
Der Knappenchor Rheinland hat am 21.12.2026 in Moers auf Schacht IV das letzte Mal das Steigerlied gesungen, während in Bottrop umme Ecke mit dem Erinnerungsevent der „Grubennacht“ zum zweiten Mal mit der Ehrengarde Prosper – Haniel angestimmt wird:
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Mehr Informationen100 Mann besangen noch vor 40 Jahren das Arschleder, jetzt standen noch 14 mit dem Durchschnittsalter von Mitte 80 mit kraftstrotzender Stimme auf der Bühne. 200 Besucher sangen kräftig mit kullernden Tränen mit. Der Lauf der Dinge. Auch Bergleute werden alt und es sterben Kumpels weg, die den Schnaps danach mitgeschluckt haben, auch früher an den damals vielen Kneipentheken, die heute schicke große Wohnungen sind.
Die Jugend hat anderes im Kopf
Wir sollten uns nichts vormachen, denn schon jetzt tauchen auf gemalten Bildern von Kindern so gut wie keine rauchende Schlote oder Bergwerke in Zeichnungen auf, sondern grüne Wiesen mit dem Tetraeder im Hintergrund.
Der vom Bundeskanzler Willy Brandt a.D.u.v. (außer Dienst und verstorben…) geforderte blaue Himmel ist heute fast automatisch Wirklichkeit geworden. Weil es kaum noch Stahl- und Kokserzeugung gibt, die sonst an jeder Ecke im Ruhrgebiet waren. Die Kinder können mit der Ursprungsgeschichte des Ruhrgebiets nichts mehr anfangen. So ist das nun mal.
Es gibt sie noch die Bergleute, die letzten, die noch mit Bergbausicherung zu tun haben, die Bergleute, die in Salz- oder Kali-Bergwerke arbeiten. Auch die Braunkohle macht Schicht im Schacht demnächst. Im Ruhrgebiet ist es die letzte Garde die Schächte verfüllen oder gesangstechnisch in der Ehrengarde Prosper – Haniel e.V. ihre Stimme bereitstellen.
Grubennacht in Bottrop
Für die letzten Bergleute von Bottrop ist das zweite Mal das Event „Grubennacht“ gestaltet worden am 21.12.2025. Auch diese Reihen werden sich in ein paar Jahrzehnten lichten und dann macht der letzte im wahrsten Sinne dat Licht im Schacht aus. Wird dann die nächste Generation das noch würdigen, was die Eltern, Groß- und Urgroßeltern geschaffen haben?
Wir wissen es nicht. Die Welt dreht sich weiter. Andere Prioritäten werden wichtiger, aber die Spuren werden bleiben an vielen Punkten im Ruhrgebiet, ob in Moers, Bottrop, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund oder Hamm. Fast alle 53 Städte haben sich durch den Zuzug von Männern von Dörfern erst zu Städten entwickelt. Gut, damals gab es noch keinen Fernseher, da gab es dann mal eben ein paar Kinder zu füttern bei dem kargen Bergarbeiterlohn. Aber immerhin gab es eine Wohnung mit Garten für die Selbstversorgung. Ja, dass waren noch Zeiten. Da kam der Metzger und schlachtete das Hausschwein. Und die Familie hatten nur einen Sonntagsbraten. Heute fährt man mit dem Auto bis vor die Tür der an jeder Ecke stehenden Supermärkten und behauptet, dass kein Tier geschlachtet wird, die Schnitzel kommen ja aus der Kühltheke…
Es ist irgendwie gruselig, wenn man indirekt mit den noch vorhandenen Fördergerüsten aufwächst. Man weiß etwas darüber, aber dann stehen die Seilscheiben still. Die Männer machen was anderes oder gehen in Rente. Es sind andere Themen, andere Arbeiten, eben Strukturwandel, der sich bei allen entwickelt und die Städte durchzieht. Und so mancher Bergmann war auch froh in Frührente gehen zu können. Nicht alle beweihräuchern ihren alten dreckigen Job. Das soll auch ehrlich gesagt sein. Lustig war das da unten nämlich nicht immer. Aber Kumpels, was heute ein aussterbender Begriff ist, sind sie immer noch Übertage.
Im schicken Moers war Bergbau?
Und dann gibt es einen Chor aus Bergleuten vom Bergwerk Rheinbaben in Moers. Wer weiß denn noch, dass da Bergbau war. Moers liegt doch auf der anderen Seite vom Rhein. Das ist doch Niederrhein. Liegt das noch im Ruhrgebiet?
Die Moerser meinen nein. Sie fühlen sich nicht zum „Ruhrpott“ unbedingt zugehörig. Der Knappenchor besang jedoch 40 Jahre lang das berühmte Arschleder im Steigerlied. Also muss es wohl so sein. Da ist es schon länger her mit dem Bergbau und nun werden die Stimmen stumm. Die Uniformen werden in den Schrank gehängt.
Das ist, als wenn die Eltern sterben, so wie ich es erlebt habe vor ein paar Jahren. Es ist dann eine gewisse Leere, die entsteht am Ort, wo man aufgewachsen ist. Etwas fehlt und wird fehlen, bis man selbst nicht mehr da ist, wenn man es erlebt hat. Die Kinder, die damit nicht mehr aufwachsen, werden anders damit umgehen. Ihnen wird auch irgendwas fehlen, aber nicht unbedingt ein Knappenchor oder ein Fördergerüst, dessen Bedeutung ihnen heute nicht mal mehr in der Schule unbedingt beigebracht wird.
