Deportierte oder ermordete Personen, wenn die Unterlagen erhalten blieben.
Bei den Recherchen trafen die Schüler und Schülerinnen auch auf die Familie Karp, die noch keinen Stolperstein bekommen haben. Es war für alle erstaunlich, dass nach über 80 Jahren immer noch Menschen gefunden werden, die durch die Nationalsozialisten umgebracht, gefoltert, interniert wurden oder ins Exil gingen.
Für die Projektarbeit opferten die Schüler und Schülerinnen ihre Freizeit, denn es war mehr Arbeit als gedacht. Es gab keine Biographie von Paul Borek oder über die Familie Karp. Sie musste erst recherchiert werden. Für die Kostenübernahme für die Herstellung und Verlegung der jeweiligen Stolpersteine von Paul Borek und der Familie Karp wurden private Firmen angesprochen. Der Stolperstein für Ruth Karp finanzierte z.B. die Brauerei „Bottroper Bier“.
Die Schüler und Schülerinnen haben auch selbst gesammelt innerhalb der Gesamtschule und der Lehrerschaft. Es gab sehr viel Zuspruch von allen Schülern und Schülerinnen bei der Sammelaktion und zu dem Projekt. Alle sind der Meinung, dass die Erinnerungskultur als Teil der Geschichte erhalten bleiben muss.
In dem Podcast habe ich mich inhaltlich aber mehr mit Paul Borek befasst und über die Recherchen und auch Gefühle, die die Schüler und Schülerinnen beim Recherchieren hatten und was für sie die Erinnerungskultur bedeutet.
Wie und wo wohnte Paul Borek?
Die historische Zechensiedlung des Bergwerks Prosper III in der Holtfortstraße 35 in Bottrop wird höchstwahrscheinlich heute fast genauso aussehen, wie sie damals ausgesehen haben mag, als Paul Borek hier groß wurde, bevor er in die Lehre als Anstreicher ins Münsterland ging und anschließend in die Heilanstalten, aus der er nicht mehr wiederkam. Ein Video zum Stolperstein durch das Saubermachen des Steins und einer Schweigeminute darin soll Paul Borek besonders würdigen und für die Euthanasie-Opfer stehen, die in Europa durch die Rassenwahnideen der Nationalsozialisten zu Tode gekommen sind.
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FOTOS zur Holtfortstraße, dem Wohnort von Paul Borek in Bottrop:
Sicht vom Stolperstein in Richtung Nordring
Vor meiner Saubermach-Aktion am 15.3.24
Was ist Aktion T4?
Nach 1945 ist diese Bezeichnung für den systematischen Massenmord an mehr als 70000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1941 unter der Leitung der Zentraldienststelle T4 in Berlin, Tiergartenstraße 4, verwendet worden.
Insgesamt sind unter den rassenhygienischen Vorstellungen der Eugenik um die 200000 Menschen umgebracht worden. Sie waren für die Kriegswirtschaft nicht wichtig und für eine starke Volkswirtschaft in den Augen der Nationalsozialisten ein Klotz am Bein.
Familienangehörige bekamen in den Todesnachrichten die Information, dass sie an einer Lungenentzündung oder Herzinfarkt gestorben waren.
Für die Nationalsozialisten war eine „Höherzüchtung“ der „arischen Rasse“ ein wichtiges ideologisches Ziel. Um dies zu erreichen gab es neben der Vernichtung jüdischen Lebens auch die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wichtig und wurde nach Aktenlage durch ärztliche Gutachten entschieden.
Schon kurz nach der Machtergreifung durch Adolf Hitlers NSDAP wurde am 14. Juli 1933 ein erstes Gesetz verabschiedet, das eine erzwungene Sterilisation von Menschen erblichen Krankheiten vorsah. Diese Geschichte der Zwangssterilisation von 400000 Männer und Frauen, wobei 6000 Menschen zu Tode kamen, ist noch heute wenig bekannt.
