Malin Ostermann und das Mundartprojekt Dialektatlas – Gehört Ruhrdeutsch dazu? I +Videopodcast I +Podcast #110

Es gibt einen Dialektatlas, der die regionale Mundart aus den Regionen des Mittleren Westens für die Ewigkeit online mit Hörproben und Schriftlich festhalten wird. Malin Ostermann arbeitet an dieser Studie seit einigen Jahren mit. Sie hat mir auch die Antwort auf die Frage gegeben, ob Ruhrdeutsch in der Form ein Dialekt ist oder ein Regiolekt. Sie hat mir aber auch einen interessanten Einblick gegeben in die Sprachgeschichte und warum das Mammutprojekt so wichtig ist die nun sterbenden Dialekte zu bewahren für die Nachwelt.

Schaut doch einfach mal ins Video oder hört in den Podcast rein:

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Malin Ostermann ist eine der Mitarbeiterinnen von der Universität Bonn an der Philosophischen Fakultät für Germanistik, vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Arbeitsstelle Rheinische Sprachforschung. Das Projekt „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland (DMW)“ wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste gefördert. 2016 wurde es gestartet. Es wird nach einer Laufzeit von unglaublichen 17 Jahren 2032 abgeschlossen sein.

In vielen Regionen werden immer noch Menschen gesucht, die sich als „Gewährsperson“ zu einer „Erhebung“ bereit erklären, also Menschen, die bereit sind dabei freiwillig mitzumachen bei der Studie. So sollen aussterbende örtliche Mundartdialekte in den nachfolgenden Generationen nicht vergessen werden. In der Form der Digitalen Sprachverarbeitung ist das bisher für diese Region noch nie gemacht worden. Das Thema Sprache ist zwar trocken, aber wir haben einen wirklich spannenden Einblick in die regionalen Dialekte. Das Ruhrgebiet als solches ist auch vertreten, es könnte aber noch besser werden. Denn der Kreis Recklinghausen ist noch ein weißer Fleck, wo sich bisher noch niemand gefunden hat, der sich bereit erklärt hat mitzumachen. Dabei ist das gar nicht so schwer.

Wie läuft das Projekt „Dialektatlas“ ab?

  1. Recherchieren – An allen Standorten wird recherchiert, wo Befragungen stattfinden können und sollen. Das Projekt basiert auf den Sprachwissenschaftler Georg Wenker aus dem 19. Jahrhundert, der zum ersten Mal einen Großteil der Dialekte in Deutschland erforscht hat und entsprechende „Dialektgrenzen“ dadurch ermittelt hat.
  1. Kontaktieren – es werden über Heimatvereine, Ortsvorsteher und Bürgermeister *innen nach den „Gewährspersonen“ kontaktiert, die Interesse haben einen Fragebogen, der die „Ortsfestigkeit“ feststellt, also wie lange die Person dort wohnt, also wie fest sitzt sozusagen der Dialekt oder auch nicht. Dann wird ein Termin vereinbart, und die Person wird aufgesucht um zu
  1. Befragen & Aufnehmen – Malin Ostermann ist eine sogenannte „Exploratorin“, die dann anhand von einem Fragebuch Ausdrücke aus dem Dialekt prüft mit Bild- und Satzkarten und kleinen Videos. Die Befragung wird komplett aufgenommen und gespeichert. Keine Angst. Es wird kein Schindluder getrieben, sondern mit dem Datensatz und der Aufnahme natürlich rein wissenschaftlich umgegangen. Die Sprachdaten werden gespeichert und bei eingesprochenen Wörtern, wie zum Beispiel Kartoffel, wird dann das ausgesprochene Wort herausgefiltert und dem Dialektatlas online zugeführt.
  1. Sichern – Natürlich werden die kompletten Daten der Personen und Sprache getrennt voneinander digitalisiert und verschlüsselt über eine projektinterne Plattform. Alles nach Datenschutzgesetz für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung.
  1. Aufbereiten – Etwa 800 Fragen werden durch entsprechende Bearbeiter*innen bearbeitet. Sie schneiden die Dialektwörter aus den Aufnahmen heraus zur Transkription in die entsprechende Lautschrift. Und es wird noch eine spezielle Analyse durchgeführt auf linguistische Phänomene.
  1. Hören & Sehen – Nachdem dieser mühsame Fragenkatalog gestellt, gesichert und aufbereitet, sowie analysiert wurde, kommen die Sprachbeispiele und ihre laiengerechte Verschriftung auf die sogenannten „Preview-Karten“. Das ist der Dialektatlas, der zum Teil auch gehört werden kann, was Malin mir im Podcast am Laptop zeigt. So wird ein Vergleich gemacht werden können zwischen den Orten. Manchmal eben hat ein Nachbarort eine andere Aussprache zur Kartoffel. Das liegt an den Sprachinseln, die früher eben waren, weil die Menschen mangels Geld und Möglichkeiten eben nicht verreist waren und immer im Ort blieben. Oder sie veränderten sich, weil sie Zuwanderung hatten oder sich mundartig eben ausgetauscht haben. Ohne Vergleichsdaten kann man das alles nicht genau feststellen.
Flyer zur Übersicht: 2024-06-17_DMW_Flyer_A5.pdf

Ich persönlich finde es faszinierend, dass es diese besondere Studie gibt, um die alte Sprache des Alltags in den Regionen für die Nachwelt festzuhalten. Ich finde sie auch sehr wichtig. Denn ich merke seit einigen Jahren, wie sich unsere Sprache verändert durch die Globalisierung, dem Internet, den abgehakten Nachrichten in den Chatrooms eine Verschwimmung der Dialekte hin zu reinem Hochdeutsch mit vielen englischen Wörtern, die oft grausig auch in der Werbung die deutsche Sprache verunstalten. Der englischsprachige Einfluss wird immer größer, aber es lässt auch deutsche Wörter in den englischen Sprachraum zu. So wird das deutsche Wort „Wanderlust“ weltweit für die wirkliche Freude zum Wandern genutzt. Da kann man sich aufregen, wie man möchte. Die Einflüsse können nicht getilgt werden. Sie werden sich auch weiter verändern werden in der Zukunft. Das ist ein normaler Vorgang seitdem wir als Mensch angefangen haben zu sprechen.