Zu meiner Schulzeit in den 1970er und 1980er Jahren hatte der Rohstoff Steinkohle in Erdkunde noch eine große Bedeutung. Den Lehrern wurde aufgetragen laut Lehrplan uns zu zeigen, wo die Kohle abgebaut wurde und wie das ist mit den Anfängen vom Abteufen bis zum Abbau mit Bohrhammer und der Kohlenwäsche und was damit außer Heizen noch gemacht werden kann.
Die Zeiten ändern sich
Die Welt dreht sich weiter. So ist es nun mal. Die Generation wechselt. Das Leben mit Rauch, schwarzer Kohle, dem Dreck in Luft und auf Straßen, was viele mit einer besonderen Nostalgie verklären, ist einmal mehr Geschichte geworden. Ich kenne sie noch, die hartgesottenen Arbeiter. Heute sind es die Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen, die sich die Hände schmutzig machen und hochgelobt werden, sogar Verständnis gezeigt wird, wenn sie mal ein paar Sekunden Pause machen zwischen den Patienten, aber dann mit vorgehaltener Hand durch den Kakao gezogen werden, dass die Pflege nicht mehr das ist, was sie mal war…
Jetzt macht das Ruhrgebiet automatisch durch die Schließungen auch der großen Kohlekraftwerke, wie in Voerde, wo der große Schornstein am 19.12. gesprengt wurde, ganz viel für den Klimaschutz. Am besten noch die Autobahnen dicht machen, dann haben wir auch keinen Feinstaub mehr. Die Straßenbauer sind jetzt die, die am meisten Staub einatmen müssen Übertage.
Schornsteinsprengung Voerde: RWE baut Kraftwerk zurück – Ruhrgebiet – Nachrichten – WDR
Mit einem traurigen Blick schaut man auf die Vergangenheit, aber man muss nach vorne schauen. Der Strukturwandel ist wichtiger denn je, damit das Ruhrgebiet in der globalisierten Welt bestehen kann. Darauf sollte sich Politik und Wirtschaft konzentrieren.
Rheinpreussen ist schon lange dicht
Die Schachtanlage Rheinpreussen 4 in Moers wurde östlich der Römerstraße als Anschlussanlage von Rheinpreussen von 1900 bis 1904 abgeteuft. Weithin sichtbar kam eine Kokerei dazu. Zu Spitzenzeiten konnte 1 Mio Tonnen Steinkohle gefördert werden.
Das Doppelstreben-Fördergerüst blieb nach dem Verfüllen 1990 erhalten und ist ein sehenswerter Ort auf der Route der Industriekultur.
Natürlich werde ich mit Jack Tengo einen eigenen Podcast in der Reihe ‚Ruhrgebiet erklärt‘ zu Rheinpreussen und auch Moers machen. Aber das dauert noch ein wenig und Bedarf noch ein wenig Recherche als nur bei Wikipedia nachzulesen.
Kunst und Bergbau
Und nächstes Jahr habe ich vor mit der Kunstgemeinschaft Bottrop mehr eingebunden zu werden bei der Grubennacht, denn der Kumpel Anton (im Foto) der zur Einstimmung der Grubennacht genutzt wird, wurde von meiner Vorvorgängerin vom ersten Vorsitz des Vereins Bernhardine Lützenburg entworfen.
Kunst und Industrie gehen seit jeher Hand in Hand. Und wenn ich mir die Bilder ansehe im WAZ-Beitrag, dann sehe ich kaum Jugendliche, sondern eher die Generation 50+. Traurig aber wahr, das ist eben das, was ich beschrieb. Der Generationenwechsel ist im vollen Gange und kaum einer bemerkt es. Ich selbst konnte leider nicht anwesend sein, da ich in Urlaub fuhr, den ich unbedingt auch mal brauchte.
Ehrliche Diskussion zur Bergbaukultur
Wir müssen das auch mal ehrlich machen die Verklärung. So schön die Nostalgie ist. Es gab und gibt immer Vor- und Nachteile bei der Industrie, vor allem im Bergbau. Es gibt sie, die Bergleute, die den Job 100%ig gern gemacht haben da unten im Dunkeln unter den Millionen Tonnen Gestein. Doch es gibt auch die, die es gemacht haben, aber lieber was anderes gemacht hätten und froh sind aus der Grube heil heraus gekommen zu sein.
Und wieviele Bergleute sind an der Staublunge (Silikose) schon in jungen Jahren elendig verreckt. Viele sind Untertage geblieben durch Unfälle in den frühen Tagen. Bergleute wollten ihre Kinder nicht im Schacht sehen. Zuhause waren sie dann keine Kumpels. Auch wenn der Sohn meinte, es gibt aufe Zeche besseres Geld, so solle er besser studieren gehen, um was anständiges zu lernen. Es gibt sie, die generationenübergreifend im Bergbau tätig waren. Aber es gibt vor allem die, die es nicht getan haben, längst nicht mehr den Weg der Silikose gewählt haben und heute vielleicht Krankenpfleger oder am E-Auto Kabelbinder geworden sind…
Glück auf auf das, was noch kommen wird, denn das Leben geht weiter, auch ohne Kohle mit ein bisschen noch von Stahl und Koks, die das Ruhrgebiet zu dem gemacht haben, was es heute ist!
Links
https://de.wikipedia.org/wiki/Schachtanlage_Rheinpreu%C3%9Fen_4?wprov=sfla1
https://www.meinchor.de/knappenchor-rheinland-moers
Grubennacht feiert den Bergbau in Bottrop: Die schönsten Fotos zum Event
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