Zeitzeugin Liesel Appel und die Stolpersteine der Familie Meyer in Bottrop I +Videopodcast I +Podcast #142

Liesel Appel und die Familie Meyer – Eine Geschichte aus Bottrop gegen das Vergessen

Die Bottroper Zeitzeugin Liesel Appel wuchs in einem Elternhaus auf, das stark vom Nationalsozialismus geprägt war. Ihr eigenes Leben führte sie jedoch in eine vollkommen andere Richtung. Über Jahrzehnte suchte sie nach der Wahrheit über die jüdische Familie Meyer aus Bottrop und deren Sohn Edgar August Meyer.

Im Podcast erzählt sie von ihrer Kindheit, ihrem Bruch mit der Vergangenheit, ihrem Leben in London und den USA, ihr Kampf für mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit und von einer Suche, die erst nach vielen Jahrzehnten zu einem Ende kam.

Es ist eine Geschichte über Nationalsozialismus und Erinnerungskultur in Bottrop. Aber ebenso eine Geschichte über Zivilcourage, Rassismus, persönliche Verantwortung, Versöhnung – und darüber, dass Menschen selbst in dunklen Zeiten Entscheidungen treffen können, die Leben retten.

Für die Familie Meyer erinnern heute fünf Stolpersteine vor der Gladbecker Straße 334 in Bottrop-Eigen an ihr Schicksal.

Doch wer ist Liesel Appel und wer war Wilhelm Meyer, seine Eltern, Frau und Sohn, den sie selbst nur kurz kennenlernen konnte und dabei ihre Augen noch im Grundschulalter öffnete?

Liesel Appel hat ihr ganzes Leben für mehr Gerechtigkeit gekämpft und sich früh von ihrem Elternhaus abgenabelt. Das hatte einen gewissen Grund. Denn ihre Eltern Heinrich und Else Steffens waren glühende Verehrer des Nationalsozialismus. Die Ideologie war eine tragende Säule der Familie.

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Mehr Informationen

Die Zeitzeugin Liesel Appel hat als Kind die dunklen Zeiten des Ruhrgebiets in Bottrop unter den Nationalsozialisten erlebt. Augen- und Zeitzeugen, die darüber sprechen können und wollen, werden in diesem Jahrzehnt immer weniger. Umso wichtiger ist jeder Beitrag, den ich finden kann, um die Erinnerungskultur im Revier gerade zu dieser brisanten politischen Zeit hochzuhalten. Denn auch Deutschlands politische Landschaft driftet wieder nach Rechts und Erinnerungskultur soll einen Schlussstrich bekommen. Umso wichtiger ist es mit jedem Beitrag diese zu unterstützen und zu bewahren.

Erinnern und Bewahren einer dramatischen Geschichte

Liesel lebt heute glücklich und zufrieden in Palm Beach und besucht heute ihre Heimat wieder gern, was sie früher eher vermied. Dies ist ein Podcast, der auch die guten Seiten von Menschen zeigen kann in dunklen Zeiten. Es geht um Menschen, die Ideologie unterstützen, aber stumme Helfer wurden, und ihre Menschlichkeit bewahrt haben, als sie das Kind der Meyers retteten und versteckten. Es geht um Liesel, die jahrzehntelang auf der Suche nach der wahren Geschichte war. Am Ende ihrer Suche entstand zum Erhalt der Geschichte neben ihrer Autobiographie „Der Sohn der Nachbarn“ und nun am 11.6.2025 die Verlegung der Stolpersteine zur Würdigung und Ehrung der Familie Meyer.

Zeitzeugin Liesel Appel im Podcast

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die noch einen persönlichen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus und zu dessen unmittelbaren Folgen haben, werden immer weniger.

Umso wichtiger ist es, ihre Erinnerungen festzuhalten und weiterzugeben. Für mich gehört das zur Erinnerungskultur im Ruhrgebiet: Nicht nur Namen und Jahreszahlen festzuhalten, sondern die Geschichten der Menschen dahinter zu erzählen.

Im Gespräch mit Liesel Appel geht es deshalb nicht ausschließlich um Nationalsozialismus, Schuld und die Geschichte ihrer Familie. Es geht auch um die Frage, wie ein Mensch mit der Erkenntnis umgeht, dass die eigenen Eltern Teil einer menschenverachtenden Ideologie waren.

Und es geht um diejenigen Menschen, die sich selbst in dieser Zeit ihre Menschlichkeit bewahrten. Menschen, die halfen, obwohl Hilfe gefährlich sein konnte.

Eine Geschichte über Schuld, Mut und Menschlichkeit

Gerade darin liegt für mich eine besondere Stärke dieser Geschichte. Sie zeigt, dass Menschen widersprüchlich sein können. Sie erzählt von Ideologie und Verblendung, aber ebenso von Hilfe, Mut und Menschlichkeit.

Menschen, die Teil eines Systems oder seines Umfelds waren, konnten in entscheidenden Augenblicken trotzdem anders handeln und anderen Menschen helfen. Liesel Appel hat sich über Jahrzehnte mit diesen Widersprüchen auseinandergesetzt. Heute lebt sie in den USA und besucht ihre alte Heimat Bottrop wieder gerne. Der Podcast erzählt deshalb nicht nur eine Geschichte über die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte. Er erzählt auch davon, wie die Suche nach Wahrheit ein ganzes Leben prägen kann – und warum Erinnern auch heute notwendig bleibt:

Aufwachsen in einer nationalsozialistisch geprägten Familie

Liesel Appel wurde am 14. September 1941 in Klingenberg am Main als Wunschkind geboren. Ihr Vater Heinrich Steffens war Schulleiter und wurde mit Kindern aus Bottrop dorthin evakuiert worden. Sie war ein Wunschkind ihrer Eltern und hatte einen rund 20 Jahre älteren Bruder, der während des Krieges bei der Marine auf einem U-Boot diente und später in britische Gefangenschaft geriet.

Nationalsozialistisches Gedankengut gehörte zum Weltbild ihres Elternhauses. Besonders ihr Vater war ein überzeugter Anhänger Adolf Hitlers. Ihre Mutter Else folgte ihrem Mann weitgehend. Liesel wurde in diese Welt hineingeboren, zu klein es zu verstehen. Liesel war als Wunschkind von ihrem Vater heiß und innig geliebt. Sie wurde überall herumgezeigt, dass sie für den Führer geboren wurde zum Erhalt des 1000 Jährigen Reiches. Bei der Geburt hat ihr Vater sie mit einem Hitlergruß begrüßt.

Liesel Appel mit ihren Eltern und Bruder vor dem Bildnis von Adolf Hitler. (c) Liesel Appel – zur freien Verfügung aus dem USA Holocaust Memorial Museum

Nach dem Krieg begann sie durch den Besuch von Wilhelm Meyer, dem lange verschwundenen Nachbar zu verstehen, was in ihrer Nachbarschaft geschehen war und brach mit ihrer eigenen Familiengeschichte

Ihr Vater sollte vor Gericht gestellt werden und floh vor den amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden. Doch bevor es zu einer juristischen Aufarbeitung kommen konnte, nahm er sich vor ihren Augen das Leben. Die Erkenntnis über die politische Vergangenheit, prägte Liesels Leben in der Zukunft.

Die jüdischen Nachbarn an der Gladbecker Straße

Unmittelbar neben der Familie Heinrich, Else und Liesel Steffens lebte die jüdische Familie Meyer, deren Leben in der Reichspogromnacht vom 9. Auf den 10. November 1938 schlagartig veränderte. Während August kurz vorher schon verstarb, weil er sein Lebenswerk verkaufen sollte, wurde sein Frau, Sohn und Schwiegertochter aus dem Haus gejagt und misshandelt auf der Straße, wo heute die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen entlang gehen bzw. fahren.

Ein besonderes dramatisches Schicksal musste der damals 13 Monate alte Edgar August Meyer erleben. Den überlieferten Schilderungen nach, sollte er aus dem Fenster geworfen werden. Doch er überlebte durch zwei Helden, wie Liesel sie bezeichnete.

Wilhelm, Fajda und der kleine gerettete Edgar August Meyer kurz nach der Flucht in Palästina 1939 (c) Liesel Appel – zur freien Verfügung

Der benachbarte Kinobetreiber Friedrich Sommer fing den Jungen auf und Johanna Banner, geborene Beckfeld versteckte den kleinen Edgar August unter lebensgefährlichen Bedingungen. Das Retter- und Versteckspiel konnte erst Jahrzehnte durch die Recherchen herausgefunden werden.

Schweigen nach dem Krieg

Das Kriegsende bedeutete nicht automatisch, dass über das Geschehene gesprochen wurde. Die Menschen schwiegen.

Auch Johanna Banner wollte später gegenüber Liesel Appel zunächst nur ungern über die Ereignisse sprechen. Die Angst saß offenbar noch lange nach dem Ende des Nationalsozialismus tief. Menschen, die während der NS-Zeit Täter, Mitläufer, Unterstützer oder Gegner gewesen waren, lebten anschließend wieder Tür an Tür miteinander. In der Gesellschaft wurde sie als Verräterin abgestempelt. Sie hatte noch lange Angst vor den alten Schergen. Denn Geheimnisse waren gefährlich.

Bottrop ist eine kleine Großstadt. In den Stadtteilen kennt man sich eben gut. Geheimnisse sind, wie in einem großen Dorf, nicht so einfach zu behalten. Wo zur Zeit des Nationalsozialismus Misstrauen und Denunziation gefördert wurde, war nach dem Ende und Neuanfang wiederum zu einem großen Misstrauen geworden. Wer war der gute Nachbar? Wer war wirklich Freund? Wer war politisch rechts? Die Fragen waren nach 1945 mehr zu einem Akzeptieren und großes Schweigen geworden.

Was wurde aus dem Geschäft der Familie Meyer?

Wie es eben üblich war, wurde das Geschäft der Familie Meyer nicht nachweisbar, aber höchstwahrscheinlich „arisiert“ und in nichtjüdischen Besitz übergeben. So war über Jahrzehnte weit und breit das Kaufhaus Wittke bekannt für die Bewohner und Bewohnerinnen des Stadtteils Eigen und darüber hinaus. Wie ein kleines Karstadt bekam man die wichtigsten Lebensmittel, Kleidung, Spielzeug, Haushaltswaren. Auch ich kannte das Haus. Meine Großeltern sind dort selbst immer einkaufen gefahren. Das Innere war mir bekannt. Doch mir war nicht bekannt, was da vorher war. Ich war zu klein, um es zu verstehen, genauso klein, wie damals Liesel. Und meine Großeltern haben es bestimmt gewußt. Sie wohnten im Eigen, aber mit einem kleinen Jungen spricht man nicht über solche Dinge. Ich wußte bis vor kurzem nichts von dieser Geschichte. Und dann war es zu spät, weil durch das Schweigen, nahmen meine Großeltern, wie viele andere die Informationen natürlich mit ins Grab. So war ich überrascht, als ich davon hörte, was genau hinter der Hausnummer 334 sich verbarg.

Wittke wurde nach und nach ausgebaut. Der alte Manufaktur- und Konfessionsladen der Meyers war nicht so groß, aber was genau im Hintergrund ablief, kann bis heute nicht nachvollzogen werden, außer dass die Kinder der Gründer von Wittke das Kaufhaus geschlossen haben.

Heute liegen genau vor diesem Gebäude die Stolpersteine für die Familie Meyer.

Für mich zeigt das, wie nah Geschichte sein kann. Manchmal läuft man jahrzehntelang an einem Ort vorbei, ohne zu wissen, was dort geschehen ist. So geben die Stolpersteine einem zumindest die Information mit: Wenn Du stehen bleibst und die Namen und Daten, sowie das eine Wort, was mit der Person geschehen ist, liest, wenigstens die Frage stellst, was mag hinter dieser Tür an dem Tag der Abholung auf einer LKW-Pritsche, in einem Gestapo-Wagen oder einer Verhaftung durch die Polizei geschehen sein.

Die Begegnung, die Liesels Sicht auf ihre Familie veränderte

Liesel spielte auf dem Bürgersteig und wurde von einem Mann angesprochen, der sich Wilhelm nannte. Sie war damals 9 Jahre alt. Er wollte ihre Mutter sprechen. Mit ihr wollte er dann über das Gebäude sprechen. Wilhelm hatte mit seiner Frau Fajdra Dobro und seinem Sohn Edgar August nach Palästina flüchten können. Doch Liesels Mutter verweigerte ein Gespräch.

Liesel verurteilte in diesen jungen Jahren, als sie erfuhr, was mit den Juden passiert ist, ihre Eltern und erfuhr immer mehr, was insgesamt jüdischen Menschen während der NS-Zeit widerfahren war. Die Begegnung mit Wilhelm Meyer war ein früher Wendepunkt in ihrem noch sehr jungen Leben, die ihren Weg auch in Zukunft bis heute geprägt hat. Es wurde eine Auseinandersetzung mit dem Elternhaus und die Suche nach der jüdischen Familie Meyer. Die Vergangenheit von Liesel wurde zu einem Berg von Fragen über das Verhalten und die Lebensweise der Eltern. Wie konnte die eigene Familie eine solche Ideologie unterstützen?

Wer wusste von den Verbrechen?

Wer schwieg?

Und wer half?

Mit 19 Jahren weg aus Bottrop

Bottrop schnürte Liesel den Hals zu. Sie wollte einfach nur weg.

1961 verließ sie Deutschland und ging mit einem kleinen Koffer nach London. Sie lernte Kindergärtnerin. Über ihren lebensfrohen Onkel, der Gynäkologe war und ihre Mutter wohl zur Geburt von Liesel „half“, kam sie bei einem seiner großen Feste in Kontakt mit einem schwarzen Londoner namens Hugh Scotland. Sie ließ alles stehen und liegen und ging mit ihm nach London und lebte auf sehr schmalen Grad.

Hugh war Eventmanager, aber mit Geld konnte er nicht umgehen. Liesel brachte erstmal Struktur in das Unternehmen. Auch hier begegnete sie überall Rassismus. Denn sie war als weiße Frau mit einem schwarzen Mann nicht gern gesehen. Als sie Kontakt mit einem Botschafter vom Kongo hatten, der die Rebellen unterstützte, half Hugh ihm und schmuggelte Geld. Dabei wurde er gefaßt.

Liesel kämpfte mit der Bild-Presse und den Behörden. Sie bekam ihren Mann wieder frei. Doch die Ehe scheiterte später.

Über ihre gemeinsame Event-Agentur lernte sie den Sänger George Browne, bekannt als Young Tiger, kennen. Mit ihm ging sie schließlich in die USA.

Rassismus ist überall

In den USA, in Florida, wo sie ein Restaurant übernahmen, wurden sie diskriminiert. Rassismus war an der Tagesordnung. Niemand interessierte sich von den weißten, dass auch schwarze Männer im zweiten Weltkrieg oder im Koreakrieg ihren Kopf hingehalten haben. Da sie Deutsche war, wurde sie ebenfalls mit der deutschen Vergangenheit konfrontriert.

In Palm Beach waren Liesel und George Browne nach ihrer eigenen Schilderung rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Ein jüdischer Anwalt half ihnen aus der Patsche der Pleite. Sie hatten alles verloren. Die Ehe scheiterte ebenfalls, doch Liesel machte weiter. Sie zog nach Kalifornien und arbeitete unter anderem für Estée Lauder.