Sprachveränderung

Es passiert gerade durch den globalen Einfluss in der Sprache sehr viel, da wird die Regionalität eher vergessen. Die Jugendsprache hat jedes Jahr neue Wörter, die auch im Duden aufgenommen werden. Ein Komitee von Sprachwissenschaftlern, die neue Wörter aufnehmen, die immer mehr den deutschen Sprachraum übernehmen, prüfen aber auch, ob es Wörter gibt, die kaum noch gesprochen werden. So gehen auch ältere kaum genutzte Wörter wieder aus dem Duden heraus. Das war schon immer so. Man kann sich über die Jahrzehnte die alten Duden mit neuen vergleichen und wird mit Sicherheit große Veränderungen vorfinden. Aber wer liest schon einen Duden, der höchstens zum Nachschlagen einzelner Wörter genutzt wird, um zu wissen, wie es geschrieben wird?

Alte Wörter im regionalen Bereich gehen somit auch verloren. Die Wörter werden ersetzt durch andere oder entwickeln sich weiter. Diese Studie rettet sozusagen die Mundart der Regionen und die entsprechende große Vielfalt, so wie es schon im Süden Deutschlands gemacht wurde.

Österreich, die Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg sind da schon fertig mit der Sprachforschung. In Deutschland liegt es bei der Kulturhoheit der Länder. Der Norden und auch Osten Deutschlands sind noch weiß. Dort gibt es so eine großangelegte Dialektforschung noch nicht oder nur im kleinen Rahmen. Es wäre schon spannend zu wissen, in wie fern sich dort der niederdeutsche Dialekt entwickelt hat, der einen großen Einfluss für das Ruhrgebiet hatte bis heute. Für diesen Bereich im Ruhrgebiet und drumherum gibt es die Erhebung nun.

Durchgeführt wird die Studie und das Werden vom Dialektatlas der mittleren westdeutschen Gebiete an den Universitäten in Siegen, Paderborn, Münster und in Bonn. Ich war zum Gespräch eingeladen worden in Bonn. Dort besteht die Projektleitung aus Prof. Dr. Claudia Wich-Reif (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Außerdem sind zuständig Prof. Dr. Petra M. Vogel an der Universität Siegen, Prof. Dr. Helmut Spiekermann von der WWU Münster und Prof. Dr. Doris Tophinke von der Universität Paderborn.

Malin Ostermann und der Dialektatlas

Kennengelernt habe ich Malin Ostermann bei dem 100 Jahre Fest vom Verein Komm-Ommend, der die regionale Mundart in Essen – Werden das Waddisch noch pflegt und hegt (Hab ich im Podcast/Blogbeitrag drüber berichtet: Waddisch – Ruhrpottologe – André Brune). Doch auch dort ist der Verein überaltert, das Interesse in Werden leider sehr gering mitzumachen, weil es im Alltag nicht mehr verwendet wird. Mir machte es Spaß den Podcast mit Marc Real zu machen, der enthusiastisch den Verein mit jungem Esprit am Leben erhält und auch junges Publikum anspricht. Natürlich war ich Feuer und Flamme einen Podcast mit Malin Ostermann zu machen über das Projekt Dialektatlas. Sie lud mich nach Bonn zu ihrem Sprachinstitut der Universität ein.

Malin ist früh mit ihren Eltern durch deren Arbeit nach Portugal gekommen. Sie begeisterte sich schon früh für Sprachen. Sie hatte auch nicht gewusst, dass in Portugal an der Algarve anders gesprochen wurde als in Norden bei Porto. Für sie war, wie auch für uns Außenstehende Portugiesisch eine einheitliche Sprache. Aber es ist dort genauso regional unterschiedlich, wie in Deutschland zwischen Bayern und Schleswig-Holstein.

Mit 18 kam sie aus Portugal zurück nach Deutschland und hat in Siegen den Bachelor in Sprachwissenschaft und in Bonn den Master in Germanistik gemacht. Ursprünglich war die Dialektforschung nicht ihr Ziel. Sie hatte das eher nebenbei im Studium kennengelernt. Professorin Wich-Reif bat sie für das Projekt zu bleiben und mitzumachen, was sie mit Begeisterung auch unterstützt. Sie ist einer der Exploratoren. Sie macht die Erhebungen vor Ort bei den Probanten, die das Projekt mit ihrem Mundartdialekt unterstützten.

Malin Ostermann schreibt an einer Doktorarbeit im Rahmen des Projekts, das eigentlich nur im Inneren der deutschen Grenzen hält. Sie wurde gefragt, ob sie nicht über die Grenzen hinausschauen möchte Ich wünsche ihr viel Erfolg dabei und denke, dass sie wirklich eine tolle Doktorarbeit hinlegen wird, die sich eben mit der deutschen Sprache im Grenzraum beschäftigt. Das wurde bisher eben auch nicht gemacht. Dort wird hier und da auch Deutsch gesprochen oder einzelne Wörter aus dem Deutschen beeinflussen den dortigen Dialekt stärker als im Inland.  Es ist eben auch so, dass auf der belgischen, wie auch auf der niederländischen Seite, sowie auch in Luxemburg und auch Frankreich, wie in Elsass und Lothringen Deutsch gesprochen wird.

Dort hat sich mit Sicherheit eine eigene Mundart entwickelt mit mehr Einfluss von Flämisch, Niederländisch und Französisch. Umso spannender ist es herauszufinden, wie nah sie an dem Wort Kartoffel sind oder nicht. Denn vom Erdäppel bis zum Krumper ist die Kartoffel allein in Nordrhein-Westfalen ein einziges Wortphänomen in den verschiedensten Regionen. Sie erklärt mir auch, dass wenn kleinräumig geschaut wird, jeder Ort einen unterschiedlichen Begriff sogar hat für zum Beispiel die „Kartoffel“.

Es gibt viele Gründe warum die Sprache sich früher noch nicht und später mehr verändert hat, besonders im Ruhrgebiet. Die Menschen konnten früher nicht verreisen. Sie hatten kein Geld. Sie arbeiteten, um zu überleben immer meist an einem einzigen Ort, gingen nie weg und starben dort. Sogenannte Sprachinseln entstanden, so wie eben das Waddisch in Essen-Werden, das genauso anders ist als z.B. in Werne an der Lippe oder in Duisburg-Meiderich früher gesprochen wurde. Durch die Industrialisierung und Einbindung in die Großstädte, dem Einwandern von fremden Arbeitskräften wurde nach und nach auch der Heimatdialekt dem Tode geweiht. Nur vereinzelt wehren sich ein paar Vereine im Ruhrgebiet noch und erhalten die Sprachtradition und haben sichtlich Spaß daran.