(Text aus dem Stadtarchiv Bottrop von Emily Bentz, Annika Plöger, Louis Kanzler, Timo Baron, Schüler und Schülerinnen der Willy-Brandt-Gesamtschule Q1. Mit freundlicher Genehmigung zur Bereitstellung in meinem Blog vom Stadtarchiv Bottrop von Heike Biskup, Link: Paul Borek | Stadt Bottrop)
Patenschaft
Patenschaft für den Stolperstein: Familie Borek Verlegung des Stolpersteins: 16. Dezember 2023
Leben
Paul Borek wurde am 19. Mai 1905 in Bottrop geboren. Er war das zehnte Kind des Bergmanns Alois Borek und seiner Frau Franziska, geb. Skrzyschowski. Seine Eltern waren Mitte der 1890er Jahre wie so viele Oberschlesier auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lebensbedingungen ins Ruhrgebiet gekommen. Sie stammten aus Godów im Kreis Rybnik und kamen mit zwei kleinen Söhnen nach Bottrop. Dort wurden alle weiteren zwölf Kinder geboren.
Einige seiner Brüder folgten dem Beispiel des Vaters und wurden Bergmann. Paul dagegen verschlug es nach der Schulzeit im Jahre 1923 ins Münsterland. Zunächst arbeitete er zwei Jahre als landwirtschaftlicher Arbeiter bei einem Bauern in Lembeck. Anschließend absolvierte er in Groß Reken eine „Anstreicherlehre“, die er am 13. März 1928 mit der Gesellenprüfung abschloss. Seine bereits in Lembeck aufgefallene besonders fromme Lebensweise soll sich in dieser Zeit durch die Teilnahme an Exerzitien, also geistlichen Übungen, verstärkt haben.
Anfang Mai 1928 zeigten sich erstmalig Krankheitsanzeichen: Während der Malerarbeiten in einem Krankenhaus teilte er einem zufällig vorbeikommenden Pater mit, dass er umgehend in ein Kloster eintreten wolle. Als dieser den Wunsch mit einem Scherz erwiderte, legte Paul umgehend die Arbeit nieder und fuhr zu seinen Eltern nach Bottrop. Nach einer Untersuchung im dortigen Marienhospital wurde er am 1. Juni 1928 mit der Diagnose Schizophrenie in die Provinzialheilanstalt Warstein i. W. eingewiesen. Sein Vater und einer seiner Brüder, der Polizeiwachtmeister war, begleiteten ihn.
Bereits bei der Einlieferung war Pauls körperliche Verfassung nicht gut gewesen: er wurde als „mittelgroßer Mann in reduziertem Ernährungszustand“ beschrieben. Zunehmend verschlechterte sich in der Heilanstalt nicht nur sein körperlicher, sondern auch sein als psychischer Zustand: zunehmend desorientiert und verhaltensauffällig, zeigte er sich entweder aggressiv oder sehr in sich gekehrt. Seiner im Bundesarchiv verwahrten Patientenakte ist zu entnehmen, dass seine Familie ihn trotz der Entfernung zumindest bis Ende der 1930er Jahre in Warstein regelmäßig besuchte sowie Pakete und Briefe schickte. Paul reagierte auf alle Formen der Kontaktaufnahme zunächst erfreut, verfiel aber regelmäßig sehr schnell in einen teilnahmslosen Zustand.
Ab 1938 mehrten sich die Einträge in der Krankenakte, dass er ein „Dauerfall“ sei und die zuvor detailliert erfassten Beschreibungen zum Verhalten und zur Verfassung des Patienten nahmen merklich ab.
Am 14. Juli 1941 wurde er in die „Zwischenanstalt“ Weilmünster verlegt. Mit diesem Eintrag endet seine Krankenakte aus Warstein. Wie die weiteren Recherchen ergaben, wurde er mit einem der letzten Transporte von Weilmünster am 21. August 1941 nach Hadamar deportiert, wo er umgehend ermordet wurde. Sein Name ist im „Gedenkbuch zur Erinnerung an die 1941-1945 in der Tötungsanstalt Hadamar Ermordeten“ verzeichnet.