Ein Leben gegen die Vorstellungen ihrer Eltern

Liesel Appel wollte ihr Leben bewusst anders führen als ihre Eltern: Freiheit statt ideologischer Enge. Offenheit statt Ausgrenzung.

Sie setzte sich für Menschen ein, die diskriminiert wurden, und beschäftigte sich immer intensiver mit ihrer eigenen Vergangenheit. Sie konvertierte zum jüdischen Glauben und hielt Vorträge über ihre Situation in der NS-Zeit und die Geschichte der Familie Meyer. Vor rund 25 Jahren begann sie schließlich systematisch nach dem kleinen Edgar August und seiner Familie zu suchen. Sie wollte wissen, was aus ihnen geworden ist und wandte sich an das Bottroper Stadtarchiv.

Was war aus Edgar geworden?

Wo hatte er gelebt?

Wer hatte ihn in jener Nacht tatsächlich gerettet?

Und warum hatten so viele Beteiligte anschließend jahrzehntelang darüber geschwiegen?

Was geschah mit der Familie Meyer?

Die Recherchen führten nach und nach zu nicht erfreulichen Antworten, denn die Mutter von Wilhelm, Fanny Meyer, wurde während des Holocaust deportiert ins Ghetto nach Riga. Dort verlor sich die Spur. Sie wurde offenbar ermordet. Nachweise sind keine gefunden worden. Sie gilt als spurlos verschwunden.

Wilhelm Meyer, seine Frau Fajga Dobra und ihr Sohn Edgar August konnten 1939 nach Palästina fliehen. Doch Fajga starb sehr früh. Wilhelm lebte auch nicht mehr. Und von Edgar August verlor sich jede Spur. Liesel suchte lange bis ein Anruf aus New York sie erreichte.

Eine Person hatte von ihrer Suche erfahren und konnte ihr mitteilen, wo sich das Grab von Edgar August Meyer befand. Es war nicht befriedigend vor dem Grab zu stehen, weil sie ihn gern so viel gefragt hätte. Aber sie war mit sich im Reinen, zumindest sein Grab gefunden zu haben und die Geschichte nach der jahrzehntelangen Suche ein Ende zu geben. Der Rahmen dieser Suche sollte nicht das Buch zum Abschluss sein, dass sie schrieb, sondern die Verlegung der Stolpersteine und ihren Besuchen in Bottrop. So ist sie mit der kleinen Stadt im Ruhrgebiet am Ende wieder mit vielen neuen Freundschaften nach Hause geflogen und würde jederzeit immer wieder gern sie besuchen kommen.

Das Buch „Der Sohn des Nachbarn“ erschien

Ihre Lebensgeschichte und die Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit hielt Liesel Appel in ihrer Autobiografie „Der Sohn des Nachbarn“ fest. 2014 erschien die erste und einzige Auflage ihres Buches.

Sie widmete das Buch ihrer Mutter. Denn obwohl sie über viele Jahre ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihr hatte, wolle sie ihr den Raum geben, den sie ihr zu Lebzeiten nicht gegeben hat. Sie wurde sich sicher, dass ihre Mutter nicht so verblendet war, sondern einfach nur in diese Zeit geboren wurde und Angst hatte drüber zu sprechen, sie als ihr Kind davor auch schützen. Doch das Kind hatte nicht das Verständnis dafür. Erst als die Mutter starb, als es zu spät war, kam ein gewisses Verständnis.

Das Buch erschien in Deutschland beim Bottroper Verlag Henselowsky Boschmann. Es ist vergriffen. Eine Neuauflage wird es wohl nicht mehr geben. Gebraucht wird es ab und zu angeboten.

Auch über den Glauben setzte sich Liesel mit ihrer Vergangenheit auseinander. Nachdem sie später einen jüdischen Mann geheiratet hatte, trat sie selbst zum Judentum über.

Fünf Stolpersteine für die Familie Meyer

Am 11. Juni 2025 wurde die Geschichte der Familie Meyer schließlich dauerhaft in das Bottroper Stadtbild eingeschrieben.

Vor der Gladbecker Straße 334 in Bottrop-Eigen wurden fünf Stolpersteine verlegt.

Sie erinnern an:

  • August Meyer
  • Fanny Meyer, geborene Meyer
  • Wilhelm Meyer
  • Fajga Dobra Meyer, geborene Markowitz
  • Edgar August Meyer

Die Patenschaften der Stolpersteine wurden von unterschiedlichen Menschen unterstützt:

Liesel Appel übernahm Edgar August Meyer.

Jürgen Krämer übernahm Fanny Meyer.

Die Freiwillige Feuerwehr Bottrop-Eigen übernahm Wilhelm Meyer.

Die Familie Schwittay übernahm die Patenschaft von Fajga Dobra Meyer, geborene Markowitz, und von August Meyer übernahm die Evangelische Kirchengemeinde Bottrop-Eigen sie.

Bei der Verlegung am 11.6.2025 waren unter anderem Oberbürgermeister Bernd Tischler sowie Familienmitglieder von Liesel dabei, die extra aus den USA nach Bottrop zur Einweihung angereist waren.

Liesel Appel übernahm die Patenschaft für den Stolperstein von Edgar August Meyer.

Damit bekam der Junge, nach dessen Schicksal sie so viele Jahre gesucht hatte, in ihrer Heimatstadt einen sichtbaren Erinnerungsort.

Warum dieser Podcast mehr als eine Lebensgeschichte ist

Ein Jahr nach der Stolpersteinverlegung hatte ich die Gelegenheit, mit Liesel Appel ausführlich über ihr Leben zu sprechen.Dieser Podcast ist deshalb weit mehr als eine Biografie.

Er verbindet die Geschichte Bottrops mit der Geschichte einer einzelnen Familie und mit dem persönlichen Weg einer Frau, die sich zeitlebens mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt hat.

Es geht um die Frage, wie es ist, als Kind in einer Ideologie aufzuwachsen, für die man selbst keine Verantwortung trägt – und irgendwann zu erkennen, welche Folgen diese Ideologie für andere Menschen hatte.

Es geht um Schuld und Schweigen. Aber auch um Menschen, die in einem entscheidenden Moment geholfen haben.

Gerade die Geschichte um Edgar August Meyer zeigt, dass Biografien selten nur schwarz oder weiß sind. Menschen können Teil eines Systems gewesen sein und trotzdem in einem bestimmten Moment menschlich handeln. Das entschuldigt keine Unterstützung des Nationalsozialismus. Aber es gehört zur vollständigen Geschichte dazu.

Versöhnung mit Bottrop

Viele Jahrzehnte wollte Liesel Appel mit Bottrop nur wenig zu tun haben. Die Stadt war für sie mit ihrer Familie und den Erinnerungen an die Vergangenheit verbunden. Heute hat sich das verändert.

Sie hat ihre Heimat neu für sich entdeckt und besucht Bottrop wieder gerne. Zwischen dem Kind, das nach dem Krieg die Wahrheit über seine Familie erfahren musste, und der Frau, die Jahrzehnte später nach Bottrop zurückkehrt, liegt ein außergewöhnliches Leben.

Mit der Verlegung der Stolpersteine und dem Auffinden weiterer Informationen über Edgar August Meyer konnte sie einen Teil ihrer jahrzehntelangen Suche abschließen und ihren Frieden damit schließen

Ein neuer Kampf für Gerechtigkeit

Wer nun glaubt, Liesel Appel würde sich einfach zurückziehen, wird eines besseren belehrt. Sie kämpfte ihr Leben lang für Gerechtigkeit für Menschen und Minderheiten. Diese fordert sie nun auf Demonstrationen für Tiere.

Sie lebt vegan und engagiert sich gegen Tierversuche und das Töten von Tieren. Dabei bezieht sie sich unter anderem auf Gedanken des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer und auf Charles Pattersons Buch „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“.

Damit zieht sich ein Gedanke durch ihr gesamtes Leben:

Der Widerstand gegen Ausgrenzung, Gewalt und Ungerechtigkeit.

Erinnerungskultur im Ruhrgebiet

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mit persönlichen Erinnerungen an den Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit werden immer weniger.

Deshalb ist es wichtig, ihre Erzählungen festzuhalten.

Nicht, weil Erinnerungen historische Forschung ersetzen können. Persönliche Erinnerungen können sich unterscheiden, einzelne Details bleiben ungeklärt und manche Geschichten lassen sich Jahrzehnte später nur noch teilweise rekonstruieren. Auch Erinnerungen können falsch widergegeben werden. Doch sie zeigen, was historische Ereignisse mit Menschen gemacht haben. Genau deshalb sind auch die Stolpersteine so bedeutend:

Hinter jedem Namen steht ein Mensch.

Hinter jedem Geburtsjahr ein Leben.

Und hinter jedem Stein eine Geschichte, die nicht vergessen werden sollte.

Die Geschichte von Liesel Appel und der Familie Meyer gehört für mich dazu.

Sie erzählt von einem dunklen Kapitel mitten im Ruhrgebiet von Bottrop und Deutschland. Es zeigt, dass eben der Spruch, dass das Ruhrgebiet zusammen hält, nicht so ist und heute wieder so einen Sprung bekommt, wie es in den letzten Kommunalwahlen zu sehen war.

Liesels Geschichte jedoch erzählt davon, dass Menschen selbst unter unmenschlichen Bedingungen Menschlichkeit zeigen konnten – und dass die Suche nach Wahrheit auch nach Jahrzehnten noch etwas verändern kann.

Im nächsten kleineren Podcast gehe ich noch einmal auf die Familie Meyer ein. Es enthält die Reden von Liesel Appel und dem damaligen Oberbürgermeister Bernd Tischler. Im Videopodcast bin ich vor Ort und reinige die Steine nach einem Jahr zur Würdigung und Ehrung der Familie Meyer.

Der Podcast mit Liesel Appel ist deshalb nicht nur ein Blick zurück. Er ist eine Einladung, genauer hinzusehen, sich selbst und anderen Fragen zu stellen und dabei Erinnerung und Menschlichkeit ohne Hass lebendig zu halten. Damit es sich nicht wiederholt!

Liesel Appel mit André Brune beim Einsetzen der Stolpersteine (c) André Brune

 

Links und Recherchehinweise

Charles Patterson: „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“ – deutsche Ausgabe von „Eternal Treblinka“. Relevante Recherche-Links: Internet Archive mit deutscher Ausgabe:

https://archive.org/details/fur-die-tiere-ist-jeden-tag-treblinka-eternal-treblinka-uber-die-ursprunge-des-i

Deutsche Nationalbibliothek:

https://d-nb.info/97210139x/04

Die Buch Suche mit Angeboten zur deutschen Ausgabe:

https://diebuchsuche.de/buch-9783861506492.html

Henselowsky Boschmann Verlag, Buch „Der Sohn des Nachbarn“

Familie Meyer / Stolpersteine Bottrop:

Stadt Bottrop, Familienseite mit Biografien und Patenschaften: https://www.bottrop.de/microsites/Kulturzentrum_August_Everding/kulturzentrum/stadt–und-zeitgeschichte/stolpersteine/meyer-famliie.php

Stadt-Bottrop-Broschüre „Stolpersteine 2025“:

https://www.bottrop.de/downloads/kultur-bildung/stadtgeschichte/Stolpersteine-2025.pdf

Presse-Service der Stadt Bottrop zur Verlegung:

https://www.presse-service.de/meldung.aspx?ID=1188750

Bottroper Zeitung:

https://bottroper-zeitung.de/neue-stolpersteine-werden-in-bottrop-eigen-verlegt/

Wir lieben Bottrop

https://www.wir-lieben-bottrop.de/2025/06/04/nach-privater-recherche-neue-stolpersteine-werden-im-eigen-verlegt/

WAZ

https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/article10388704/ein-kampf-um-gerechtigkeit.html

https://www.waz.de/staedte/bottrop/article10375434/buch-erschien-2014-auf-deutsch.html

https://www.waz.de/staedte/bottrop/article10016376/wunderbare-rettung-vor-den-nazis.html

Youtube-Video auf Englisch:

The Incredible Life of Liesel Appel: from Nazi Germany to Civil Rights to Animal Rights – YouTube

„Hitler’s Baby“ is an Animal Rights Activist?!

Das Ehri-Projekt – USA Holocaust Memorial Museum

EHRI – Steffens and Meyer families photographs

https://portal.ehri-project.eu/units/us-005578-irn37092

Gebraucht die Autobiographie kaufen:

Der Sohn des Nachbarn: Autobiografie : Appel, Liesel, Bolik, Rainer, Appel, Liesel: Amazon.de: Bücher

Auf Englisch:

[The Neighbor’s Son [ THE NEIGHBOR’S SON BY Appel, Liesel ( Author ) Sep-01-2005[ THE NEIGHBOR’S SON [ THE NEIGHBOR’S SON BY APPEL, LIESEL ( AUTHOR ) SEP-01-2005 ] By Appel, Liesel ( Author )Sep-01-2005 Paperback : Amazon.de: Bücher

Weitere Infos auf Englisch:

Kristallnacht talk at Temple Emanu-El to reveal woman’s journey

Ruhrpottologe-Bericht zur Stolpersteinverlegung am 11. Juni 2025: https://www.ruhrpottologe.de/ergreifende-stolpersteinverlegung-in-bottrop-in-besonderer-situation-i-11-6-2025/

Ihr Kampf für ihren ersten Ehemann Hugh Scotland aus dem kongolesischen Gefängnis zu bekommen:

  1. Dezember 1964 – macht Frau ein letztes Gebot für die Freiheit des Mannes… He wurde verhaftet von Pres Tshombes Bodyguard im Kongo: Frau Liesel Schottland verlässt London heute Morgen fliegen, Bonh – im Rahmen eines Angebots, Kongo Präsident Moise Tshombe sehen, die für Gespräche mit deutschen Diplomaten in der Stadt ist… Mrs-Schottland ist den Präsidenten zu intervenieren, um die Freisetzung von ihrem Ehemann Geschäftsmann Hugh Scotland – zu erhalten, der durch persönliche Leibwächter des Präsidenten verhaftet, als er dabei war, nach dem Massaker aus Stanleyville fliegen bitten. Mrs-Schottland hatte nach dem Massaker von Stanleyville. Frau Stockfotografie – Alamy

George Browne, auch Young Tiger genannt (2. Ehemann):

Calypso Be – Young Tiger – Deezer

https://link.deezer.com/s/348o0u27bBhasSrKz7bwz

George Browne (Young Tiger) | Spotify

Interaktive Anti-Müll-Ausstellung „Flaschengefühle“ wandert ins Welthaus nach Dortmund zur IGA 2027

Von Bochum wandert nun die Ausstellung am 13.8.2026 im Rahmen der IGA 2027 ins Pop-Up–Lädchen im Welthaus von Dortmund. Ab 16 Uhr ist die Vernissage. Ab 17 Uhr ist ein Vortrag von Sybille Hellier mit ihrem Projekt „AufGEraucht“ vor Ort und spricht über die Problematik der Grundwasserverseuchung von Zigarettenkippen.

Zwei Tage nach der Vernissage am Samstag am 15.8. zwischen 11 und 13 Uhr wird es einen Workshop geben, um mit Müll etwas zu basteln. Die Finissage wird dann mit einem Vortrag zum Thema „Flaschengefühle – Vermüllung der Stadt“ am 20.8. um 17 Uhr wieder beendet werden und auf den nächsten Ort warten.

Wer Interesse hat diese „Aufklärungsausstellung“ mit in die Welt zu tragen in einer Galerie oder städtischen Einrichtung, kann sich gern melden. Das Kunst-Aktions-Projekt „Flaschengefühle“ wird ab nächstes Jahr auch für Schulen angeboten werden.