Die heutige deutsche Sprache entstand ursprünglich aus dem Indogermanischen. Durch Völkerwanderungen hat sich auch die Vermischung und später die weitere Sprache in den Orten weiterentwickelt. Es gibt die schon erwähnte Benrather Linie. Sie trennt das Althochdeutsche von den anderen germanischen Sprachen auch vom Englischen. Georg Wenker prägte diesen Begriff 1877, als er bei seinen Forschungen die sprachliche Veränderung nah bei Düsseldorf am Rhein feststellte, wo sich das Niederdeutsche/Niederfränkische vom Mittel- und Oberdeutsch durch Lautverschiebungen in der Sprache veränderte. Er legte eine Sprachkarte fest, die in den Räumlichkeiten des Instituts hängt.

Martin Luther, Duden und Potten

Was mit Martin Luther im 16. Jahrhundert mit dem Druck der Bibel auf Deutsch begann, mit dem Rechtschreibwerk von Konrad Duden fortgeführt wurde, haben die Schulen und auch Eltern geschafft. Erziehungstechnisch wurde den Schüler und Schülerinnen das Hochdeutsch oft genug gewaltsam mit dem Lineal auf den Fingern oder auch Prügel zu Hause eingeprägt. Man wollte ihnen die „Dialekte“ austreiben. Sie waren nicht mehr schicklich zur Neuzeit. Sie sollen verstanden werden in allen Teilen des Landes. Die „Einheitssprache“ des vereinten Deutschen Reiches unter den Kaisern bis in die Zeit der Bundesrepublik setzte sich mehr und mehr durch. Es gibt aber noch in den Bundesländern Sachsen und Bayern, sowie auch Baden-Württemberg genügend Leute, wo durch Vereine und Initiativen auch die Jugend angeregt wird den Dialekt zu pflegen.

Im Ruhrgebiet kann man das nicht unbedingt pflegen, im Gegenteil, alles was überlustig klingt ist eher witzig, eine Verulkung der wirklichen echten Sprache, die zum Teil noch gesprochen wird. Klar kann man das auch in die Welt tragen, aber es ist nicht echt. Es ist mundartlich lustig. Was humorvoll ist, mögen die Leute der Region. Das ist keine Frage. Ich schalte auch um, wenn ich will und ich kann. Ruhrdeutsch ist eben nicht Tegtmeier, Knebel und Pottfluencer, der die Pottsprache in die Welt bringen möchte. Alles witzig keine Frage, aber so lustig es klingt, so abgedreht spricht niemand und hat auch niemand so gesprochen früher, wie heute. Einzelne Wörter vielleicht. Das ist Comedy und nicht die Sprache, nicht der Regiolekt. Aber es ist der Mainstream, der die Sprache für kurze Zeit noch einmal hochholt und mit Witz aufrecht erhält. Das hat mit der Studie insgesamt wenig zu tun bis gar nichts. So gut wie kein Wort wird so richtig übernommen werden, weil viele Ausdrücke auch aus meiner Jugendzeit stammte der 1980er und 1990er Jahren und nicht aus der Zeit der Urgroßväter von damals.

Ist Ruhrdeutsch ein Dialekt?

Eindeutig sprachwissenschaftlich gesehen NEIN! Klar kenne ich, wie alle Einwohner*innen, die hier groß geworden sind viele Wörter. Aber kommen denn die Wörter meist aus dem Ruhrgebiet, die der Pottfluencer Daniel Aßmann seit einem Jahr so gern in einem eher Comedy-Ruhrkauderwelsch raushaut? Ruhrcomedy ist lustig, aber nicht echt.

Das ist witzig. Daniel macht es gut. Ich hab damit in gewisser Form mit zu langen Videos und Erklärungen vor fünf Jahren begonnen. Dennoch wollte ich das Ruhrdeutsch nicht verulken, sondern die Alltagssprache nutzen, um einzelne Wörter zu erklären. Die Anfänge sind in Facebook zu sehen und werden von mir nun neu aufgelegt. Damals fand ich bei fast allen bisher besprochenen Wörtern heraus, dass sie ins Ruhrgebiet eingeschleppt wurden oder eigentlich aus der Zeit der Benrather Linie stammen, also schon hier durch das Niederdeutsche im normalen Sprachgebrauch festgestanden haben. Andere wiederum kamen von woanders her, werden auch woanders gesprochen und sind deswegen auch keine Pottwörter, die in die Welt getragen werden müssen. Ich mag den Spaß ja und ich möchte ihn wirklich nicht verderben!  

Viele stammen nicht wirklich von hier und sind deswegen auch keine Ruhrgebietswörter. Wir meinen, weil wir damit groß geworden sind, dass es zum Ruhrdeutschen gehört. Einige Wörter stammen aus der Jugend und sind auch woanders zu hören. Die Wörter Maloche und Kasalla, sowie Fiesematente stammen von woanders her, was ich beim Recherchieren herausfand. Sie sind bekannt, aber nicht aus dem Ruhrgebiet. Sie haben nur in den Regiolekt Einzug erhalten und wurden im Sprachgebrauch auch gut genutzt.

Die Sprache des Ruhrgebiets hat sich im Laufe der Industrialisierung verändert durch Zuwanderung aus vielen Teilen des damaligen Deutschen Reiches, wie auch durch das örtliche Hin- und Herwandern, da hin zu gehen, wo Arbeit ist, so dass die Sprache sich verändert hat. Die ursprüngliche Mundart hatte nicht mehr die Kraft sich durchzusetzen. Sie verlor an Bedeutung, wie es eben um das Ruhrgebiet herum gerade passiert, wo diese Art der Zuwanderung nicht passiert ist. Es passiert jetzt durch verschiedene Eindrücke der Globalisierung.

Dialektuntergang

Die wirklich echte ruhrdeutsche Sprache mit Wörtern, die wir in unserer Jugend oder in der Jugend der Generation meiner Eltern und Großeltern oder noch älter gesprochen wurde, geht nun nach und nach verloren. Das ist schade, aber das war und ist immer schon der Lauf der Dinge. Wir sind inmitten einem Prozess des Sprachwandels, den wir ältere nicht wahrhaben, den wir festhalten wollen. Aber auch das Althochdeutsche wurde im Laufe der Jahrhunderte vom Mittelhochdeutschen und dann vom Hochdeutschen ersetzt. Das ist nun eben auch im Ruhrgebiet der Fall. Es gibt kaum noch Arbeiter, die die lässige Art haben, die üblichen bekannten Wörter weiter zu nutzen. Sie gehen nun nach und nach in Rente.