Ein Neffe Pauls hatte bereits seit den 1980er Jahren die Familiengeschichte erforscht, diverse Treffen der weitverzweigten Familie initiiert und alle Informationen in Buchform zusammengestellt. Zu Paul gab es keinerlei Informationen, so dass im Stammbaum lediglich sein Name verzeichnet war. Als eine Großnichte im Frühjahr 2021 zufällig auf die T4 Liste mit Pauls Namen stieß, war die Verwunderung groß. Keiner seiner Brüder oder Schwestern hatte je ein Wort über sein Schicksal verloren, obwohl viele ihn in der Heilanstalt in Warstein besucht hatten. So kannten die nachfolgenden Generationen nur die Erzählung, dass es einen (Groß-)Onkel gegeben hätte, der „wohl sehr fromm gewesen sei und der bereits als Jugendlicher gestorben“ wäre.
Seit 2022 ist nunmehr nicht mehr nur sein Name, sondern auch seine Lebensgeschichte im Stammbaum der Familie verankert.
Text: Emily Bentz, Annika Plöger, Louis Kanzler und Timo Baron; SchülerInnen der Jahrgangsstufe Q1 der Willy-Brandt-Gesamtschule Bottrop im Schuljahr 2022/2023 in Zusammenarbeit mit Cornelia und Rudolf Borek
Literatur und Quellen
Bundesarchiv, Bestand R 179 Kanzlei des Führers, Hauptamt II b, Patientenakte Provinzialheilanstalt Warstein i. W., R 179/23794.
LWV-Gedenkstätte Hadamar: Gedenkbuch zur Erinnerung an die Ermordeten der nationalsozialistischen „Euthanasie“ in der Tötungsanstalt Hadamar (https://www.gedenkstaette-hadamar.de/besuch/ausstellungen/, abgerufen am 23. Juni 2023).
Bernd Walter: Psychiatrie und Gesellschaft in der Moderne. Geisteskrankenfürsorge in der Provinz Westfalen zwischen Kaiserreich und NS-Regime, Paderborn 1996.
Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hg.): Verlegt nach Hadamar. Die Geschichte einer NS-„Euthanasie“-Anstalt, Kassel 2009.
Mit freundlicher Genehmigung hier die Originalrede von Oberbürgermeister Bernd Tischler, die von ihm verlesen wurde bei der Stolpersteinverlegung Paul Borek:
Rede des Herrn Oberbürgermeisters Tischler
anlässlich der Verlegung neuer Stolpersteine in
Bottrop am Samstag, dem 16.12.2023 um 13.45 Uhr
auf der Holtfortstraße 35
Es gilt das gesprochene Wort.
Sehr geehrter Herr Demnig (Künstler, verlegt die Stolpersteine),
sehr geehrter Herr Bürgermeister Strehl,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Presse,
meine Damen und Herren,
heute werden erneut Stolpersteine bei uns in Bottrop
verlegt. Damit wollen wir die Erinnerungskultur in unserer
Stadt lebendig halten und auch 78 Jahre nach dem Ende
der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus der
Opfer gedenken.
Dazu gehören unter anderem Isaak und Pepi Scheiner
sowie ihre Tochter Hildegard, Fanny Glinert, Samuel und
Scheindla Karp sowie ihre Kinder Mundyk, Max, Anna und
Ruth. Außerdem gedenken wir heute auch Elisabeth
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Bernhardine Spettmann, Alois Saffert und Paul Borek.
Letzterer hat hier, auf der Holtfortstraße 35, gewohnt.
Die Patenschaften für die verschiedenen Stolpersteine
wurden sowohl von Einzelpersonen als auch von
Institutionen und Gruppen von Menschen übernommen.
Das freut mich sehr, denn es zeigt, dass in unserer Stadt
die Erinnerungskultur und das Bewusstsein für die
Vergangenheit nicht nur lebendig sind, sondern über
Generationen hinweg getragen und fortgeführt werden.