Flaschengefühle – Gemeinsam für ein sauberes Bochum I Talk mit der Kommunalpolitik I +Videopodcast I +Podcast #141

Müll ist immer ein Aufreger in den Städten. Fabian Krömling (Grüne) und Stefan Klapperich (CDU) sind junge engagierte Kommunalpolitiker in zwei unterschiedlichen Parteien in Bochum. Sie sind meiner Einladung gefolgt zu einem kleinen Podcast-Plausch im Rahmen meiner interaktiven Flaschengefühle – Kunstaktionsprojekt-Ausstellung in der Nachhaltigkeitszentrale von Bochum Marketing in Bochum, um über die Vermüllung der Stadt zu sprechen, welche Maßnahmen möglich und zwischenzeitlich für ein saubereres Bochum geschehen sind.

Nach drei Jahren habe ich in der Nachhaltigkeitszentrale von Bochum Marketing mein Kunstaktionsprojekt innerhalb der Stadt neu auflegen können. Interaktiv habe ich Besucher und Besucherinnen die entwickelten Texte zu den Bildern zuordnen lassen. Wer Lust hatte, malte auf einer Leinwand ein „Flaschengefühl“. Bei einem Workshop baue ich mit Interessierten aus Drahtgeflecht Sehenswürdigkeiten oder Objekte in denen sauberer Abfall eingebaut werden konnte.

Das Konzept sieht auch vor ein Gespräch zu finden mit Kommunalpolitikern aus dem Bezirk Mitte und Zuständigkeiten. Vorher habe ich Müll gesammelt, um auch die negativen Dinge zeigen zu können. Weit laufen brauchte ich da nicht.

In der Kürze der Organisation und auch durch den Ferienanfang konnte ich aus Urlaubsgründen niemanden von der Mehrheitspartei SPD und den Linken bekommen. Die AfD hat für mich keine Relevanz, weil sie auch den Klimawandel leugnet und wurde deswegen schon nicht zum Gespräch eingeladen, weil sie nur einer bestimmten Einwohnergruppe Schuld für Müll in den Straßen zuschiebt statt sich an die eigene Nase zu packen. Da nehme ich kein Blatt vor dem Mund.

Die kleinen Parteien wurden in den Bezirk Mitte nicht reingewählt. Es sollten diesmal nur Bezirkspolitiker angesprochen werden. Stefan Klapperich war allerdings aus Wattenscheid, was mein Konzept kurzfristig veränderte und das Interview auf allgemeine Fragen zu Bochum spontan veränderte, was aber dem Podcast im Ganzen dadurch einen besseren Rahmen gab, weil dadurch Bochum und Wattenscheid insgesamt einen Raum bekamen, was gut und schlecht läuft. Und was auch in anderen Städten des Ruhrgebiets so ähnlich auch aussehen wird. Vielleicht wird es nur anders gehandhabt. So gilt jetzt dieser Podcast aus Bochum stellvertretend auch für die anderen Ruhrgebietsstädte. Müllprobleme gibt es überall.

So ging es locker vom Hocker mit den beiden jungen engagierten Politikern los:

Kurzinfo Stefan Klapperich – CDU

Mit 26 Jahren gehört er bereits zu den engagierten Stimmen der Bochumer Kommunalpolitik und hat mit Sicherheit noch einen guten Karriereweg in der Politik. Er ist Mitglied im Rat der Stadt und planungspolitischer Sprecher seiner Fraktion.

Stefan Klapperich ist Mitglied des Rates der Stadt Bochum und übernimmt dort die Rolle des planungspolitischen Sprechers. Zudem ist er Sprecher im Ausschuss für Planung und Grundstücke sowie Mitglied im Ausschuss für Sicherheit, Umwelt, Nachhaltigkeit und Ordnung.

Als stellvertretendes Mitglied ist er außerdem im Ausschuss für Beteiligungen und Controlling, im Haupt-, Wirtschafts- und Finanzausschuss sowie im Ausschuss für Kultur und Tourismus vertreten. In der Bezirksvertretung Wattenscheid wirkt er als beratendes Mitglied mit.

Seine politische Laufbahn begann unter anderem mit der Mitgliedschaft in der Bezirksvertretung Wattenscheid im Jahr 2020. Seit 2021 gehört er dem geschäftsführenden Kreisvorstand der CDU Bochum sowie dem Vorstand der Jungen Union Ruhr an.

Nach dem Abitur an der Hellweg-Schule Bochum studiert Klapperich seit 2018 Philosophie, Politik und Ökonomik an der Universität Witten/Herdecke. Ein Schuljahr verbrachte er zuvor an der Cathedral High School in Indianapolis in den USA.

Links: Fabian Krömling (Grüne) – Rechts: Stefan Klapperich (CDU)

Kurzinfo Fabian Krömling – Bündnis 90/Die Grünen Bochum

Fabian Krömling, Jahrgang 1993, ist geborener Berliner. Für sein Studium kam er nach Bochum und machte die Stadt zu seiner Wahlheimat. Beruflich ist er heute im Bereich Haus- und Wohnungsverwaltung tätig.

Seit 2019 ist er für die Grünen politisch unterwegs in den Fachbereichen Verkehr, Stadtentwicklung und Digitalisierung. Nach der Kommunalwahl zog er in die Bezirksvertretung Bochum-Mitte ein und wurde dort stellvertretender Fraktionsvorsitzender. 2021 rückte er in den Rat der Stadt Bochum nach.

Seit der Kommunalwahl 2025 gehört Fabian Krömling weiterhin dem Rat der Stadt Bochum an. In der Grünen Ratsfraktion ist er stellvertretender Fraktionsvorsitzender und planungspolitischer Sprecher. Er ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Planung und Grundstücke sowie im Wahlprüfungsausschuss. Darüber hinaus gehört er dem Aufsichtsrat der Stadtwerke Bochum sowie der Emschergenossenschaft an.

Zu seinen politischen Schwerpunkten gehören vor allem Stadtentwicklung, Stadtplanung, Wohnen, Klimaschutz und nachhaltiges Bauen. Dabei beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich Bochum weiterentwickeln und gleichzeitig Flächen, Grünstrukturen und Klima schützen kann. Auch die Mobilitätswende sowie bessere Bedingungen für den Rad- und Fußverkehr spielten bereits früh in seinem politischen Engagement eine wichtige Rolle.

Es waren interessante Informationen. Es gab keine rege Diskussion, sondern auch zwischen den Parteiangehörigen aus Grüne und CDU beim Thema Umwelt tatsächlich große gemeinsame Überschneidungen. Im Gespräch ist es auch herauszuhören, dass beim Thema Umwelt alle Parteien scheinbar an einem Strang ziehen mittlerweile.

Fabian und Stefan sind beide Anfang Mitte 30 und gehören zu den jüngeren Politikern in der Stadt. Sie wirken auch sympathisch und gut aufgeklärt. Sie konnten sachlich gut antworten und haben den Podcast von einer knappen Stunde gut gefüllt.

Müllprobleme ist ein Aufreger

Wer verursacht es? Welche Überlegungen gibt es, um ihn zu vermeiden? Was wird getan, damit Pfandflaschen nicht auf den Böden gestellt werden? Wird der Kommunale Ordnungsdienst mehr Befugnisse übertragen? Und so weiter.

Fabian war in der Bezirksvertretung Mitte fünf Jahre. Er bestätigte, dass sich bei Müll und Parken die Gemüter am meisten erhitzen in der Stadt.

Mehr Sauberkeit durch Unterflurcontainer

Mittlerweile gibt es in der Erde eingelassene Container für Glas. Die Standortfrage der Unterflurcontainer ist nicht immer gut möglich. Sie sind auch größer und man muss genau schauen, wie es eingebaut wird, weil auch Grünflächen zerstört werden, weil gut ausgebaggert werden muss. So entstand durch eine Bürgerinitiative bei einem Wohnbereich, die die Zerstörung der Grünfläche bei einem Park verhindern wollte eine Alternativfläche. Da ist es auch in der Politik nötig bei Genehmigungen darauf zu achten.

Die Kosten liegen bei 250000 Euro für das Einlassen in die Erde für das Unterflurcontainerkonzept. Es müssen drei Container für Weiß-, Braun- und Grünglas eingelassen werden. Diese sind größer als die an den Straßen stehenden typisch bekannten Container. Diese wurden bisher an sechs Tagen die Wochen geleert. Das ist ein hoher Kostenfaktor für Transport. Die Unterflurcontainer sind größer, müssen weniger schnell geleert werden und haben noch eine beiläufige Funktion, dass an den Containern weniger Müll befindet, der da nicht hingehört. Die Umgebung wird sauberer. Und durch das größere Volumen der in den Boden eingelassenen Containern sind weniger Transportkosten nötig, was auf die Dauer einsparend wirken wird. Was in den Niederlanden schon länger eingebaut wird, ist endlich auch in Deutschland angekommen.

Flaschenringe um einen Mülleimer

Ein Flaschenring kostet 300 Euro. Das ist ebenfalls ein hoher Kostenfaktor, aber es macht das Stadtbild sauberer. Flaschen werden nicht mehr daneben gestellt, was in dem Moment abgestellter Müll ist und auch zu einem Bußgeld führen kann. Es ist auch für Menschen angenehmer nicht in dem Müllkörben rumzuwühlen, die sich mit Pfandflaschen ein wenig ihren Lebensunterhalt aufbessern. (Das ist schon beschissen, dies überhaupt schreiben zu müssen in einem Staat, der zu den reichsten der Welt gehört…)

Zigarettenkippen und E-Zigaretten sind schwierig

Bei meiner vorherigen Sammelaktion sind von mir wahrscheinlich in 20 Minuten etwa 50 Zigarettenkippen aufgesammelt worden. Ich fing an vor der Tür der Nachhaltigkeitszentrale auf der Hauptfußgängerstraße, die Kortumstraße. Achtlos weggeworfen, im Hinterkopf, dass es ja eh sauber gemacht wird, aber zu dem Zeitpunkt dann das Stadtbild verschlechtert.

Die Kortumstraße wird jedoch einmal Woche mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Nur sieht man nichts davon. Leider.

Die Menschen, die Zigarettenkippen wegwerfen ist nicht bekannt, dass 40 Liter Grundwasser mit einem einzigen Filter verseucht werden. Das ist wie ein Tropfen Öl aus dem Auto.

Was in Spanien funktioniert mit einem Landesgesetz auf öffentlichen Plätzen ein Rauchverbot zu erlassen, ist in Deutschland kaum möglich. Wobei Spanien auch durch Waldbrände einen erhöhten Beitrag dagegen leisten muss. In Deutschland ist das eine Frage der Zeit.

Schlimmer sind die E-Zigaretten. In ihnen steckt Mikroelektronik. Wenn sie weggeworfen werden, können sie sich auch entzünden. Verbaut sind wichtige Metalle, die der Wiederverwertung zugeführt werden können. Aufklärung ist also insgesamt wichtiger denn je. Dafür hab ich das Projekt AufGEraucht von Sybille Hellier vorgeschlagen, die in Schulen gehen wird und Vorträge darüber hält.

Bochum mit touristischem Blick

Kurz vorher bin ich zwischen Technischem Rathaus und der Volkshochschule und Stadtbücherei in Richtung Musikschule gegangen und habe in 30 Minuten eine Tasche voll Müll und etwa 50 Zigarettenkippen gesammelt. Was ich dann auch zeigen konnte. Als Bochumer schäme ich mich für die Ecke. Als Tourist würde ich mich ekeln und einfach nicht beachten, weil woanders auch Müll rumliegt oder einfach nicht den Blick dafür haben oder mich fragen, warum hier keiner was sauber macht. In einer Ecke lag ein Haufen Müll, den ich über den Mängelmelder angab und der auch mir nach etwa zwei Tagen über die Stadt meldete, dass es beseitigt wurde. Dafür kann er hilfreich für viele Probleme genutzt werden. Viele andere Städte haben ihn schon eingerichtet:

https://maengelmelder.Bochum.de

Beide Poltiker bestätigen, dass es auf die Sichtweise von einzelnen ankommt, wie sauber Bochum wirkt. Kommt ein Berliner, ist es in Bochum sauberer. Kommt ein Berchtesgadener findet er es schmuztig. Beide hatten Urlaub in Polen gemacht und es dort sauberer empfunden. Dadurch, dass ich oft dort bin, kann ich es in den Großstädten, wie Krakow oder Gdansk auch bestätigen. Die Bahnhöfe sind generell so sauber, dass man vom Boden lecken kann. In Bochum oder Dortmund ist man einfach nur froh schnell aus dem Dreck rauszukommen, der auf den Bahnsteigen rumfliegt. Kein schöner Anblick. Aber das sind die Menschen. Die machen diesen Dreck. Es müssen also Richtlinien und Verbote, sowie erhöhte Bußgelder ausgegeben werden, damit die Menschen endlich verstehen, dass es falsch ist, die Umwelt mit ihrem Plastik, den Kippen und leeren Flaschen zu belasten. Es kostet uns Steuerzahler am Ende mehr in den Abgaben.

Überschneidungen der Parteien

Stefan und Fabian haben Überschneidungen in en Maßnahmen, die gemacht werden können. Es sind schon viele gute Kompromisse gelöst worden, obwohl die Parteien unterschiedliche Standpunkte haben.

Die CDU setzt hier auch auf eine bessere Bildung. Mehr Investitionen in die Schulen. Die Grünen wollen mehr Verbindung zum Klimaschutz. Beide Dinge schließen sich ja gegenseitig nicht aus, sondern haben dort erst recht viele Überschneidungen. Die Kinder von heute in den Schulen sind schließlich die verantwortungsvollen Erwachsenen von Morgen.

Engagement zahlt sich aus

Umso wichtiger ist es allgemein zu sagen, dass es wichtiger denn je ist sich in Vereinen oder auch Parteien zu engagieren um eine lebenswerte Stadt zu kreieren und erhalten.

Ohne Engagement ist nichts zu bewegen. Das fängt schon bei einem selbst an. Auf der Couch, vor der Computertastatur kann man sich über viele Dinge aufregen, Hass und Kritik ausüben, aber das ändert nichts da draußen für einen selbst. Projekte in Umwelt oder für Demokratie unterstützen oder anstoßen, dass kann auch individuell geschehen oder unterstütz werden. Ich habe es mit meinem Kunstaktionsprojekt „Flaschengefühle“ allein geschafft etwas anzustoßen, darüber kritisch zu reden, drüber nachzudenken und sich selbst zu sensibilisieren, Müll aus der Stadt zu verbannen.

Du bist dran, was du machen kannst. Also engagiere dich. Es ist nie zu spät!

Das ist das Schlußwort auch von beiden jungen Politikern gewesen. Mal sehen, wie es in Dortmund die Tage im Welthaus wird, wo die Ausstellung auch stattfinden wird im Rahmen der IGA 2027. Dort allerdings kann ich keinen Podcast so kurzfristig aus dem Boden hinbekommen mit Dortmunder Politikern. Mal sehen.