Eltern gaben ihren Kindern im Ruhrgebiet früher auch mit, dass die ruhrgebietsartige Aussprache eine eher minderwertige Arbeitersprache war. Sie wollten sie zu etwas besseren bekehren, damit sie in der Gesellschaft überall anerkannt werden, statt aus dem grau-schwarzen Loch der Industrie zu kommen, die ärmlich war und im Rest von Deutschland als schmutzig angesehen wurde. Obwohl ohne das Ruhrgebiet wäre Deutschland nicht das von heute möglich gewesen. Das, was in anderen Teilen Deutschlands tatsächlich noch normal ist in ganz Deutschland, schien im Ruhrgebiet einen schlechten Eindruck nach außen zu machen, wer mit „Dat“ und „Wat“ kam, obwohl es in Köln, in Münster, Hamburg und Rostock durch den Einfluss des Niederdeutschen eigentlich normal ist bis heute.

Das Ruhrgebiet liegt nun mal nördlich der sogenannten „Benrather Linie“, wo das Niederdeutsche, die plattdeutsche Sprache normal war. Im Ruhrgebiet teilt sie sich in den westfälischen und sauerländischen, den münsterländischen Sandplatt, sowie dem Rheinländischen (Achtung!:) Dialekt.

Ebenso hat sich viel verändert nicht nur durch Zuwanderung. Im Laufe der Jahrhunderte und dem letzten Jahrhundert kamen auch Einflüsse durch Besetzung von französischen Truppen unter Napoleon, sowie auch viel früher noch durch das Durchstreifen von Söldnertruppen im 30jährigen Krieg.

So weit zur Geschichte müssen wir allerdings nicht zurückgehen, um das Studienprogramm heute zu unterstützen, damit alte Wörter auch in der Zukunft noch hör- und lesbar sind. Dafür sorgt Malin Ostermann, die in Cottbus geboren wurde.

Dialektpionierforscher Georg Wenker

Der schon erwähnte Georg Wenker war der Pionier der Dialektologie. Er machte die erste Erhebung der deutschen Dialektsprache und erstellte daraufhin einen ersten Dialektatlas. Er machte die Benrather Linie fest und zeigte mit dieser Linie, wo der Dialekt sich mundartlich veränderte. In der Sprache wurden unterschiedliche Ausdrücke verwendet, die im Norden normal waren, was im Süden eher nicht der Fall war, wie bei Ik statt Ich oder Dat und Das oder bei Hebben und Haben, auch die Tide und Zeiten sind darin gemeint.

Seit dem zweiten Weltkrieg verschiebt sich vieles. Im Ruhrgebiet selbst sind auch neue Wörter dazugekommen, die nun langsam auch wieder ihre Bedeutung verlieren. Sie wanderten durch die ostpreussischen Flüchtlinge ein, so wie 50 Jahre vorher polnische Einwanderer taten. Im Bergbau ist der Motek noch ein Begriff für den Hammer. Doch der Bergbau ist zu Ende im Ruhrgebiet. Der Motek wird bald auch nicht mehr als Wort benutzt werden in Deutschland, aber in Polen bleibt er bestimmt.

Die Benrather Linie beginnt in der belgischen Stadt Eupen, wo auch heute noch weitgehend Deutsch gesprochen wird. Sie zieht durch die Niederlanden bei Broekhuizen. Bei Kerkrade geht sie in die deutsche Grenze. Dann ging sie von Aachen bis hinter Küstritz, zog durch Berlin (deswegen klingen einige Wörter auch im Ruhrdeutschen nach Berlinerisch und kreuzen sich sprachlich).

Die Linie hat sich nach dem zweiten Weltkrieg verändert. Und sie verändert sich wahrscheinlich heute rasant noch mehr nach Norden bis sie in wenigen Jahrzehnter wahrscheinlich auch Geschichte ist.

Fazit

Die Studie bzw. Erhebung ist umso wichtiger durch die Verschiebung. Auch wenn es eine trockene Materie ist. Für jeden ist es interessant mal in die Region zu gehen, wo wie Wörter anders klingen oder mal geklungen haben. Es ist wie eine Vergangenheit, die durch diese Studie wieder aufgeweckt wird und dann erhalten bleibt. Die Sprache wird sich weiter verändern. Für jede Generation, die älter wird, wird es genauso schwierig zu verstehen sein, wie für unsere Generation. Aber das ist der Lauf der Dinge. Umso wichtiger ist der Erhalt der ganz alten Sprache, wie Dinge früher ausgesprochen wurden. Auch wenn es wenige Menschen wahrscheinlich interessieren wird. Verlorene regionale Sprachen in aller Welt und ihre Wörter gehören zur Geschichtsforschung des Menschen.

Ich werde an der Studie als Gewährsperson bei Malin nochmal mitmachen und dann noch einmal darüber berichten, wie das war. Zeit habe ich noch bis 2030. Dann müsste das noch 2 Jahre lang von mir eingesprochene wahrscheinlich noch ausstudiert werden, um es der Öffentlichkeit auf den Dialektatlas packen zu können…

Wer mehr wissen möchte über die Studie oder mitmachen möchte:

DMW – Dialektatlas Mittleres Westdeutschland

https://www.dmw-projekt.de

Wer mitmachen möchte:

https://www.dmw-projekt.de/#mitmachen

Soziale Medien:

Facebook : DialektatlasDMW

Instagram : @dialektatlasdmw

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Teilnehmende Universitäten:

https://www.iglk.uni-bonn.de/de/forschung/forschungsprojekte/dialektatlas-mittleres-westdeutschland

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Dialektatlas Mittleres Westdeutschland – Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft | Universität Paderborn

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https://www.uni-siegen.de/sisal/

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https://www.uni-muenster.de/Germanistik/cfn/Forschung/projekte/dialektatlas.html

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Zu den Online-Atlas-Karten:

www.dmw-projekt.de/?page_id=748&af=1

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Die PDF-Datei zur Erklärung:

2024-06-17_DMW_Flyer_A5.pdf

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Sprachwissenschaftler: Georg Wenker – Wikipedia

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Sprachgrenze: Benrather Linie – Wikipedia

Dialektographische Zuckerstrecke nach Bonn I +Fotos I 17.1.25

Einmal Bonn hin und zurück mit Dialekt im Gepäck. Heute war ein ganz besonderer Tag. Nach dem Frühstück bereitete ich mich drauf vor mit der Bahn nach Bonn zum Podcast – Termin zu fahren.