Insbesondere die Willy-Brandt-Gesamtschule und das
Berufskolleg Bottrop zeigen mit ihrem Engagement, dass
sich auch junge Menschen mit der Geschichte befassen,
sich für die Vergangenheit interessieren und sich mit ihr
auseinandersetzen. Das ist gut und richtig so, denn nur
dadurch können wir sicherstellen, dass auch in Zukunft
das Bewusstsein für die Gräuel der Nazizeit lebendig
bleibt und das ist letztlich ein wichtiger Faktor, wenn es
darum geht zu verhindern, dass sich die Geschichte
jemals wiederholt.
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Meine Damen und Herren,
unzählige Menschen fielen der NS-Diktatur zum Opfer.
Dabei passiert es schnell, dass Einzelschicksale in der
schieren Menge der Gesamtzahl aller Opfer
verschwinden. Gerade auch deshalb gibt es die
Stolpersteine. Sie holen die Menschen aus der Anonymität
der Masse heraus und geben ihnen ihren Namen und
somit auch ihre Geschichte zurück. „Ein Stein. Ein Name.
Ein Mensch“, das kann man gewissermaßen als Motto
Ihrer Arbeit mit den Stolpersteinen verstehen, sehr
geehrter Herr Demnig. Und darin liegen der besondere
Wert und die Bedeutung der Stolpersteine, denn sie
erinnern uns an Schicksale, die wir nicht vergessen
dürfen.
Ich danke einmal mehr allen, die eine Patenschaft für
einen Stolperstein übernommen haben. Dieses
Engagement ist wichtig und es ist schön zu sehen, dass
sich immer wieder Patinnen und Paten für neue
Stolpersteine finden. Und auch Ihnen, sehr geehrter Herr
Demnig, möchte ich danken. Was Sie vor mittlerweile 27
Jahren mit der Verlegung Ihres ersten Stolpersteins
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angestoßen haben, hat sich über die Jahre zu einem
wichtigen Projekt der Erinnerungskultur und des Umgangs
mit der Zeit des Nationalsozialismus entwickelt.
Abschließend möchte ich noch auf eine Veranstaltung
heute Abend hinweisen. Um 18.00 Uhr wird Herr Demnig
im Kammerkonzertsaal des Kulturzentrums August
Everding in der Blumenstraße einen Vortrag unter dem
Motto „Stolpersteine – Spuren und Wege“ halten.
Der Eintritt ist frei, Interessentinnen und Interessenten
sind herzlich willkommen.
Ihnen allen noch einen schönen Nachmittag und ein
herzliches Glückauf.
Stolperstein Paul Borek neu verlegt am 16.12.23
Hinweis: Im ersten Stolperstein-Podcast ist der komplette Vortrag von Gunter Demnig zu hören:
Paul Borek passte nicht ins Weltbild der Nationalsozialistischen Ideologie und rechten Terrors. Deswegen wurde er am 21.8.1941 ermordet.
Mit den Videos und Podcast zu den Stolpersteinen im Ruhrgebiet, aus deren Region ich berichte als Blogger, will ich die Erinnerungskultur auf eine besondere Art und Weise hochhalten und immer wieder darauf hinweisen, dass keine Partei, wie die AFD einen Schritt unternehmen darf, einen Schlussstrich unter die Erinnerungskultur zu ziehen. Kein Opfer des deutschen Nationalsozialismus unter Adolf Hitler darf klein geredet werden.
Alle Opfer, ob mit oder ohne Stolperstein, nicht nur im Ruhrgebiet, waren Menschen unter Menschen. Ihnen gebührt mehr Aufmerksamkeit um nicht zu vergessen, was Rassenwahn, Eugenik , Roma-, Sinti- und Judenhass bis in die heutige Zeit Leid auf der ganzen Welt verursacht, damit es sich nicht wiederholt.
RUHE IN FRIEDEN PAUL BOREK !
NIE WIEDER IST JETZT!
GLÜCK AUF
Ruhrpottologe André Brune
P.S.: Abonniert meinen Newsletter. Hier werdet ihr immer wieder einen weiteren Stolperstein bzw. ein Opfer des Nationalsozialismus nachlesen, hören und sehen.
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