DANKE AN

Ein großer Dank erstmal ging an Bochum Marketing GmbH, die mir die Möglichkeit gaben in der Nachhaltigkeitszentrale das Projekt „Flaschengefühle“ wieder zeigen zu können. Die Ausstellung selbst ist interaktiv mittlerweile von der Gestaltung geworden und immer erweiterbar bei mittlerweile fast 6000 fotografierten Flaschen, Tetra-Paks und Dosen im öffentlichen Raum. Und ein großer Dank an die beiden Kommunalpolitiker Stefan Klapperich und Fabian Krömling, die sich die Zeit genommen haben mitzumachen, sowie auch die Organisatoren der CDU und Grünen, die es möglich gemacht haben sie beide zu organisieren in der Kürze der Zeit. Eine Wiederholung ist jederzeit überall möglich – egal in welchem Stadtbezirk und welcher Stadt. Das Problem Müll begleitet uns leider überall!

Hinweis für die nächste Flaschengefühle Ausstellung:

13.8. im Welthaus von 16 – 17 Uhr Vernissage, ab 17 Uhr Vortrag von Sybille Hellier zum Thema Zigarettenkippe mit ihrem Projekt AufGEraucht. Am 15.8. von 11-13 Uhr Workshop: Basteln mit Müll. Finissage ist am 20.8. mit Vortrag zum Thema „Flaschengefühle – Vermüllung der Stadt“

Haltet Eure Stadt und Umwelt sauber!

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Weiterführende Links

Stefan Klapperich (CDU) – Ratsmitglied in Bochum
https://www.cdu-bochum.de/person/127/Stefan-Klapperich

https://www.bochum.de/Rat-der-Stadt-Bochum/Mitglieder-des-Rates/Stefan-Klapperich

https://www.facebook.com/share/r/1EqSgs32Cv/

https://www.instagram.com/stefanklapperich?igsh=MW90aHFka3ZpbmFlYw==

https://www.cdu-bochum.de/

***
Fabian Krömling (Grüne) – Ratsmitglied in Bochum

https://www.bochum.de/Rat-der-Stadt-Bochum/Mitglieder-des-Rates/Fabian-Kroemling

https://www.instagram.com/fabian7727?igsh=aXlpN2gzeGFpamdl

https://gruene-bochum.de/

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https://maengelmelder.bochum.de

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Erstes Flaschengefühle Projekt 2023 :
https://www.ruhrpottologe.de/das-politische-gespraech-zur-vermuellung-der-stadt-bochum-im-rahmen-der-gefoerderten-ausstellung-flaschengefuehle-i-video-i-podcast/

Drei Erlebniswelten zwischen Karls Erlebnis-Dorf, Manifesta mit Kunst in Kirchen und schwarzen Nächten im Krimi I +Podcast I +Videopodast

In der 140. Folge von „Ruhrpottologe unterwegs im Ruhrgebiet“ geht es um drei ganz unterschiedliche Erlebniswelten, die eines gemeinsam haben: Der Wandel im Ruhrgebiet und überall ist irgendwie auch ein Teil von mir dabei.

Erlebnis-Welt 1: Karls Erlebnis-Dorf in Oberhausen

Ich nehme Euch in dieser Folge mit zum neuen Karls Erlebnis-Dorf in Oberhausen, wo Erdbeeren, Currywurst und Familienfreizeit auf Ruhrgebietskultur treffen, und wo ich das einmalige Curryversum meine Stimme verleihen konnte. Und wie ich dadurch auch für die Interpretin Nima Lindner als Tipp für den neuen Currywurstsong exklusiv für den Oberhausener Park empfohlen habe und sie es nun auch tatsächlich geworden ist.

Erlebnis-Welt 2: Manifesta 16+ Ruhr

Danach führt der Podcast zur einmaligen Manifesta 16+ Ruhr, die ehemalige Kirchen in Bochum, Essen, Gelsenkirchen, Duisburg und weiteren Städten zu Orten für Kunst, Begegnung und neue Nutzungsideen macht. Hier bin ich mit drei Kunstwerken in der St. Franziskuskirche in Bottrop zusammen mit Künstler und Künstlerinnen vom Künstler Kollektiv Bottrop dabei.  Einen ausführlicheren Beitrag über die Manifesta folgt.

Erlebnis-Welt 3: Spionagekrimi von Sabine Hofmann

Als dritte Station steht Sabine Hofmanns Spionagethriller „Weiße Westen, schwarze Nächte“ aus dem Aufbau Verlag im Mittelpunkt. Der Roman entführt uns ins Jahr 1966 nach Essen.

Die Atmosphäre ist schon getränkt durch die Anfänge des Strukturwandels erste Schließungen von Zechen, den Aufbau der Verkehrswege im Ruhrgebiet, sowie das schleichende Ende vom Wirtschaftswunder der 1950er Jahre und das Aufbegehren der Kinder gegen ihre Eltern, die von den Gräueltaten der  Nationalsozialisten unter Hitler und ihrem eigenen Tun weiterhin schweigen.

Dort tummeln sich im Kalten Krieg zwischen den Kommunisten im Osten und den Kapitalisten im Westen große Spionagefälle. Warum diesen nicht mal im Ruhrgebiet zwischen den großen Industrieanlagen und den Villenbesitzern spielen lassen.

Im Roman spiel ich keine Rolle, aber ein Jahr zuvor habe ich mit Sabine Hofmann einen Podcast über ihre in Bochum spielende Krimireihe, die kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gemacht. Ich bin mit ihr durch Bochum mit dem Rad gefahren. An wichtigen Recherche – Punkten des Romans Trümmerland sind wir stehen geblieben. Am Ende verriet sie mir, dass sie an einem Spionageroman arbeite, wo eine Einbrecherin eine Heldin werden wird und dieser nicht in Bochum, sondern in Essen spielen soll.

So bin ich indirekt und direkt mit allen Orten in Verbindung gekommen und mache einen Streifzug mit Informationen und persönlichen Erlebnissen eine Erlebniswelt in dem 140. Podcast von „Ruhrpottologe unterwegs im Ruhrgebiet“ auf, der in Oberhausen, Bottrop und Essen spielt.

Eine Anekdote habe ich jedoch. Dieser Podcast ist unter erschwerten Bedingungen gemacht worden. An einem Sonntagabend, sollte er einfach nur eingesprochen werden und dann hochgeladen werden. Aber da die Festplatte im Handy voll war, ohne das ich das bei der Aufnahme bemerkt habe, musste ich alles nochmal neu einsprechen. Und da es schon zu später Stunde war, es war einfach nur warm und es war schon nach 21 Uhr, wurde es beim zweiten Mal nicht besser. So habe ich dann leider doch alles mit den ersten vorhandenen 20 Minuten mit dem zweiten zusammenschneiden müssen. Als ich um 5 Uhr das Licht des Tages erblickte und mich zu Bette bewegte, wußte ich. Der Blogbeitrag muss warten. Ich bin erstmal fertig mit der Welt. Also verzeiht mir, wenn dies jetzt hier mit allen Links etwas verspätet kommt. Denn der nächste Podcast folgt sogleich und mein Steuerordner für das Finanzamt muss auch noch fertig gestellt werden.

Ihr bekommt von allen drei Erlebniswelten noch einen gesonderten Beitrag mit den entsprechenden Links, die ihr hier schon aufrufen könnt.

Jetzt viel Spaß beim Gucken und oder Hören:

Eröffnung der Manifesta-Ausstellung „auf.atmen“ in Bottrop I Flaschengefühle von Andre Brune in der St.-Franziskus-Kirche

Ausstellungseröffnung im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr

Am Samstag, dem 1. August 2026, eröffnet das Künstler Kollektiv Bottrop die Ausstellung „auf.atmen“ in der ehemaligen St.-Franziskus-Kirche in Bottrop-Welheim. Und ich bin ein Teil der vielen tollen Kunstwerke, die dort zu sehen sind in der sehr besonderen Kirche. Sie bekommt nach drei Jahren Leerstand neues Leben „eingeatmet“ mit Kunst, die dann „ausatmen“ wird und lässt die schlafende Umgebung „auf.atmen“ für Neues. Die Ausstellung ist Teil der regionalen Manifesta Biennale-16+Ruhr.

Als Mitglied im Künstler Kollektiv Bottrop bin ich mit drei Kunstwerken selbst mit zwei Arbeiten aus meinem Kunstaktionsprojekt „Flaschengefühle“ dabei. Ein weiteres kleines fotografisches Werk ist leicht versteckt am Drahtkunstwerk zu finden. Es ist mit dem Innenraum und der gespiegelten Natur an der St.-Franziskus-Kirche entstanden.

„Auf.Atmen“ – eine Kirche wird zum Kunstraum

Die ehemalige St.-Franziskus-Kirche wird während der Ausstellung zu einem lebendigen Ort für Kunst, Begegnung und Gespräche mit Workshops.

Ab 11 Uhr ist Samstag die Eröffnung und ab 14 Uhr geht es mit Reden in den offiziellen Teil über.

Die vielen verschiedenen Kunstwerke fließen zum Teil in die Bedeutungsebene hinein zum Thema „aufatmen“ oder verbinden auch die Kirche selbst.

Die Künstler und Künstlerin beschäftigen sich im Rahmen des Mottos mit gesellschaftlichen, ökologischen, politischen oder persönlichen Themen. Dabei ist die Architektur der 1960er Jahre mit ihrer Holz-Beton-Fenster-Fassade ein besonderer Augenschmaus.

Sogar Alt-Bottroper*innen haben den Welheimer Friedhof nicht mehr auf dem Schirm. Die Kirche liegt dort hinter Bäumen versteckt. 

Allein der große sakrale Raum wird zu einem besonderen Raum der Ausstellung.

Mit „Flaschengefühle“ dabei

Zwei Arbeiten aus meinem Kunstaktionsprojekt „Flaschengefühle“ werden dort ausgestellt. Das Drahtkunstwerk, dass spontan von mir entwickelt wurde, sieht nicht perfekt aus. Soll es auch nicht. Es ist so, wie der Mensch: Nie fertig.

Doch es atmet etwas aus. Es sieht wie die Kirche aus. Es hat die Dächer, aber nicht eins zu eins im Modell nachgebaut. Es ist und wirkt eingefallen und wird durch nicht vollen Flaschen gehalten.

Die Größe verlangte es vor Ort fertig zu stellen. Hier ist es aber noch nicht fertig. Da kommt noch was.

„Über Halbleere“ zeigt nicht nur das Zitat von Gott in der Bibel „Mach dir die Erde untertan“ (Genesis 1,28), das bis heute missverstanden wird, die Erde auszubeuten, statt sie zu bewahren. Das Kunstwerk zeigt, wie wir heute noch damit umgehen. Unachtsamkeit und Egalhaltung zu einer Verschlimmerung des Planeten Erde wird, aber auch gleichzeitig, dass der Glaube durch Kommerz und falschen Propheten abgelöst wurde und wir so weiter tun, als hätten wir unendlich viele Leben.

Die Kirche allgemein ist nicht nur halb leer. Sie ist mehr als halb leer. Sie ist keine Kirche mehr, weil es nicht genug Schäfchen gibt. Die nicht mehr gläubigen Schäfchen machen aber mit der Erde Untertan machen weiter. Flaschen sind nicht das einzige Modul, sondern viele verschiedene Müllprodukte habe ich in zwei angedeuteten Lungenflügeln unterhalb der umgedrehten halbleeren Flasche mit einer sich auflösenden Zigarette eingebaut. In der einen ist eher die Luft zum Aufatmen, in der anderen eine Flasche halbvoll mit gerauchten Zigaretten. Drumherum sind in den Ecken die Betonfeiler angedeutet. Die Flaschen enthalten die vier Elemente: Luft, Wasser, Feuer und Erde. Doch Feuer und Erde hängen in der Luft. Darunter Müll. Feuer entsteht durch Müll. Die Stützpfeiler werden Einliterflaschen von einem großen Konzern, der Wasser aus Brunnen nutzt, um weltweit das Wasser mit Zucker zu verkaufen. Die Erde wird weiter verseucht und ausgebeutet. Zigaretten sind oft auch Brandbeschleuniger in Waldgebieten, Flaschen können es auch sein. Gefunden habe ich die weitere Müll-Utensilien vor der Kirche und sie entsprechend platziert. 

Ansonsten habe ich schon mindestens 6000 weggeworfene, abgestellte oder achtlos zurückgelassene Flaschen fotografiert. Ein Gedicht über die gefundenen Reifen erzählt das Kommen und Entfernen, damit die Natur wieder „aufatmen“ kann. Die Arbeiten sollen nicht nur kritisieren. Sie sollen zum genaueren Hinsehen, zum Nachdenken und zum Gespräch und vor allem Vermeiden von Müll anregen.

Ein Foto aus der St.-Franziskus-Kirche

Neben den beiden Arbeiten aus „Flaschengefühle“ zeige ich ein kleines Foto, das direkt an der ehemaligen St.-Franziskus-Kirche entstanden ist.

Durch eine Spiegelung in den Fenstern der Eingangstür ergab sich ein überraschendes Motiv. Da es zwei Tage vor dem Abgabetermin entstanden ist, konnte ich nicht anders als es kurzerhand in einen kleinen Bilderrahmen zu packen, weil ein größerer Druck leider länger gedauert hätte. So wird es eine Entdeckung für Besucher und Besucherinnen sein.

Das Bild zeigt, wie Kunst manchmal in einem sehr kurzen Augenblick entsteht – durch Licht, Architektur, Spiegelungen und den richtigen Blick.

Gerade an einem Ort wie der St.-Franziskus-Kirche wird deutlich, wie stark sich ein Gebäude je nach Perspektive verändern kann, vor allem mitten in der Natur, die so in dem Stadtteil nicht erwartet wird.

Bottrop ist Teil der Manifesta 16 Ruhr

Bottrop gehört zum erweiterten regionalen Programm der Manifesta 16 Ruhr. Das Hauptprogramm bespielt zwölf Kirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Mit dem Manifesta-16+-Programm werden weitere lokale Projekte in einigen anderen Ruhrgebietsstädte gefördert. Wichtige Impulse gehen von lokalen Künstlern aus. In den alten Gemäuern kann nicht nur über Kunst gesprochen werden, sondern was passiert mit ihnen im Zuge der Leerstände. In ihnen geht es um Kunst, Gesellschaft und die Zukunft der bestehenden Gebäude. Weitere genauere Informationen kommen im nächsten Beitrag über die Manifesta Biennale.

Kunst und Industriekultur in Welheim

Wer die Ausstellung besucht, sollte einen Spaziergang in die benachbarten Gartenstadt Welheim machen. Die historische Arbeitersiedlung ist Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden und war für die Beschäftigten der nahe gelegenen Zeche „Vereinigte Welheim“ die erholsame Unterkunft nach harter Arbeit.

Geschwungene alleeartige Straßen, unterschiedliche Haustypen, die an ein kleines Bauerndorf erinnern, kleine Vorgärten, versteckte große Gärten und begrünte Freiflächen verleihen der Siedlung bis heute einen besonderen Charakter. Der Stadtteil erzählt von vergangener Industriegeschichte, vom Leben der Bergarbeiterfamilien und ihren lebenswerten Wohnquartieren. So verbinden Besucher und Besucherinnen zeitgenössische Kunst mit Kirchenarchitektur und ein Teil der Ruhrgebietsgeschichte.

Einladung zur Ausstellungseröffnung

Ich lade euch herzlich zur Eröffnung von „Auf.Atmen“ ein.

Die Ausstellung beginnt am Samstag, dem 1. August 2026 ab 11 – 19 Uhr.

Ich selbst zum offiziellen Teil mit Reden ab 14 Uhr vor Ort.

Um 12 und 16 Uhr gibt es auch eine Performance jeweils von Gilda Bräuer, die das erste Aufatmen und eine Kriminalgeschichte aus dem 17. Jahrhundert verbindet.