Aber nach dem ich soweit alles hatte, musste meine Idee noch umgesetzt werden mit meinen Figuren Erwin und Kalle.

https://ruhrpottologe.de/kalle-und-das-grosse-groenlandgeschaeft-i-video/

Nach insgesamt 10 Minuten war das spontan ohne Drehbuch drin und verarbeitet. Dann aber nichts wie los nach Bonn, aber mit dem Auto. Je später desto mehr Mittags-Feierabendstau.

Laut Google wäre ich tatsächlich in knapp über eine Stunde da. Mit drei Mal umsteigen hätte ich knapp zweieinhalb Stunden mit Bus und Bahn gebraucht. Vom Rückweg ganz zu schweigen.

Ich bin überpünktlich angekommen. Unter die alte Uni durchgefahren, an der Wiese vorbei, wo ich auch zwei Mal demonstrieren war in den 1990ern und dann an der Ecke war das Institut für Sprachgeschichte schon. Aber erstmal Parkplatz für den Bus finden. Nicht so einfach.

Die alte Uni ©André Brune

Die 20 Minuten Suche bedeutete 20 Minuten laufen. Aber das war ganz gut so. Auf diesen wenigen Minuten, genoss ich den Weg auf der Adenauerallee und der Parallelstraße hin und zurück. Ich bin an der Juristischen Fakultät vorbei, dem Bundesrechnungshof, Auswärtigen Amt, dem Hotel Kanzler, einigen schicken Villen, wahrscheinlich auch früheren Botschaftshäusern, heute besetzt von Kanzleien von Rechtsanwälten, einem kleinen Blick auf den Rhein durch eine Baugrube und dem Museum König für Zoologie.

Fotos von der Adenauerallee ©André Brune :

Judaicum
Bundesrechnungshof in Bonn
Auswärtiges Amt
Schicke Villen, wahrscheinlich ehemalige Botschaften
Zoologisches Museum im König. Hier wurde auch das Grundgesetz verabschiedet
Museum König ist auch das Haus des Grundgesetzes
U-Bahnstation in schlichter 1970er Farbgestaltung Braun-Orange
Deutschlandticket und E-Ticket schafft andere Perspektiven in der U-Bahn für Fahrscheinautomaten

Alles auf einem knappen Kilometer der Adenauerallee. Ein Stückchen weiter wäre ich zum Haus der Geschichte gekommen. Ich bekam auf dem Rückweg Lust in Bonn mal zwei Übernachtungen einzubauen, um mir alles mit meiner Frau anzuschauen. Ganz in Ruhe und nicht abhetzend in einer paar Stunden gehenden Tagesreise.

Zwischen den Wegen hatte ich den Podcast-Termin mit Marlin Ostermann vom Institut der Sprachforschung. Sie erforschen dort den Dialekt-Atlas für den Raum Mittelwestdeutschlands, einschließlich des Ruhrgebiets. (darüber kommt bald mehr)

Umso wichtiger ist es dort extra hinzufahren. Es waren spannende Minuten über ein trockenes Thema. Marlin kommt zu einem zweiten Teil zu mir, weil ich als ‚Gewährsperson‘ beim Dialekt-Atlas mit. Kann jeder gern mal anfragen:

https://www.dmw-projekt.de/

Ich hoffe, dass kann noch in ein bis zwei Monaten geschafft werden. Ich kann nur empfehlen mitzumachen. Es macht Laune so etwas über die Sprache, somit auch zu sich selbst zu finden. Es ist nicht so trocken, wie es scheint, wenn man die alten Bücher in den Regalen sieht, die Gerüche aus Jahrzehnten gespeichert haben. Ich liebe diesen Bibliothekgeruch, der durch E-Book und Internet langsam verloren geht.

Lustiger Rückweg

… Weil ich tanken musste und die letzte Tankstelle nicht anfahren konnte, weil ich gesehen habe, daß ich sonst die Bordsteinkanten gerammt hätte. Vorher abbiegen wäre sinnvoll gewesen. Im Dunkeln ist das aber schlecht während der Fahrt zu sehen gewesen ohne Hinweisschild. Egal, Google gibt mir bestimmt eine Alternative. Also eingegeben.

Nun ich sollte immer rechts abbiegen und nach 16 Minuten wäre ich auf die Tankstelle gekommen, an der ich gerade vorbei gefahren bin…Ichbhab geflucht und bin einfach mit der angezeigten Reserve auf die Autobahn. Wird schon eine kommen, dachte ich mir so. Hoffentlich bald…

Bei Troisdorf bin ich dann runter. Einmal rundherum gefahren um laut Google auf eine Star-Tanke zu treffen. Aber weil ich falsch abgebogen war, wurde es Aral. Ich hab ja nicht eine neue Anforderung angegeben, sondern auf Star gedrückt. Die wäre noch 8 Minuten weiter weg gewesen. Aral war da nur auf dem Weg. Wieder was dazu gelernt. Man sollte immer mal auch unterbrechen die Googlesuche und neu eingeben, wenn man im Dunklen fährt und unsicher wird in einer fremden Stadt, wo die Bürgersteige hochgeklappt werden.

Blick auf den Rhein

Egal, tanken und Süßkram mitnehmen. Essen bis die Zunge abfällt, damit der kommende Stau überstanden wird.

Die Tankwärterin sagte verschmitzt: „Das sieht aber alles nicht so gesund aus.“

War es auch nicht. Die Bauchspeicheldrüse musste damit klar kommen. Hat sie.

Ich hörte auf dem Hinweg den Bottroper Podcast Bierchen bitte mit Piet und Alex. Muss ja wissen, was so in meiner Geburtsstadt alles so passiert.

Alex allerdings hat sich entschuldigen lassen. Aus privaten Gründen ist er vorerst nicht dabei. So ist es. Bei mir waren es viele Monate, wo auch ich nicht fähig war, was zu machen. Es gibt immer etwas wichtigeres. Vor allem, wenn es um die Familie geht. Das hier ist Hobby und auch sehr zeitaufwendig. Alles neben dem Arbeiten passieren die Dinge dies zum und am Laufen zu bringen.