Ich freue mich auf Gespräche über meine Arbeiten, damit das Projekt „Flaschengefühle“ weiter getragen kann. Ich wünsche mir für die ehemalige Kirche, dass sie als stadtteilprägende weltliche Institution weitergeführt wird und die Ausstellung einen gangbaren Weg in eine besondere Zukunft führen wird.

Ausstellungseröffnung „Auf.Atmen“

Samstag, 1. August 2026

Öffnungszeit:
11 bis 19 Uhr

Ort:

Ehemalige St.-Franziskus-Kirche
An St. Franziskus 6
46238 Bottrop

Eintritt:
frei

Mehr Infos und aktueller Kalender:

https://kollektiv-bottrop.de

Zur Manifesta:

https://www.manifesta16.org

FAZIT

Kommt vorbei, entdeckt die unterschiedlichen Kunstwerke und verbindet euren Besuch anschließend mit einem Spaziergang durch die Gartenstadt Welheim.

Ich freue mich auf euch.

Glück auf! ⚒️

Fotos (c) André Brune

Tinnef – ein Ruhrpottwort? I Seine vielseitige Bedeutung und fremde Herkunft I +Video I +Podcast

Was bedeutet Tinnef und kommt das Wort wirklich aus dem Ruhrgebiet?

Tinnef stammt aus dem Ruhrgebiet! So meint wahrscheinlich die Mehrheit. Das Wort klingt nach Ruhrgebiet, aber die Herkunft und die Bedeutung war und ist eine andere. Damit räume ich jetzt auf:

Der folgende Text ist zu hören im Podcast und sehen im Video:

Wenn man eine Urlaubsreise tut, kauft sich jeder Tinnef fürn Kühlschrank, anne Wand oder wat irgendwann inne Müllverbrennung landet.

Oft genug kommt der Ehemann nach Hause, weil er aufm Flohmarkt alten Kram so toll findet und die Olsche krakelt dann:

„Hömma, Ollen! Wat hasse widda da fürn Tinnef gekauft? Is kein Platz mehr inne Schränke!“

Das sie selbst allerdings den sterbenden Schwan aus Porzellan von Meissen in der Vitrine hat, tut nichts zur Sache. 

Wer braucht so was Unschönes? Wenn es wenigstens Wert hätte. Also älter als vielleicht 100 Jahre und mindestens einen Weltkrieg unbeschadet überstanden hat.

Im Ruhrgebiet hört man oft solche Sätze. Ein Tedi, Kik und Temu haben oft mehr von dem unnützen Zeug auf Lager. Aber es wird gekauft, sonst würde es niemand herstellen.

Auch eine Lügengeschichte hat viel Potenzial, um als Tinnef bezeichnet zu werden. So wie meine Geschichte um die Küchengerätehersteller – Familie Neff und die Tochter Tine, die sich im Herd versteckt haben, aber nie wieder gefunden wurde, die ich auf der Bühne bei Benjamin Eisenbergs „Comedy im Saal“ vor einigen Jahren zum Besten gab.

Aber Unsinn oder Kitsch ist nicht der Ursprung des Wortes, das in ganz Deutschland bekannt ist. Es kommt nicht aus dem Ruhrdeutschen. Es ist hier nicht heimisch, auch wenn es sich so anfühlt. Leider muss ich mit dem Mythos aufräumen. Du findest es hier oft im typischen Sprachgebrauch, aber es wird in Hamburg, in Berlin, in Hannover, sowie in Köln, aber auch in München gesagt, wenn es dort auch weit aus weniger als in Köln ausgesprochen wird.

Im Rheinischen ist es sogar mehr zu hören als anne Bude umme Ecke. Viele denken vielleicht, das es dort entstanden ist, weil anne Bude kann man auch Tinnef kaufen.

„Anne! Hasse ma son Tinnef, wat ich verschenken tun kann. Hab den Hochzeitstach wieder fast vergessen und wollt ohne nix nich nach Hause gehn, weisse Bescheid.“

Anne hat immer wat da. Die hilft immer. Und wenn es nur ein buntes Osterei ist zu Weihnachten.

Tinnef klingt wirklich kernig, direkt und nach typisch Ruhrpott. Die Frage, woher es stammt gehe ich in meinem Video aus der Reihe „Ruhrpott-Dialekt erklärt“ auf den Grund und fange mit einer kleinen Geschichte an, die ich bei Benjamin Eisenberg bei Comedy im Saal erzählt habe:

Woher stammt Tinnef eigentlich?

Kurz gesagt : Aus dem Hebräischen.

Mal wieder kommt ein Wort aus dem jüdischen Sprachgebrauch und mal wieder wurde der ursprüngliche Begriff von tinnuf über Tinneph zu Tinnef durch die Jahrhunderte verändert von einem eher schlimmen Wort des Jiddischen zu einem anderen schlimmen Wort über die Gaunersprache, dem sogenannten Rotwelschen.

Denn richtig übersetzt war tinnuf aus dem hebräischen Schmutz oder Kot das Ursprungswort.

Ein bisschen Mittelalter-Geschichte

Im Mittelalter wurden Juden in Ghettos gesteckt. Stadtbereiche, die nur für sie gedacht waren. Für Christen waren die Juden der Schmutz der Stadt die eingepfercht gehören. Bis in die Neuzeit hat sich auch dieser Antisemitismus breitgemacht, dass Juden die Brunnen verseucht haben, wenn es Cholera, Ruhr oder Pest gab. Juden waren immer an allem Schuld. Aber damals kannte man noch keine wissenschaftlichen Nachweise. Man suchte Schuldige für das eigene Unvermögen sich sauber zu halten. Wohin dieser im Kopf gewachsene Tinnef ging, nämlich Unsinn, wissen alle: In den Holocaust. Aber ich schweife ab. Im Jiddischen wurde aus dem Hebräischen die Schrift etwas verändert. Tinnuf wurde zu Tinneph. Und jetzt passierte auch bei der Anwendung des Wortes ein Wandel.

Juden konnten nur bestimmte Berufe ausüben. So gingen sie als Händler von Ort zu Ort und tatsächlich machten sie hier und da Geld mit Kurzwaren oder billigen Plunder, sowie gebastelten oder geschnitzten unnützen Zeug, also billigen Ramsch, der auch gekauft wurde, um andere eine Freude zu bieten. Die Juden hatten nichts zu lachen allerorten und so konnten sie aber dafür Geld zum Überleben für die Familien verdienen. Das jüdische Wort mit ph ging dann auch in den normalen Sprachgebrauch in ganz Deutschland über. Natürlich gibt es Anwandlungen je nach Dialekt.

Es gab auch sogenannte Tinfläden, also Tinnefläden. Holzhäuser, wo hinten die Familien gewisse Artikel zusammenbauten und vorne an der Ladentheke verkauften.

Das Wort ‚Tinnef‘ kam in alle Bereiche des Deutschen Reiches als ein Begriff für Ramsch.

Auch der alte Konrad Duden hat dieses Wort aufgenommen in seine Rechtschreibbibel der Deutschen Sprache. Darin heißt es: wertloses Zeug, Kram, Plunder“ und „Unsinn“. Das ungewöhnliche Wort war und ist bis heute im Einsatz, wer in Souvenierläden, bei Tedi, KIK und Co geht.

Im Internet bei Temu kann es ein Gegenstand sein, der wahrlich nichts taugt zu irgendwas, aber billig ist und heute aus dem fernen asiatischen Ländern kommt. Ein ansehnliches Foto lässt den Klick mit dem Finger schneller zu als man denkt. Die billige Herstellung verpestet die Umwelt mit giftigen Farben und ist oft  nur Schrott. Da kannste sagen:

„Schmeiß wech den Tinnef! Und kauf da nich widda son Mist! “

Oder aber es geht um die erwähnte Geschichte von der Tochter des Herstellergründers von Küchengeräte Carl Andreas Neff.

Tine, war die Schwester der Nachfolger Arnold Wilhelm und Heinrich. Sie hat sich in der Fabrik in Bretten in einen Ofen vor ihrem Vater versteckt. 1877 startete der Schlossermeister die Produktion für Herde und Öfen mit sechs Gesellen.

Sie tauchte jedoch nie wieder auf bei den Neffs. Entweder haben die Brüder eine Lausbubenstreich gespielt, um sie loszuwerden oder es war ein dummer Zufall, das der Herd ausgerechnet ins ferne Berlin wanderte. Jedenfalls konnte sie sich nicht mehr erinnern, woher sie kam, weil sie durch den Sauerstoffmangel während des Transports das Bewusstsein verlor und auch Gedächtnislücken aufwies. Sie kam in ein Waisenhaus und lebte bis an ihr Lebensende als Kochgehilfin beim Kaiser Wilhelm im Schloss von Berlin.

Tinnef oder Nicht – Tinnef, das ist hier die Frage

Die Geschichte klingt glaubhaft, ist aber Tinnef. Eine unsinnige Geschichte. Aber Neff gibt es bis heute trotz einer Insolvenz im Jahre 1982. Die Tine gibt es nicht. Neff ist heute eine der größten Hersteller der Welt für hochwertige Küchengeräte. Durch die Insolvenz wurde sie übernommen von dem BSH GmbH Konzern (Bosch und Siemens Hausgeräte). Noch heute werden in Baden-Württemberg in Bretten hochwertige Küchengeräte auf 105000 m² hergestellt.

Es sieht so aus, als wenn es ein eingeborenes Wort ist, und es klingt so schön Ruhrpottisch. Aber es hat durch die Zeit von Schmutz und Unrat über minderwertige Waren, wertloses Zeug und unsinnigen Lügengeschichten den Weg in die Sprache vom Hebräischen über dem Jiddischen, der Gaunersprache, dem Rotwelschen heute zu uns in die gesamte deutsche Sprache gefunden.

Wir benutzen das Wort jiddischer Herkunft so selbstverständlich, ohne zu wissen, dass es ursprünglich von dort kommt. Es passt so sehr ins Klischee im Ruhrpott geboren worden zu sein als Wort.

Hier sagt jeder sofort, was ihm nicht gefällt. Ob auf liebevolle, bitterernste oder scherzhafte Art, Tinnef verfehlt nie seine Wirkung im Gespräch. Es zeigt sofort, was von dem Gesagten oder Ramschteil gehalten wird.

Aber Tinnef kann auch ein emotionaler Gegenstand sein. Als ich das Video gedreht hatte, hatte ich kurz danach meine Mutter verloren nachdem mein Vater ein Jahr zuvor starb. Ich musste die elterliche Wohnung aufräumen und besenrein machen.

Meine Eltern liebten nicht jeden Tinnef. Aber gefunden habe ich dennoch viele. Durch die emotionale Verbindung der Familie, habe ich viele Dinge erstmal behalten. Trauerarbeit habe ich ganz allein bewältigen wollen damit. Noch nach Jahren schlummern einige in Kisten im Keller, oder sind hier und da in der Wohnung gelandet, weil ich mich von dem Tinnef immer noch nicht trennen kann, wie die kitschigen Engel oder eine geschnitzte Holzeule, die in der Wohnzimmervitrine stand. Die starrt jetzt im Schlafzimmer auf mich.

Manchen Tinnef kaufe ich natürlich auch im Urlaub. Einen kitschigen Kühlschrankmagnet von dem Ort, wo ich gerade bin, ist ein Muss geworden. Oder auch eine Schneekugel mit dem Namenszug Ruhrpott mit einem Fördergerüst, sowie eine alte Grubenlampe zieren meinen Raum. Kunst in Form von Skulpturen oder Bildern hängen an den Wänden oder liegen auf Regalen.

Viele würden das als Tinnef bezeichnen, besonders, die damit nichts anfangen können, was aber Kunst ist. Würde ich den Löffel abgeben, würde meine Frau entweder den Container bestellen oder den Tinnef behalten, weil sie emotional mit mir darüber verbunden wäre.

So ist Tinnef nicht gleich Tinnef. Was für den einen wertloser Ramsch ist, ist für den anderen das wertvollste im Leben. Es ist nicht immer gleich wertloser Ramsch und schon gar nicht ein Wort aus dem Ruhrgebiet. Es liegt im Auge des Betrachters.

Jetzt liebe Leser und Leserinnen, seid mal ehrlich zu euch. Wir haben alle irgendwo in der Schublade, im Schrank, in der Vitrine oder im Keller Tinnef stehen, wo ein anderer wiederum sagen würde :“Wat willste mit dem ganzen Tinnef?“

Nach mir die Sintflut! Dann ist es egal, wohin damit. So denken bestimmt alle jetzt. Aber ihr denkt bestimmt anders nun darüber.

Ob etwas Tinnef ist, liegt also manchmal im Auge des Betrachters.

Und das fälschlicherweise genannte Ruhrpottwort Tinnef zeigt, dass die Sprache, der Regiolekt, wie die Sprachwissenschaft das Ruhrdeutsche bezeichnet, viele Begegnungen, Veränderungen und eine lange Reise mitgemacht hat, um in der heutigen Bedeutung nicht nur im Ruhrgebiet gelandet zu sein.

Fazit

Tinnef stammt nicht vom Ruhrpott, nicht aus einer Arbeitersiedlung oder aus dem tiefen Stollen eines Bergwerks, sondern hat seine Wurzeln in der alten hebräischen Sprache und wurde durch Handelswege zu uns gebracht. Vom Schmutz und Dreck hin zu Kitsch und Unsinn.

Die Ruhrpottler haben sich das Wort mit einem eigenen Klang angeeignet in der Umgangssprache. Im Ruhrgebiet fühlt es sich an, als stammt es von hier!

Dat is kein Tinnef. Ich behaupte es auch nich, sondern so iset!

Glück auf

Weiterführende Links zum Wort „Tinnef“ :

Duden – Bedeutung, Rechtschreibung und Herkunft

Der Duden erklärt die Bedeutungen „wertloses Zeug“ und „Unsinn“ sowie die Herkunft aus dem Jiddischen und Hebräischen.

Jüdische Allgemeine – „Billiger Tinnef“

Ein ausführlicher und lesenswerter Beitrag über die sprachliche Entwicklung des Wortes vom Hebräischen über das Jiddische bis in die deutsche Umgangssprache.

Ruhrgebietssprache.de – Tinnef im Ruhrdeutschen

Hier wird „Tinnef“ als Ausdruck für dummes Zeug und Unsinn im Sprachgebrauch des Ruhrgebiets vorgestellt.

Wiktionary – Bedeutung, Aussprache und Synonyme

Der Eintrag enthält Bedeutungen, Aussprache, grammatische Angaben, Synonyme und Übersetzungen.

Duden – Synonyme für Tinnef

Eine Übersicht über ähnliche Begriffe wie Kram, Plunder, Ramsch oder Schund.

Jüdische Allgemeine – Sprachgeschichten

Eine Sammlung über deutsche Alltagswörter mit hebräischen oder jiddischen Wurzeln, darunter auch „Tinnef“, „Zoff“, „meschugge“ und „Tacheles“.

Flaschengefühle in der Nachhaltigkeitszentrale Bochum – Ausstellung, Vortrag, Workshop und Podcast von Ruhrpottologe André Brune

Was sagt eine weggeworfene Flasche über unsere Gesellschaft aus, die oft überall in unseren Städten zu finden sind?  Wenn Flaschen könnten Geschichten erzählen über Gefühle, die gerade erlebt wurden. Deswegen gibt es das Kunstaktionsprojekt „Flaschengefühle“. Dazu lade ich mit Bochum Marketing in die Nachhaltigkeitszentrale Bochum, Kortumstraße 93, ein mit einer Ausstellung, einem Workshop, einen Vortrag und einen Live-Podcast zum Thema Vermüllung der Stadt.

In der Fotoausstellung zeige ich alltägliche Stellen in verschiedenen Städten, die durch eine oder mehrere Flaschen den öffentlichen Raum verändern.
Im Rahmen des Nachhaltigkeitsjahres 2026 der Stadt Bochum wird die Ausstellung vom 21. bis 24. Juli 2026 in der Nachhaltigkeitszentrale an der Kortumstraße 93 gezeigt. Das Nachhaltigkeitsjahr steht unter dem Motto „Ideen für morgen. Von hier aus.“ und möchte Nachhaltigkeit für alle Menschen erlebbar machen. (Bochum Marketing GmbH)

Mehr als Müll – Fotografien mit einer Botschaft

Jeden Tag laufen wir an Flaschen vorbei. Manche stehen ordentlich auf einer Mauer, andere liegen achtlos im Gebüsch, auf Gehwegen oder in Grünanlagen. Die meisten Menschen nehmen sie kaum noch wahr. Viele meinen, dass sie was gutes Tun mit liegengelassenen 15 Cent, die in diesem Moment jedoch stehengelassener Müll ist und eigentlich ein Bußgeld gefordert werden müsste.

Genau hier setzt „Flaschengefühle“ an.

Jedes Foto zeigt nicht nur eine zurückgelassene Flasche, sondern erzählt eine Geschichte über unseren Umgang mit Ressourcen, Verantwortung und dem öffentlichen Raum. Die Bilder laden dazu ein, über Konsum, Wegwerfmentalität und Nachhaltigkeit nachzudenken. Sie machen deutlich, dass bereits kleine Entscheidungen jedes Einzelnen Einfluss auf das Erscheinungsbild unserer Städte und auf unsere Umwelt haben.

Vernissage am 21. JuliVernissage Flaschengefühle in der Nachhaltigkeitszentrale Bochum

Ab 12 Uhr werden die Bilder aufgehängt und bleiben bis zum 24.7. hängen. Die offizielle Vernissage findet am Dienstag, 21. Juli 2026, von 14 bis 16 Uhr statt.

Dabei stellt André Brune die Idee hinter dem Projekt vor und berichtet, wie die Fotografien entstanden sind. Besucherinnen und Besucher erhalten einen Einblick in die Hintergründe der Ausstellung und können mit dem Künstler über Nachhaltigkeit, Stadtbild und Umweltbewusstsein ins Gespräch kommen.

Mitmachen statt nur Zuschauen

Am Freitag, 24. Juli, wird die Ausstellung durch ein abwechslungsreiches Mitmachprogramm ergänzt. Denn es gibt nicht nur Fotos, sondern mit Müll kann auch Kunst entstehen.

Von 12 bis 15 Uhr findet der Workshop „Flaschengefühle – Aus Müll wird Kunst“ statt.

Nach einem gemeinsamen Rundgang durch die Bochumer Innenstadt sammeln die Teilnehmenden Eindrücke darüber, wie achtlos entsorgte Abfälle das Stadtbild verändern. Anschließend entstehen aus vorbereiteten Wertstoffen und Draht kreative Kunstwerke, die bekannte Bochumer Sehenswürdigkeiten darstellen. So wird aus vermeintlichem Müll ein neues Kunstobjekt – ganz im Sinne des Upcyclings.

Der Workshop richtet sich an alle Altersgruppen und zeigt auf anschauliche Weise, dass Nachhaltigkeit nicht Verzicht bedeuten muss, sondern Kreativität fördern kann.

Vortrag: Warum Müll mehr ist als ein Sauberkeitsproblem

Im Rahmen des Projekttages gibt es außerdem einen Vortrag über die Vermüllung unserer Städte.

Dabei verbindet er seine Erfahrungen als gelernter Ver- und Entsorger der Fachrichtung Abfalltechnik mit zahlreichen Beobachtungen aus seiner langjährigen Tätigkeit als Fotograf, Gästeführer und Ruhrgebietsblogger, sowie auch vor der eigenen Haustür.

Der Vortrag zeigt,

  • warum achtlos weggeworfener Müll enorme Kosten verursacht,

  • welche Auswirkungen Vermüllung auf Mensch und Natur hat,

  • weshalb Mehrweg und Recycling wichtige Bausteine nachhaltigen Handelns sind,

  • und wie jeder Einzelne dazu beitragen kann, Städte sauberer und lebenswerter zu gestalten.

Podcast-Talk mit Politik und Verantwortlichen

Den Abschluss bildet am 24. Juli von 17 bis 18:30 Uhr ein öffentlicher Podcast-Talk unter dem Titel:

„Flaschengefühle – Gemeinsam für ein sauberes Bochum“

Mit Vertreterinnen und Vertreter aus Politik sowie Verantwortliche aus Bochum diskutiere ich gemeinsam über Fragen wie:

  • Wie sauber soll Bochum in Zukunft sein?

  • Welche Verantwortung tragen Politik, Verwaltung und Bürger?

  • Wie können Ressourcen besser geschützt werden?

  • Welche Ideen lassen sich gemeinsam umsetzen?

Die Gesprächsrunde soll nicht nur Probleme benennen, sondern vor allem Lösungsansätze entwickeln und Menschen zum Mitmachen motivieren.

Nachhaltigkeit beginnt im Alltag

„Flaschengefühle“ zeigt eindrucksvoll, dass Nachhaltigkeit nicht erst bei großen politischen Entscheidungen beginnt, sondern bei uns selbst!

Sie beginnt dort, wo wir täglich unterwegs sind – auf Gehwegen, in Parks, auf Plätzen oder an Bushaltestellen.

Jede aufgehobene Flasche, jede bewusste Kaufentscheidung und jeder achtsame Umgang mit Ressourcen, sowie die Mitnahme unseres eigenen Mülls, den wir produzieren, zum Beispiel beim Grillen an der Ruhr, kann dazu beitragen, unsere Städte lebenswerter zu machen.

Die Ausstellung verbindet Kunst mit Umweltbildung und macht deutlich, dass Fotografien oder auch andere Kunstinstallationen Denkanstöße geben können – leise, aber wirkungsvoll.

Veranstaltungsübersicht

Fotoausstellung „Flaschengefühle“
📅 21.–24. Juli 2026 

Freier Eintritt jeden Tag zwischen 12 – 16 Uhr

Vernissage
📅 21. Juli 2026
🕑 14:00–16:00 Uhr

Workshop „Aus Müll wird Kunst“
📅 24. Juli 2026
🕛 12:00–15:00 Uhr

Podcast-Talk „Gemeinsam für ein sauberes Bochum“
📅 24. Juli 2026
🕔 17:00–18:30 Uhr

📍 Nachhaltigkeitszentrale Bochum
Kortumstraße 93
44787 Bochum

Weiterführende Informationen

Weitere Informationen zum Nachhaltigkeitsjahr 2026 sowie zum Veranstaltungsprogramm der Nachhaltigkeitszentrale finden Sie auf den Seiten von Bochum Marketing und Bochum Tourismus:

Fotos sind Screenshots vom Veranstaltungskalender von Bochum Tourismus: Veranstaltungskalender – Bochum Tourismus

Persönliche Anmerkung: Die tun ganz schön viel für die Stadt Bochum! Respekt!

Revierkunst 2026 – Kreative Visionen in der Henrichshütte Hattingen I +Fotos I +Video mit Interviews

Seit 2012 gehört Revierkunst zu den wichtigsten Messen für zeitgenössische Kunst im Ruhrgebiet, die in historischer Industriekulisse im Revier gezeigt werden. Diesmal waren es 600 Werke von 77 Künstlern auf 3000 m² im Gebläsehaus der Hattinger Henrichshütte, dort wo einst Hochöfen glühten und Stahl produziert wurde.

Jede Stilrichtung war so unterschiedlich bis ungewöhnlich, auch nachhaltig und regte zum Nachdenken an. Ich war zum ersten Mal da, wollte einfach nur gucken, doch dann konnte ich nicht anders und hab bis der Akku alle war, spontan Interviews geführt. Mir ging es nicht um die Tontechnik, sondern um die Begeisterung einzufangen:

Als wir die historische Henrichshütte in Hattingen betreten, wird schnell klar: Die Revierkunst ist weit mehr als eine klassische Kunstausstellung. Zwischen den gewaltigen Industriehallen begegnen sich Vergangenheit und Zukunft, Industriekultur und moderne Kunst, Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung. Der Rundgang ist eine Entdeckungsreise durch die Gedankenwelt von Künstlerinnen und Künstlern, die das Ruhrgebiet mit ihren Werken bereichern.

Bisher war ich noch nie dort, weil sich das zeitlich nicht ergeben hat. Meine Frau Ewa war ebenfalls begeistert. Wir trafen dort eine bekannte polnische Künstlerin, die wir aus der Bochumer Deutsch-Polnischen Gesellschaft kennen.

Monika Natalia Mazur (rechts) stellte ihre großen gehörnten Portraits vor. Da sie in Italien lange Zeit lebte, nennt sie diese Werke Cornuti. Im übertragenen Sinne ein Hahnrei. Die gehörnten Frauen, die in der Ehe betrogen wurden.


Chronik der Revierkunst

Einer der wichtigsten Messen für zeitgenössische Kunst in Deutschland ist die Revierkunst im Ruhrgebiet geworden. Die Kulisse ist immer eine ehemalige Industrieanlage, um die Kunst auf eine besondere Weise erlebbar zu machen.

2012 – Der Anfang

In der Zeche Carl war der Startschuss mit dem Ziel Künstler und Künstlerinnen aus dem Ruhrgebiet eine Plattform zu bieten und sie über den Ruhrpott hinaus bekannt zu machen. Mit dem historischen Kontext der Industriekultur wurde das zu einer großen Kunstmesse, die Galeristen und weitere Künstler und Künstlerinnen anzog, um auszustellen und auch gekauft zu werden.

Revierkunst wurde zur Marke in Sachen Kunst im Ruhrgebiet und zog Besucher aus Nah und Fern an. Sie war unter anderem in der Rotunde, dem „Alten Katholikenbahnhof“ in Bochum 2013 und 2014.

In den zwei darauffolgenden Jahren wurde das Alte Museum am Ostwall für drei Tage genutzt, weil das Haus durch den Umzug der expressionistischen Werke ins Dortmunder U umgezogen ist. Der Abriss drohte, doch es wurde durch eine Bürgerinitiative verhindert. Heute ist das Bauhaus – Archiv seit 2016 drin.

Von 2017 bis 2020 wurde in der Hertener Zeche Ewald in den Räumen der Schwarzkaue, Lohnhalle und Lampenstube  auf 2000 qm eine Kunstzone.

Seit 2021 ist es nun regelmäßig in dem LWL-Museum Henrichshütte in Hattingen in der Gebläsehalle, der alten Maschinenhalle und den darunterliegenden Katakomben mit einer Gesamtfläche von 3000 qm.

10000 Menschen arbeiteten auf dem riesigen Gelände. Heute kommen an einem Wochenende nochmal diese Anzahl zusammen, um Kunst zu bestaunen.


Revierkunst – Wo Industriekultur auf zeitgenössische Kunst trifft

Zwischen harter Arbeit, Rauch und Ruß entstanden schon früh besondere Kunstwerke, die über das Ruhrgebiet hinaus bekannt wurden. Viele Künstler sind über die Grenzen auch berühmt geworden. Kunst und Industrie passte immer schon ins Ruhrgebiet. Durch den Strukturwandel zwischen den stillgelegten Industrieflächen von ehemaliger Kohleförderung und Stahlherstellung entsteht, wie aus einem Phoenix aus der Asche ein Kessel Buntes. Der große Reiz in der Henrichshütte ist die lebendige Kunstszene vor Ort, die bei diesem Kunstevent zeigt, wie eng Kunst, Arbeit, Leben im Ruhrgebiet beieinander liegt und wie es miteinander verbunden ist.

Kunst anders erleben

Bei „Revierkunst“ werden nicht die sterilen Ausstellungshallen genutzt, sondern außergewöhnliche Orte der Industriekultur, die gleichzeitig eine Bühne für die zeitgenössische Kunst werden. Einst ratterten Maschinen und die Stahlkappenschuhe schlurften über den harten Betonboden. Heute laufen in schicken Schuhen und Sandalen Menschen aus allen Altersklassen durch die heiligen Hallen ehemaliger Arbeit und schauen sich Skulpturen, Malereien, Fotografien, Installationen und digitale Kunst an.  

Dabei wird die industrielle Kulisse ein Teil des Kunsterlebnisses vor verrosteten Hebeln, Rohren und analogen Anzeigen. Die modernen Kunstwerke werden zu einem starken lebendigen Kontrast zur alten toten Industrie. Hier werden Entdeckungen gemacht, wie bei einem Chemielaborant, der neue Elemente für das Periodensystem im Reagenzglas findet.

Die kreative Seite des Ruhrgebiets

Revierkunst ist eine Bühne für die Kunstschaffenden der Region und darüber hinaus. Sie ist eine Plattform, um sich einem breiteren Publikum zu zeigen, als in einer kleinen Galerie. Hier ist das Zeigen und Gesehen werden ein wichtiger Schritt für alle Teilnehmenden zwischen Tradition und Innovation auf zu neuen kreativen Höhen. Kunst zum Anfassen, lebendig und nahbarer als es bei den vorhandenen klassischen Museumsräumen der Fall ist.

https://findart.cc

Industriekultur als Inspirationsquelle

Die Themen sind vielfältig: Wandel, Identität, Arbeit, Migration oder das Verhältnis von Mensch und Umwelt. Die industrielle Vergangenheit dient dabei häufig als Inspirationsquelle. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Arbeiten den Blick in die Zukunft und verdeutlichen, wie vielfältig sich das Ruhrgebiet heute präsentiert.

Entdecke die kreative Seite beim kulturellen Aushängeschild des Reviers

Das Revier hat sich in den letzten 150 Jahren immer wieder neu erfinden müssen. Revierkunst bietet jährlich eine Verbindung der Geschichte, aus Vergangenheit, Gegenwart und auch die Zukunft. Wer das Ruhrgebiet verstehen möchte, sollte nicht nur Fördertürme und Halden besuchen, sondern auch die kreative Seite entdecken, auch wenn man nicht viel für Kunst übrig hat. Es macht Geschmack auf mehr Kunstlandschaften, die das Ruhrgebiet bunter gemacht haben und das Ruhrgebiet mit den ein oder anderen Veranstaltungen über die Region hinaus Beachtung schenkt.

Mehr Infos:

https://revierkunst.com

Instagram: @revierkunst

Facebook: revierkunst

Der Gang durch die Ausstellung in der Henrichshütte

Auf ging es durch die erste Halle nach der Schlange an der Kasse, die ein ständiger musealer Bereich ist, den ich immer noch nicht besucht hatte. Ein paar Treppen höher stachen mir schon Superhelden ins Auge, die ich mag: Superman und Batman, aber in einer anderen comichafter Form, als ich sie kenne. Ein dickgewordener Superman, der auf seinen Bierbauch stolz ist und darauf erstmal eine Dose Red Bull trinkt. Darauf zu kommen sie mit modernen Problemen zu mixen und sie entsprechend normal wirken lassen, fand ich genial. Oder was ist, wenn Pippi Langstrumpf plötzlich Drogenabhängig werden würde. Es wäre nicht mehr die heile Kindheitswelt, die wir von Astrid Lindgren kennen, sondern die Hoffnung, dass sie aus dem Sumpf wieder rauskommt. Von Batmans 50 Shades of Grey mit Catwoman wollen wir gar nicht erst diskutieren. Haben Superhelden eine spezielle Form von Sexualität oder gar keine? Sebastian Kaufhold aus Bochum hat auf jeden Fall einen richtigen Riecher in Sachen Umgang mit dem Mainstream auf ironische satirische Weise.