Der Podcast ist sehr hörenswert, denn im Gespräch ist Oliver Fleischer, gebürtiger Bottroper, der nicht nur ein bekannter Schauspieler in Film und Fernsehen ist, sondern auch Sargträger. Er hat sogar ein Buch geschrieben, dass er in seinem Heimatort Ende Januar vorstellt.

https://bottcast.podigee.io/262-new-episode

So traurig der Job als Sargträger ist, so lustig sind manche Situationen, die er dort beschreibt bzw. im Podcast erzählt.

https://www.die-stadtzeitung.de/index.php/2024/04/20/tv-star-oliver-fleischer-meine-erlebnisse-als-sargtraeger/

https://www.oliver-fleischer.de/

https://www.bonifatius-verlag.de/shop/der-oma-haette-das-gefallen/

Da ich mich gern über die aktuelle Situation im Ukraine Krieg informiere, weil ich ja mit meiner Gruppe Ukrainehilfe Ruhrgebiet Hilfstransporte unterstütze, war der kompetente Podcast ‚Streitkräfte und Strategien‘ und ‚In Polen‘ für den gemeinsamen Podcast mit meiner Frau zur Weiterbildung wichtig während der Fahrt zu Hören.

Streitkräfte und Strategien :

https://open.spotify.com/episode/2GkdJ8qRPXTrpksSIp6xP5?si=eZdri6m7Q–sCULx0SdzMg

In Polen:

https://open.spotify.com/episode/5NH61mwCXCMmV9QkkLkRM3?si=MRhe74OuTWK-5hBMLsEnfQ

Wie kannst du das alles hören, fragte man mich letztens. Ich stelle zum Hören auf 1,5fache Erhöhung. So schaffe ich mehr und bilde mich entsprechend weiter. Praktisch.

Was mir allerdings vom Tag im Kopf übrig geblieben ist war das Buch über die Hebamme…

… Buchtitel : ‚Die Bezeichnung für Hebamme in deutscher Wortgeographie‘

Rapunzel I Lesung im Dialekt I Märchen auf Ruhrpottisch Band 1 von Michael Göbel

Is ma widda sowait, dat ich statt einen Podcast zu erstellen, einfach ma wat lesen tu.

Diesmal ist dat Märchen vonne Dubaihaare dran: Rappunzel.

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Teaser zur Lesung

Michael Göbel hatse mit zwei P geschrieben. So hab ich ma einfach bisken getappt dabei.

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Viel Spaß beim Zuhören oder Schauen!

Glück auf

Göre – Ein Ruhrpottwort?

Göre – Ein Ruhrpottwort? – Das kleine Hörspiel zum nachfolgenden Text erklärt….

Ne, wat hasse denn geglaubt? Dat Wort Göre is schon lange unterwegs im Sprachgebrauch. Abba is kein Ruhrpottwort, auch wenn der Oppa nebenan zum ungezogenen Blach weiblicher Natur rumkrakeelt, dat die Göre sich verziehn soll, weilse sich weigert dem Oppa einen Sitzplatz inne Straßenbahn freizumachen. Dat is schließlich doch kein kurzer Wech vom Berchmannsheil nach Gelsenkirchen Mitte vorbei annem Schalker Stadion. Auch wenn er höflich fracht. Heutzutage kricht son alter Mann dann gleich zurückgebrüllt: „Wat willse, Alter Sack, ey!“ Freundliche Konwersatzion is anders.

Da hat der Alte eben heutzutage nix mehr zu melden, weiss Bescheid. Die Gören sind eben selbstbewusster heute und, wie heißt dat nomma? Emanzepiert. Richtich. Sonne Emanze, mit der willse dat lieba nich aufnehmen. Die haut dich unangespitzt wortwörtlich innen Boden.

Abba vielleicht hilft dat dem alten Mann bei de Konwersatzion ja, wenna bisken wat Geschichtlichet zum Wort raushaut, so dat die Göre doof ausse Wäsche guckt und emanzepatorisch wörtlich technisch die Spucke wechbleibt. So wie ungefähr wie dat, wat ich jetz mitteile zur Erklärung des Wortes. Musse nur vorher auswendich lernen, wie früha die Glocken vom Schiller, weiss Bescheid:

Hömma ! Du Göre, kannse mir als alten Mann nich ma ein Platz anbieten? Ich soll nicht beleidigend werden? Pass ma auf! Denn Göre is ja nich unbedingt beleidigend. Ich klär dich ma auf! Göre, da weisse dattu ausm 16. Jahrhundert ungefähr komms.

Dat is ein Wort wat von “gorag” abstammt, wat soga noch älter is, nämlich ausm 9. Jahrhundert ausm Althochdeutschen, wat soviel wie „gering“ oder „armselig“ heißt!

Später gabet dat immer noch im Mittelhochdeutschen als „gorrig“, wat nich gäriges Bier, obwohl is schon naheliegend. Denn wenne drüba nachdenks, gärt dat schon in sone Göre. Rech dich nich auf. Ich verklär dir dat ja nur! Also „gorrig“ is ein Wort für „die Kleine“. Dat hat man also für kleine Mädken gesacht so bis zum 16. Jahrhundert etwa. Du, die waren eh alle klein, musse wissen. Da war die Ernährung nich so reichhaltich mit Vitamine und Fleisch und so wie heute. Da waren die höchstens ein Meter fuffzich. Deswegen hieß der Kaiser Karl ja Groß, weil der knapp anne zwei Meter kam. Dat war schon ungewöhnlich damals. Abba der war ja Kaiser. Der konnte als Blach ja futtern, watta wollte. Dat konnte son kleinet Mädken ja nich und musste ackern aufn Feld und Früchte sammeln und so, weiss Bescheid.

Sei doch nich so ungeduldich. Jetz kommt et ja. Et gab ja auch noch die Abwandlung „gorec“ für „mager“. Und im Westfälischen, wo wir ja so westlich von wohnen im Pott und auch im Rheinischen, wo wir so östlich von wohnen, da haben die Leute dat mitn J verkleidet. Etwa so: „jörrich“ oder „jorrich“. Heißt abba imma noch „Kleines armseliges Wesen“.

Nein, dat heißt noch nich Göre, dat kommt ja jetz. Pass auf!

Da is so ein Wort aufgetaucht, wat „Gurre“ hieß, so in etwa um dat 13. Jahrhundert ausm Mittelhochdeutschen. Dat hat sich dann wohl im Niederdeutschen, wat so nördlich in Deutschland bis nach Holland hin gesprochen wurde in Göre umgewandelt. So jetz kommt dat, wasse wissen muss!

Ja klar, spann ich dich aufe Folter, wat „gurre“ heißt. Dat is ja dat spannende. Also Augen und Ohren auf: “Gurre” steht für “schlechte Stute”.

Jetz komma runter! Siehse aus wie n Pferd? Na also!

Ach du liebst Pferde? Na, dann is dat doch nich so schlimm. Denn im Mittelalter, sind die weiblichen Pferde nich so beliebt, wennse nich gebären. Dat is fürn Bauern oder auch Ritter, die jeweils Pferde für die Feldarbeit oder Soldaten brauchte, keine gute Sache. Und wenn die Frauen zuhause…. Na, du muss wissen, dat die Männer früher dat sagen hatten….naja, wenn die Frauen rumgezickt haben, so wie du, also faul oder schlecht fürt Gemüt, verzogen, unfug treibend waren, dann waren dat auch „Gurren“. Dat is ja meist so, wennse inne Pubertät sind. Keine Angst, hatte meine auch. Du wills nich wissen, wie ich mich früha benommen hab, als ich Vierzehn bis Sechzehn war…

Also ausm Wort „Gurre“ für „schlechte Stute“ hat sich dat inne Männerwelt durchgesetzt die verzogenen Mädels als „Göre“ dann zu bezeichnen.

Jetz ma ruhich, Braune. Ich hab dich doch noch nich als Göre bezeichnet. Ich will dir dat doch nur erklären. Eine Minute noch, denn et kommt jetz wat Besonderet. Denn wenne dich ma zu wat Besonderem entwickeln tus, dann wirse vielleicht so eine Grant Dam, wie die Franziska zu Reventlow.

Wat Grant Dam is?

Dat is ausm Französischem. Heißt so viel wie Große Frau übersetzt. Moment mal! Klugscheißer bin ich nich. Hab mich einfach ma schlau gemacht. Bisse nich neugierich, wer die Grant Dam war, also Franziska von und zu?

Also die Franziska zu Reventlow war eine selbstbewusste, kesse und abgebrühte junge Frau. Die hat Bücher geschrieben. Romane und Bühnenstücke, die vor allem im Berliner Miliö spielten. Keine Ahnung, ob du da nochn Roman von der kriss. Da musse ma inne Buchhandlung oder im, wie man so schön sacht: Internet gugeln.

Also die Romane und Stücke von der spielten in den wilden 1920er und 1930er Jahren, als nachm großen ersten Weltkriech, die Frauen alle selbstbewußter wurden, weil die anne Heimatfront überall ran mussten, weil die Männer innen Kriech zogen. Die wurden Schaffner, schraubten Bomben zusammen anne Werkbank, wurden Apothekerinnen, die ersten studierten besondere Fächer, wie Medizin und eröffneten Hotels oder eine Bank. Bevor da die Nazis kamen, war da für Frauen schon ein Weg offen nach oben. Dann sollten die nur noch gebären… Abba ich komm vom Thema ab. Also die spielten im Berliner Miliö der Mittelschicht und ärmeren Proletariats.

Wat Proletariat is? Na, hasse nich inne Schule zugehört? Die Proleten waren die Arbeitsklasse und die Mittelschicht eher die Angestellten und Kleinbürger, die ein gemütlichet Zuhause haben wollten. Da gabet schon ma Reibereien zwischen die, wennse zusammen anne Theke standen, weil die einen wollten eben Regieren, während die Mittelschicht eher regiert werden wollte, abba nich vom Proleten, deswegen… Ja, ja. Ich soll aufn Punkt kommen. Ich weiß…

Du muss auf jeden Fall noch von einer Bescheid wissen: Claire Waldorff !

Die kam echt von hier! Die is geboren bei dir umme Ecke in Gelsenkirchen 1884, als Claire Wortmann! Nein, die lebt nich mehr. Die hättse gern kennengelernt, klar. Die is alt geworden, abba starb 1957 in Bad Reichenhall. Keine Ahnung, ob die da zuviel Kurwasser gesoffen hat. Abba wat wichtich is, is, dat die eine Volkssängerin der Kleinkunst wurde. Sie war die deutsche Interpretin verschiedener Genres, also von Proletentum bis Großbürgerschaft, die Texte von Kurt Tucholski und Eduard Künecke, um nur zwei berühmte Persönlichkeiten aus der Zeit mit treffenden Vertonungen zur Zeit des Vulkanischen Umtriebs in Wort und Ton zu nennen.

Und wenne ne „Goldene Göre“ werden wills, dann musse wissen, dat die seit 2003 dat „Deutsche Kinderhilfswerk“ als Preis verleiht. Dat is einer der höchstdotierten Preise für wenne dich da für Kinder und Jugendbeteiligung beteilichst. Wat man da machen muss?

Da gehse ma schön brav gugeln. Und dann tusse ein gutet Werk für deine Altersklasse und kriss nochn Preis dafür, Du „Göre“!

Geht doch! Danke dir für den Platz, abba jetz muss ich leider aussteigen ausse Straßenbahn. Denk ma drüba nach, wenne nächstet Mal einen alten Sack wie mir, keinen Platz inne Straßenbahn anbietes. Ich kann im Gegensatz zu dir nich mehr so lange stehen und meine Augen können dat daddeln da mit deiner Fingerfertichkeit auch nich mehr hinkriegn.

Ja, danke für die Besserungswünsche, wennet noch wat wird. Bis nächstet Mal und vielleicht les ich ma wat inne Zeitung von dir! Wat ne Zeitung is? Dat erzähl ich de nächsten Fahrt, wenn ich sitze, dat is ein längeret Thema und jetz muss ich abba. Tschüskes!