Es folgte ein Fotokünstler, der zum vierten Mal dabei war. Michael Grigat setzt sich zeitkritischen mit der  Gegenwart auseinander.

Die Fotos aus der Reihe „Der Ewige Kreis“ zeigt ein Muster. Er reduziert, direkt und ohne Auflösung, sondern Reibung, so steht es in seiner Beschreibung. Seine Fotos kratzen nicht nur an der Oberfläche, sie reiben einen die Schuppen von den Augen.

Macht verschwindet nicht. Sie verändert nur ihr Gesicht. Was als Fortschritt erscheint, ist oft nur eine Verschiebung. Was überwunden scheint, kehrt in anderer Form zurück. So stellt er seine Fotokunst vor.

Die Fotos zeigen Hitler scheinbar als Transmensch. Der übergroße Bart mit dem rechten Scheitel, ein böser Blick und dann kommt auf die Beine eine Strapse, die den brutalen Diktator in einem anderen Licht erscheinen lässt. Hat er damals vielleicht Eva Brauns Strapse in einer einsamen Stunde angezogen, um sich vor dem Spiegel ganz locker zu machen?

Die sprühende Ironie der Bilder ist eher die Ironie der Geschichte, die sich in anderer Form wiederholt, wie schon erwähnt.

Mehr über Michael Grigat aus Datteln könnt ihr hier erfahren:

@moorpicture – Instagram

@ruhrpotzblitz  – Instagram

https://moor-picture.de

Ruhrpott in 3D von Michael Wienand

Eindrucksvoll waren auch die 3 D-Kunstwerke von Michael Wienand. In den kleinen Rahmungen wurden filigran kleine Illustrationen zu einem ganz großen Bild zusammengefügt. Auch die Henrichshütte kam vor.

Viele Interessierte schauten sich die Kunstwerke an und schwelgten in Nostalgie, wie bei dem Bild über die Bude, den Hinterhof mit einem Manta oder bei Omma zu Hause.

Die Technik besteht aus Aquarellierte Tuschezeichnungen auf Karton, die dann ausgeschnitten werden und dann zu dieser Tiefenoptik zurechtmontiert werden.

Michael Wienand ist mehrere Jahrzehnte als Bühnen- und Museumbildner unterwegs gewesen und greift den Alltag der Menschen im Revier auf, um sie in einem kleinen Kosmos wiederfinden zu können. Was so einfach aussieht, kann die Arbeit dahinter nur erahnen.

Diese Kunstwerke sind ein Alleinstellungsmerkmal mit viel Ruhrpott-Gefühl vom Dortmunder Künstler und können in seinem Atelier angesehen und gekauft werden:

https://atelier-wienand.de

@michaelwienand • Instagram

Hermann Bentrup nutzt Speermüll in Postkartengröße

Der autodidaktische Künstler Hermann Bentrup aus Rech macht Mal-Schichtarbeiten auf Postkartengröße, die aus Sperrmüll, also Rückplatten von alten Möbelstücken, bestehen.

Der Inhalt ist entscheidend: Die Motive sind hauptsächlich Landschaften und können theoretisch auch als besondere Postkarte in die Welt geschickt werden. Besser ist es allerdings die eigenen vier Wände damit zu schmücken.

Hermann Bentrup hat 2021 mit Malereien und Fotografien die dramatischen Veränderungen des Ahrtals künstlerisch festgehalten.

Zur Zeit hat er ein aufrüttelndes Projekt in Rheinbach: Demokratie liegt uns zu Füßen. Der Kerngedanke ist, dass Demokratie kein Zustand ist, sondern immer in Bewegung. Mit knalligen orangen Farben sorgt er mit Schablone und Sprühfarbe auf den Wegen, ob wir stehenbleiben und drüber nachdenken, wie wir mit ihr umgehen oder einfach ignorieren würden.

https://docb-mabl.de

www.blick-aktuell.de/Bad-Neuenahr/Hermann-B-dokumentiert-mit-Kunst-den-Wandel-im-Ahrtal-nach-der-Flut-659002.html

www.rheinbach.de/kunst-findet-stadt/outdoor-ausstellung/dr-hermann-bentrup

@hermannbentrup • Instagra

Fatia Pindra hat einen politischen Blick

Die 1971 geborene Düsseldorferin schuf ein dreiteiliges Werk über schwarze Lebensrealitäten im Nationalsozialismus. Der Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung waren Recherchen über Schwarze Menschen im Nationalsozialismus für ihre Magisterarbeit in Geschichte. Sie befasst sich als politische Künstlerin auch mit Femiziden auseinander. Auch die Frage, ob Menschen mit anderer Hautfarbe zu Deutschland gehören, nimmt sie künstlerisch um mit ihrer Tufting-Kunst.


Was ist Tufting?

Auf einem groben Leinwandstoff wird mit verschiedenen Tufting-Geräten eingewoben. Eine manuellen „Tufting-Pistole“ schießt sozusagen Fäden in den gespannten Tufting-Stoff. So entstehen durch die einzelnen Fäden große textile Kunstwerke.


Sie zeigt auf dem Werk Dorothea Katharina Leyseck, die eine Tochter eines afroamerikanischen Zirkusbesitzers und einer weißen Deutschen war. Sie musste sich als Deutsch-Südwestafrikanerin ausgeben, um unter den Nazis zu überleben. Trotzdem wurde sie zur Zwangsarbeit in einer Fabrik eingesetzt.

Ludwig M´bebe Mpessa, der unter dem Pseudonym Louis Brody ein bekannter Schauspieler war. Er wirkte in 30 Filmen mit. Er überlebte das Regime der Nazis, weil er immer wieder besetzt wurde für koloniale Filmproduktionen oder wurde bei der staatlich kontrollierten „Deutsch-Afrika-Show“ eingesetzt. Wie seine Psyche aussah, hätte ich gern erfahren.

Ulfo Peters wurde 1934 in Hamburg geboren. Sein Vater Afrikaner, seine Mutter war deutsche Ärztin und überlebte den Krieg. In der Nachkriegszeit war er ein erfolgreicher Amateurboxer.

Für Fatia ist die Kultur eine Waffe des Widerstands und zeigt es auf ihren besonderen Tufting-Kunstwerken. Starke politische Botschaften waren in der Ausstellung eher rar. Fatia hat hier ein Alleinstellungsmerkmal in der Ausstellung, wo Menschen im Vordergrund stehen, die unterdrückt wurden und deren Porträt warm an Wänden hängen kann und gleichzeitig über Macht und Ausgrenzung nachgedacht werden kann. Auch ein Selbstbildnis durch die aktuelle neue Situation von akzeptiertem Rassismus wird durch Fatia nahbar gemacht und lässt einen erstaunten Blick auf die Art der textilen Kunst, aber auch auf das Thema nachdenklich zurück: Bin ich keine deutsche Frau, fragt die schwarze Frau auf dem Tufting-Teppich. Sie ist hier geboren. Hat einen deutschen Pass. Sie hat nur einen anderen Hautton, was für eine gewisse politische Leitlinie eher ein Fall für Remigration sein soll. Aber wohin soll sie geschickt werden? Die Fragen können immer weitergehen, denn die Lösungen sind nicht so einfach. Obwohl hier gebe ich die ganz einfache Antwort: Sie ist eine deutsche Frau.

www.kollektiv-afriknrw.de

@tuftingcreations – Instagram

Information über ihre Magisterarbeit: Hilarius Gilges – Ein Schwarzer Deutscher Düsseldorfer – ermordet von den Nationalsozialisten

Peter Schudde recycelt Elektroschrott zu Star Trek Motiven

Von seinem Vater bekam er eine 2 MB – Platte, die 1975 in einem großen Computer gewirkt hatte, aber irgendwann einfach nicht mehr verwendet werden konnte. Der Speicher war zu klein geworden und dadurch Elektroschrott. Er baute daraus eine Lampe. Ein Totenkopf deutet an, dass die Zeit abgelaufen ist für die alte Festplatte.

Für seine Kunstwerke geht er auf den Schrottplatz und sammelt die wertvollen Stoffe, die sonst eventuell in die Müllverbrennung kommen. Daraus entstehen zum Beispiel ein Kubus, die aus dem Star Trek Universum stammen könnten. Jeden Moment könnten bei Revierkunst die Borgs auftauchen und die Besucher und Besucherinnen assimilieren. Mich hat es Peter schon und bin Feuer und Flamme für das, was der 1973 geborene Groninger aus alten Werkstoffen fabriziert hat.

@peterschudde • Instagram

https://peterschudde.exto.org

Scarlett Schütte verbindet Industrie und Zukunft des Ruhrgebiets

Zusammen mit dem Filmemacher Erwin Wiemer und dem Klangkünstler Frank Röttgen haben sie das einmalige Projekt  eines Verbunds namens Kali´iope aus Video-, Klang- und Robotik, sowie Rauminstallation. Ein faszinierender Blick zwischen Vergangenheit,  in die Gegenwart und Zukunft werfen lässt.

Die Videoinstallation zeigt Motive aus dem Ruhrgebiet: Haldenlandschaften, Autobahnen, die das Revier zerschneiden, und Industrie, die es mal gab und deren Reste den Pott noch prägen. Auf der anderen Seite bewegen sich Quadrate Hin und Her. In der Mitte sind gesammelte Objekte von der Henrichshütte und der Umgebung. Darauf fahren per KI kleine Roboter, die uns zeigen, wie die Zukunft aussehen wird. Wird die KI – Robotik den Menschen ersetzen und auf diesen Wegen ohne uns unterwegs sein, auf dem Gelände der Henrichshütten?

Vor dem Eingang sind Fotografien, die mit UV-Licht einen Stein oder Ast leuchten lässt und die Bilder in einen völlig anderem Licht erscheinen lassen.

Die Installation Kall´iope begeisterte das Publikum.

Raum_Klang_Video_Skulptur_Installation 51,40717° N 7,18790° O Henrichshütte Video:Erwin Wiemer Revierkunstpreis 2023

https://scarlett-schauerte.de/

@scarlettschauerte • Instagram

Frank Röttgen (@ernst_fry) • Instagram

Revierkunst26 – Kulturinfo Ruhr

www.erwinwiemer.de

Erwin Wiemer (@erwinwiemer) • Instagram

Helmut Reinelt wandelt digital Natur in Industrie um

Der aus Bad Honnef stammende Helmut Reinelt nutzt digitale Technik. Er entwirft Naturbilder und wandelt sie danach komplett in Industriekultur um und verbindet so den Strukturwandel.

Er stellt die Frage, wie Menschen die Natur erobern und die Natur wiederum die Industrielandschaft. Ein Rohr ist ursrprünglich ein Baum zum Beispiel. Seit es möglich ist mit digitaler Bildtechnik zu arbeiten, kreiert er diese einmaligen Bilder, auf denen so viele filigrane Entdeckungen zu machen sind.

Helmut Reinelt (@helmutreinelt) • Instagram

https://centouno.art/artists/helmutreinelt

Silja Meise stellt mit textiler Kostümkunst die Zukunft in Frage

Silja war die letzte Interviewpartnerin, bevor der Akku von mir und dem Smartphone leer war. Auch ihre textile Kunst hat ein Alleinstellungsmerkmal. Sie arbeitet mit Textilstoffen, die aus Fundusstücken, abgelegter Kleidung und Textilresten gestaltet werden. Sie fragt sich, wie wir im Jahr 2067 nach der Plünderung unseres Planeten noch modischen Träume konsumieren können.

Für das große Rokoko-Kleid aus Jeansstoffen brauchte sie mehr als zwei Monate. 

@siljameise • Instagram

www.kultur-und-schule.de/de_DE/kuenstler/silja-meise.109446

www.fv-textil.de/hauptnavigation/textiles-netzwerk/textilkuenstler/silja-meise

Kronkorken als fotografisches Mosaik von Henning Leuschner

Nicht jeder Künstler wollte vor die Kamera. So leider nicht Henning Leuschner.

Dennoch blieb mir besonders ein Künstler in Erinnerung, der aus Tausenden von Kronkorken beeindruckende Porträts entstehen lässt. Was mich an meine Kunstrichtung der „Flaschengefühle“ erinnert hat

Seine Arbeiten entstanden ursprünglich in einer Kneipe und sind nun weit über die Region hinaus bekannt.

Selbst juristische Auseinandersetzungen über Urheberrechte konnten seiner Kunst nichts anhaben, denn er verwendet bekannte Fotos prominenenter Personen.

Heute gelten seine Werke als eigenständige Kunstform.

Es gab Skatboards, die statt auf dem Müll zu landen mit Kunst neu interpretiert werden. Gehäkelte Figuren, die aus einer anderen Welt zu sein scheinen.

Holzfiguren, die mit Nägeln ein neues Kleid verpasst bekommen haben.

Übergroße Porträts, die entweder mit bunten Farben in einem anderen Licht erschienen.

Oberkörper, die wie Schinkenstücke an einem Haken hängen.

Alte Straßenschilder, die jetzt für Aufkleber und Graffiti genutzt werden können.

Auf Papiertüten gemalte Kunst.

Jedes Jahr wird auch ein Künstlerpreis vergeben, sowie ein Publikumspreis. 2026 ging der Revierkunst – Künstlerpreis 2026 an
1. Platz: Jule Lucia Companie
2. Platz: Stefan Fuchs
und der Revierkunst – Publikumspreis 2026
1. Platz: Jule Lucia Companie
2. Platz: Anja Werner
3. Platz: Birgit Feil

Leider konnte ich die Gewinner und Gewinnerinnen nicht interviewen.

Fazit

Die Revierkunst 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig die Kunstszene des Ruhrgebiets ist.

77 Künstlerinnen und Künstler präsentierten rund 600 Werke auf 3000 m². Spannender waren jedoch die Geschichten dahinter.

Ob Recycling, Geschichte, Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder gesellschaftlicher Wandel – jedes Gespräch eröffnete einen neuen Blickwinkel. Schade, dass ich nicht alle interviewen konnte.

Gerade diese persönlichen Begegnungen machen die Revierkunst so besonders.

Ich bin mir sicher:

Zur Revierkunst komme ich wieder.