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Göre – Erklärvideo bei der Ruhrpottgöre in „Heimatliebe Ruhrgebiet“, Essen – LImbecker Platz 1

Weitere Informationen/Buchtipps/CD-Tipps:

Claire Waldorff:

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Franziska von Rewentlow:

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Zur „GOLDENEN GÖRE“ vom DEUTSCHEN KINDERHILFSWERK:

ZUM ANMELDEN des AKTIONSPREISES (Anmeldeschluss ist der 31.01.2022):

https://www.dkhw.de/aktionen/deutscher-kinder-und-jugendpreis/

BISHERIGE PROJEKTE: Impressionen der letzten Jahre | Deutsches Kinderhilfswerk (dkhw.de)

Wer dem Kinderhilfswerk etwas spenden möchte: Ihre Spende für Kinder | Deutsches Kinderhilfswerk (dkhw.de)

Quelle:

Peter Honnen: Wo kommt dat her? Greven Verlag

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Weitere Informationen

www.de.wikipedia.org/wiki/Göre

www.de.wikipedia.org/wiki/Fanny_zu_Reventlow

www.de.wikipedia.org/wiki/Claire_Waldoff

www.dwds.de/wb/Göre

Podcast I +Youtube-Video I +Fotogalerie I + Auszug aus Büchern I Der Ruhrpottologe trifft auf den Märchenprinzen Michael Göbel

Da treff ich einen alten Bergmann mit einem ganz besonderem Talent: Michael Göbel

Warum nehm ich Michael als einer der ersten Ruhrpott-Menschen in meinem Blog auf?
Er ist ein Autor. Und sein Talent ist: Er schreibt und reimt weitgehend in der uns typisch bekannten Dialektsprache: Ruhrpottisch. Und ist ein eingefleischter Fan von Schalke 04. Trotzdem sollten Dortmunder ihn lesen!

Nicht alles ist auf Ruhrpottisch. Er fing 2012 an zu schreiben, weil er sich langweilte als Frührenter vonne Zeche Blumenthal sozusagen in Langzeiturlaub geschickt. Er hat es einfach gemacht. Keiner hat geglaubt, dat der Micha dat kann. Viele haben ihn belächelt und jetzt folgen dem Pott-Poeten auf Facebook mehr als 15000 Menschen!

Da hat er einfach mal ein paar nostalgische Reime gedichtet, die auch vonne Ruhrkohle unterstützt wurden mit Bilderkes. Dann hatta gedacht: Et gibt ja keine Märchen auf Ruhrpottisch. Dat wat die Grimms auf Hochdeutsch machen, dat kann ich auf Ruhrpottisch bestimmt auch. So begann er insgesamt schon acht Märchen auf Ruhrpottisch entstehen zu lassen und dat nächste ist in Arbeit. Bisher sind viele Märchen von Jack Tengo, mein erster Podcast-Gast, auf Youtube zum Teil vertont. Mittlerweile sind zwei Kinderbücher entstanden: Mein Oppa war Bergmann und Oppa erzählt von seiner Lehrzeit von Unter Tage, die von mir und Jack Tengo zusammen als Hörspiel vertont werden. (Info kommt noch und Link, sobald fertig!)

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Gedicht „Dat Büdchen“ von Michael Göbel – Film/Foto/Gelesen/Sprecher: André Brune

Außerdem hat er noch Gedichtbände auf Hochdeutsch oder auch Ruhrpottisch entstehen lassen, die dat Heimatgefühl der Menschen im Pott widerspiegeln und nicht zu vergessen ein neuet Standardwerk über den Dialekt und dat Ruhrpottische an sich: Ruhrpottisch für Anfänger – Das ganz besondere Wörterbuch. Darin schreibt er über den Mischmasch der Sprache, die hier ursprünglich den Einfluss des rheinischen, münsterländischen und westfälischen Niederdeutschen Platt hatte und sich mittlerweile mit vielen Wörtern von zugezogenen Einwanderern aus Polen, Russland, auch Türkei und viele anderen Ländern mit ihren speziellen Wörtern oder durch Französische und Belgische Besatzungstruppen während der Besatzung von Napoleon im 19. Jahrhundert oder nach dem I. Weltkrieg erweitert hat.

Seine Kinderbücher belegt er mit Grafiken und Illustrationen selbst und schreibt so, dass es nicht nur für Kinder ist, sondern auch Erwachsene interessieren kann, die bisher mit dem Bergbau nichts zu tun haben. In „Oppa erzählt von seiner Lehrzeit von Unter Tage“ erklärt Michael Göbel auf einfache Weise, wie eine Zeche funktioniert. Er verlegt seine Bücher als Book On Demand selbst.
Wer seine Werke zum Vorlesen, Lesen oder verschenken möchte:

Bei Facebook mit über 15000 Fans ist er hier zu entdecken:
Michaels Gedichte Seite – Ruhrpott-Poet | Facebook
Michael Göbel | Facebook

Der Autor und Pott-Poet Michael Göbel und seine Werke | Facebook

Außerdem hat er eine tägliche Gute – Nacht – Spruch-Seite mit sinnigen nachdenklichen Sätzen, die einem die Augen öffnen können: Micha’s Sprüche zur Nacht | Facebook

Jack Tengos Vertonung der Märchen: Mäarchens auf Ruhrpottisch – YouTube

Der Podcast mit dem Ruhrpott-Poeten Michael Göbel

Auf Youtube mit exklusivem Bildmaterial:

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Auf Instagram ist er ebenfalls unterwegs: Michael Göbel (@pottpoet) • Instagram-Fotos und -Videos

Seine BOD – Seite: Suchergebnisse für: „michael göbel“ (bod.de)

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Exklusive Lesung des in der Fotogalerie stehenden Auszug aus dem Buch „Oppa erzählt von seiner Lehrzeit von Unter Tage“ von Michael Göbel – Sprecher: André Brune

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Exklusive Lesung Teil 2 aus „Oppa erzählt von seiner Lehrzeit von Unter Tage“ von Michael Göbel – Sprecher: André Brune

FOTOGALERIE

Ruhrpottisch Verdorri = Verdammt oder Verflixt

Landete hier entweder durch das niederdeutsche Platt, aber definitiv durch nach Holland verschickte Kinder oder Jugendliche, die dort im Haushalt gearbeitet haben, um besser ernährt zu werden, auch zur Zeit des 1. Weltkrieg (Niederlande waren da neutral) um nicht der Großfamilie zur Last zu fallen. Meine Oma war eine von ihnen. Kannse Buch vom Stadtarchiv Bottrop lesen. Da hat man bisken geforscht zum Thema.

Mein Youtube-Video: https://youtu.be/Y5vT5nw4E-4

Direkter Link auf Facebook: https://www.facebook.com/ruhrpottologe/posts/356570749507852

Instagram: https://www.instagram.com/p/CSOuVfHqsqK/?utm_source=ig_web_copy_link