Alle 77 Künstler und Künstlerinnen, die gern alle persönlich gesprochen hätte:

Hermann Bentrup I Rech , Nina Boeing | Duisburg, Toby Bohne | Dortmund, Chris Brackmann | Essen, Sandra Bromm | Frechen, Monika Buchen | Kleve, Helga Budde-Engelke | Mülheim, Sabine Classen | Meerbusch, Rainer Claus | Herne, Jule Lucia Companie | Wuppertal, Heike Denny | Düsseldorf, Melanie Diederichs | Dortmund, Anke Droste | Dortmund, Maria Eggenkemper | Dülmen, Sandra Eisenbarth | Siegburg, Birgit Feil | Leonberg, Claudia Forte | Köln, Stefan Fuchs | Hagen, Annette Goessel | Berlin, Michael Grigat | Dorsten, Nicolé Hager | Köln, Rosa Hahn | Pforzheim, Hansini | Hattingen/Ruhr, Meinolf Jan Holland | Bornheim, Annette Jellinghaus | Gevelsberg, Markus Jöhring | Recklinghausen, Stefanie Kamrath | Dortmund, Sebastian Kaufhold | Bochum, Rolf Klaer | Witten, Sandra König | Kreuztal, Rolf Kuhlmann | Köln, Christopher Lensing | Bochum, Henning Leuschner | Köln, Anja Lorenz | Essen, Michael Maas | Essen, Katja Marciniec | Oberhausen, Nina Markes | Aachen, Kinga MaryN | Bonn, Monika Mazur | Bochum, Marion Meinberg | Hamburg, Silja Meise | Hagen, Michael Wienand | Dortmund, Christian Partl | Essen,
Irena Paskali | Köln, Przemyslaw Perschke | Altlay, Svenja Peters | Löhne, Karina Pietrucha | Bottrop, Fatia Pindra | Hagen, Nicole Prinz | Recklinghausen, Rolf Puschnig | Dorsten, Anna Raba | Riedstadt, Aline Regese | Düsseldorf, Jakob Reh | Löhne, Helmut Reinelt | Bad Honnef, Heinegans Rita | Düsseldorf, Olli Rose | Essen, Frank Röttgen | Köln, Heribert Röttger | Dortmund, Scarlett Schauerte | Essen, Susanne Scheidle | Gelsenkirchen, Peter Schudde | Leermens, NL, Valentin Schumacher | Köln, Ela Schwartz | Aachen, Andrea Sparka | Essen, Astrid Steckel | Köln, Wilma Stegeman | Appeldoorn, Stefan Stichler | Frankfurt-Düsseldorf, Ljuba Stille | Köln, Peter ten Lohuis | Appeldoorn, Beni Veltum | Gelsenkirchen, Sara Wandhoff | Bochum, Manfred Wendel | Alpenrod, Anja Werner | Plauen, Erwin Wiemer | Essen, Marina Wittemann | St.Ingbert, André Yuen | Dortmund, Ali Zulfikar | Köln, Zupa | Hattingen

Aber vorher könnt ihr noch die Kunstwerke von 2026 genießen.

(Alle Fotos (c) André Brune):

Entrüstung im Quasselkommpott I Ruhrgebiet erklärt #39 I +Podcast I +Videopodcast

Zwischen Geschichte, Strukturwandel und dem ganz normalen Wahnsinn

Ruhrgebiet erklärt – Quasselkompott Folge 39

Zwischendurch muss auch mal debattiert, ausgekotzt und gemeckert werden. Im lockeren Gespräch zeigen wir, was das Ruhrgebiet eigentlich ausmacht: Ehrliche Diskussionen, unglaubliche persönliche Geschichten, ein Blick zurück in die Vergangenheit und natürlich jede Menge aktuelle Themen.

Genau darum geht es im neuesten Quasselkompott von Ruhrgebiet erklärt, das wir alle paar Wochen machen zum Ausruhen. 

Wir springen von Thema zu Thema – ganz so, wie es bei einem guten Gespräch am Küchentisch eben passiert.

1962 – Als das Ruhrgebiet Arbeitskräfte brauchte

Anfangs nehmen wir nach längerem Ausfall uns wieder die Chronik des Ruhrgebiets vor und schauen kurz ins Jahr 1962. Damals herrschte nahezu Vollbeschäftigung. Die Industrie suchte händeringend Arbeitskräfte, weshalb tausende sogenannte Gastarbeiter durch Werbung im Ausland, aus Italien, Spanien und Griechenland ins Ruhrgebiet kamen.

Viele arbeiteten unter schwierigen Bedingungen. Sprachbarrieren, schlechte Unterkünfte und Vorurteile gehörten leider oft zum Alltag. Gleichzeitig wurde deutlich, wie unverzichtbar diese Menschen für den wirtschaftlichen Erfolg des Ruhrgebiets waren.

Ein Thema, das – so stellen die beiden Podcaster fest – auch heute noch erstaunlich aktuell wirkt.

Persönliche Erfahrungen mit Vorurteilen

Eindrucksvoll wird die Folge, als Jack Tengo von einem eigenen Erlebnis berichtet.

Bei einem Vorstellungsgespräch wurde er aufgrund seines Nachnamens zunächst für einen ausländischen Bewerber gehalten. Noch bevor überhaupt über seine Qualifikationen gesprochen wurde, ist er ein Pole, der für die Firma wahrscheinlich Fördergelder hätte geben können als billige Arbeitskraft. Vorurteile sind nicht nur bei ihm, sondern passieren jeden Tag, auch im Multikulti-Ruhrgebiet.

Eine Geschichte, die zeigt, dass Diskriminierung nicht nur ein historisches Thema ist, sondern viele Menschen auch heute noch betrifft.

Wenn Social Media zum Minenfeld wird

Ein weiteres Thema ist mein Video, in dem ich einen illegal angebrachten politischen Aufkleber von einem Verkehrsschild entferne, und dafür von Rechts einen Shitstorm ernte. 

Die Folge:

  • zehntausende Aufrufe
  • tausende Kommentare
  • heftige Diskussionen
  • zahlreiche persönliche Angriffe

Dabei geht es weniger um Parteipolitik als um die Frage, wie respektvoll gesellschaftliche Diskussionen heute noch geführt werden können und dass nun mal nach dem Straßenverkehrsrecht §33 keine Verkehrsschilder, egal von welcher Partei oder einem Fußballverein, Aufkleber beklebt werden dürfen..

Strukturwandel hört niemals auf

Natürlich kommt auch das Ruhrgebiet selbst nicht zu kurz.

Gesprochen wird unter anderem über:

  • den Abriss markanter Fördergerüste, wie der drohende Abriss von Zeche Ewald Schacht 3 in Oer – Erkenschwick oder Schacht Lerche, dem Golfschläger.
  • den Wandel ehemaliger Zechenflächen
  • neue Gewerbegebiete
  • Wasserstoff- und Energiethemen
  • den Erhalt bergbaulicher Denkmäler

Wir wollen im Podcast deutlich machen :

Der Strukturwandel ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern findet bis heute jeden Tag statt.

Fußball, Podcasts und Ruhrpott-Alltag

Zwischendurch wird es typisch Ruhrgebiet:

  • Schalke 04
  • Rot-Weiss Essen
  • Oberhausen
  • neue Ruhrgebiets-Podcasts
  • Barrierefreiheit
  • Vereinsarbeit
  • Kunst im Ruhrgebiet
  • Bauernmarkt statt Supermarkt

Gerade diese Mischung macht den Reiz des Quasselkompotts aus. Man weiß nie genau, wohin das Gespräch führt – langweilig wird es nie.

Fazit

Unser Quasselkommpott ist keine klassische Geschichtsstunde.

Er ist vielmehr ein Blick auf das Ruhrgebiet, wie es wirklich ist mit Erinnerungen, Veränderungen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen.

Zwischen Humor und Ernst entsteht ein Gespräch, das zeigt, dass Geschichte nie abgeschlossen ist, sondern bis heute nachwirkt.

Wichtige Links zu den angesprochenen Themen:

Chronik-Thema 1962: Gastarbeiter im Ruhrgebiet
Industriekultur & Strukturwandel
Empfohlene Podcasts
Zwischen Pütt und Pilsken
 
Deutschland 33/45 – Der Geschichtspodcast
Kunst & Kultur
Kunstgemeinschaft Bottrop 1969 e.V.
 
RWW – Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft
 
Barrierefreiheit
Barrierefrei – Sei mit dabei e.V.
 

Im Gespräch erwähnt

 
Herbert Grönemeyer
 
Hape Kerkeling

Ruhrgebiet entdecken

  •  Route Industriekultur 
  •  Zeche Zollverein 
  •  Bochumer Verein 
  •  Schacht Lerche 
  •  Kraftwerk Scholven 
  •  Zeche Westerholt 
  •  Zeche Ewald 
  •  Rot-Weiss Essen 
  •  FC Schalke 04 

Stolpersteine Ruhrgebiet – Das umstrittene Video auf Facebook:

https://www.facebook.com/share/r/1DCjtjzpUk/

Der Paragraph:

§ 33 StVO: Verkehrsbeeinträchtigungen – Bußgeldkatalog 2026

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Im Podcast erwähnt
Ruhrgebiet erklärt
 
Ruhrpottologe
Ruhrpottologe bei Patreon
Hitradio Ruhr
 

Glück auf!

André Brune & Jack Tengo
Ruhrgebiet erklärt 🎙️🖤⚒️

Herten & Gelsenkirchen ihre Zeche Westerholt I Ruhrgebiet erklärt Folge 38 I +Podcast I +Videopodcast I +Videos

Das Bergwerk Lippe hat zwei Städte verbunden: Herten und Gelsenkirchen. Die Zeche Westerholt war weit über 100 Jahre ein Schwergewicht von Zeche und prägte den Gelsenkirchener Norden mit der Kokerei Hassel und den Stadtteil Westerholt und machte auch Herten dadurch zu einer Stadt durch den Zuzug von Bergleuten. Wir erzählen die bewegende Geschichte und die Zukunft des alten Zechengeländes, das transformiert zu Neue Zeche Westerholt in unserem Podcast:

Gerade der Blick auf das Gelände der ehemaligen Zeche Westerholt kann das Ruhrgebiet wunderbar erklären. Sie liegt genau auf der Grenze von Herten und Gelsenkirchen. Sie ist ein Ort der gemeinsamen Geschichte von Aufstieg zur Stadt unter Arbeit und der Modernisierung der Abbautechnik, wie auch den Niedergang und Neustart. Sie erzählt mit ihren denkmalgeschützten Mauern und Fördergerüsten die Geschichte vom Start in eine neue Zukunft, wie sie nun heute auch neu und von beiden Städten gemeinsam geschrieben wird mitten im Revier.

Die Alte und die Neue Zeche Westerholt wird mit Jack Tengo gemeinsam in Folge 38 und der siebten und vorerst letzten Folge über Herten mit Humor das spannende Strukturwandelprojekt im nördlichen Ruhrgebiet erklärt.

Eine Zeche zwischen zwei Städten

Die Zeche Westerholt war eine Besonderheit. Während viele Bergwerke klar einer Stadt zugeordnet werden konnten, verlief hier die Stadtgrenze mitten durch das Zechengelände. Schacht 1 stand sogar direkt auf der Grenze zwischen Herten-Westerholt und Gelsenkirchen-Hassel. Über mehr als 100 Jahre wurde hier Steinkohle gefördert, bevor 2008 endgültig Schicht im Schacht war. Damit endete zugleich die aktive Bergbaugeschichte in Gelsenkirchen Die letzte Lore kam exakt am 19. Dezember heraus und teilte neben Herten nun auch Gelsenkirchen: Der Start für was neues beginnt.

Doch der Start aus dem riesigen Gelände etwas neues zu gestalten dauerte lange. Erst 2026, also erst 18 Jahre später wurden von der Bundesregierung und vom Land Nordrhein-Westfalen 56 Mio Euro locker gemacht worden, um endlich den Identifikationspunkt und das Lebenszentrum für tausende Familien eine neue zukünftige positive Perspektive für sie zu schaffen. Der Umbau zu NEUE ZECHE WESTERHOLT mit Gewerbe, mit verbindenden Straßen für Westerholt und Hassel. Ein offenes Gewerbegebiet mit Firmen, Event, Kunst und Bühne, Hotel und Nachhaltigkeit, Aussichtsturm und Restaurants. In einigen Jahren wird man hier ein neues Gelände sehen, das mit den alten denkmalgeschützten Gemäuern eingebunden wurde. 

Noch heute finden sich in den angrenzenden Stadtteilen auf Gelsenkirchener, wie auch der Hertener Seite, viele typische Arbeitersiedlungshäuser aus der Zeit des großen Starts des Kohleabbaus vor Ort. Hier gründeten sich auch Vereine, hier siedelten Gastarbeiter sich an, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angeworben wurde und auch ihren muslimischen Glauben mitbrachten.

Westerholt und Hassel – Mehr als nur Zechenstandorte

Wie im Podcast vorher schon erzählt und auch gezeigt kann nur wenige Minuten von der Zeche entfernt durch den alten historischen Dorfkern mit seinen engen Gassen in Westerholt gelaufen werden. Neben der Zeche sind in beiden Stadtteilen viele schöne typische Zechenhaussiedlungen erhalten, die es lohnt zu entdecken. Hier bestimmte die Kohle den Lauf des Alltags.

Hier zwischen den Stadtteilen entsteht zwischen Industriekultur und Naturflächen eine neues Zukunftsprojekt. Das ist das Ruhrgebiet im Kleinformat.

Vom Förderkorb zum Zukunftsquartier

Wo früher abgeteuft, die Erde nach oben gebracht wurde, ist heute Schluss. Irgendwann ist das nun mal zu Ende und dann steht die Frage im Raum für jeden: Was wird aus dem Gelände? Und was mit den Menschen, die dort gearbeitet haben?

Die historischen Gebäude sollen erhalten bleiben. Was den Bergmann beim Rein- und Rauskommen vonne Schicht geprägt hat, bleibt erhalten. Doch hier entsteht neues Arbeiten und Wohnen mit nachhaltigen Energieprojekten. Es wird ein spannendes interkommunales Strukturwandelprojekt im Ruhrgebiet.

Die Zeche, der ehemalige Malocherort von Herten und Gelsenkirchen, bleibt eine Verbindung beider Städte und schafft Raum auf den ehemaligen Fließband und Transportschienen, Holzlagerplätzen, Lagerhallen und Werkstätten. Hier entstehen neue Begegnungsorte und Wohnquartiere. Herten und Gelsenkirchen wachsen enger zusammen. Denn früher war die Zeche durch einen Zaun und einer Mauer nicht zu begehen. Es war ein abgeriegelter Ort. Er wird offen für alle Anwohner und Anwohnerinnen sein und Besucher und Besucherinnen zu einem neuen Viertel bringen, das den Strukturwandel im Ruhrgebiet auf besondere Art und Weise zeigen wird.

Erinnerungen an die Kumpelzeit

Viele Menschen verbinden mit Westerholt nicht unbedingt das schmucke alte Fachwerkdörfchen, sondern  eher persönliche Geschichten von Schichtwechseln, Kohlenstaub auf der Arbeitskleidung, dem Leben in den Zechensiedlungen nach und vor der Schicht und dem Zusammenhalt unter Tage.

Noch heute gehören die erhaltenen Fördergerüste zu den markantesten Wahrzeichen im nördlichen Ruhrgebiet und sind auch in der Ferne von jedem Haldehöhepunkt aus zu erkennen. Sie erinnern daran, wie sehr die Region durch den Bergbau geprägt wurde und warum Industriekultur weit mehr ist als alte Gebäude, nämlich ein Heimatgefühl für unsere Region.

Darum geht es in Folge 38

In unserer neuen Podcastfolge sprechen wir über:

  • die Entstehung der Zeche Westerholt

  • die besondere Lage zwischen Herten und Gelsenkirchen

  • die Bedeutung für die Menschen vor Ort

  • das Ende des Bergbaus im Jahr 2008

  • die Zukunft der „Neuen Zeche Westerholt“

Eine Folge über Grenzen, die keine Grenzen sind, über Wandel und darüber, wie das Ruhrgebiet seine Geschichte bewahrt, ohne stehenzubleiben.

Glück auf und viel Spaß beim Hören von „Ruhrgebiet erklärt“ Folge 38!

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