
Bochum in Trümmern kann man sich heute kaum noch vorstellen. Höchstens, wenn man in die Ukraine oder nach Gaza schaut. Doch die Innenstadt ist durch alliierte Luftangriffe zwischen 1942 und dem schlimmsten am 4.11.1944 zu 90% zerstört worden. Inmitten dieser entstandenen Ruinen spielt die Krimi-Trilogie Trümmerland, Totenwinter und Kopfgeld, der gebürtigen Bochumerin Sabine Hofmann mit allen „Gewürzen“ der damaligen Zeit.
Einige wichtige Punkte des ersten Romans Trümmerland fahre ich mit Sabine ab. Sie liest auch aus ihrem Roman vor und erzählt, wie sie darauf gekommen ist, was ihr Anliegen ist und wieso sie ihre Geburtsstadt genommen hat, um die spannende, aber auch grausamen Nachkriegsgeschichten zu erzählen, die wir beide selbst nicht erlebt haben.
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Mehr InformationenIch war selbst lange Zeit Buchhändler gewesen. Ich fand die vom mittlerweile leider verstorbenen britischen Autor Phillip Kerr Krimiromane, die in den Nachkriegszeitjahren spielten, spannend. In Berlin versucht Bernhard Gunther zwischen den alten noch vorhandenen Nazibonzen Mordfälle aufzuklären und verstrickt sich immer mehr in den Sumpf der alten Kameraden.
Jetzt traute sich die deutsche Autorin Sabine Hofmann, ihre Krimis nicht in Berlin, sondern in Bochum, mitten im Ruhrgebiet, spielen zu lassen. Auf über 1100 Seiten quetscht sie die von vielen verklärte Zeit in schwarze Buchstaben, die sich schnell lesen lassen. Und was liegt näher, als die eigene Heimatstadt zu nehmen und dort zu recherchieren? Und ganz ehrlich: Das Ruhrgebiet ist spannender als Berlin!
An einem Punkt der Rundreise hat Sabine mich mit ins Bildarchiv der Stadt Bochum entführt. Mit dem Paternoster, einem Relikt aus alten Zeiten und in Deutschland eine Rarität, wollten wir im Rathaus nach oben zum Bildarchiv fahren, aber der ist nur zu den Öffnungszeiten pausenlos unterwegs. Da noch im Rathaus saniert wird, war das Bildarchiv umgezogen und wir irrten durch die zweite Etage. Wir haben alle Gänge durchsucht und dachten, dass das Zimmer zuletzt in der Toilette wäre, weil da die Nummer 257 auftauchte. Aber dann kam eine Tür zum Treppenhaus und direkt links war es dann endlich und konnten Markus Lutter begrüßen, der extra wegen uns etwas länger blieb am Freitag.

Das von uns besuchte Bildarchiv der Stadt Bochum, betreut vom Verwaltungsfachangestellten Markus Lutter, der die Stadt wie seine Westentasche kennt, konnte Sabine bei ihren Recherchen sehr gut unterstützen Markus Lutter hat ein unglaubliches Wissen und betreut nicht nur seit vielen Jahren das Bildarchiv mit sage und schreibe rund 400.000 Fotos aus den Jahrzehnten seit den Anfängen der Fotografie, sondern digitalisiert sie auch. Wer die Fotos in digitaler Form sehen möchte, kann sie bei Flickr finden. (Link unten)
Ich habe Markus Lutter gefragt, ob er zu einem Podcast zu einem bestimmten Thema bereit wäre. Und so werde ich dieses Jahr natürlich nochmal auf ihn zukommen, um über einen Umweltskandal der 1970er Jahre zu sprechen, der Bochum und die ganze Bundesrepublik erschüttert hat.
Das Ruhrgebiet ist in der Literaturlandschaft zwar schon mit Frank Goosen und seinen Romanen sowie diversen tollen Krimiautoren nicht mehr wegzudenken, aber hier ist Sabine Hofmann einen erfrischenden neuen Weg der historischen Krimis gegangen. Sie sind eigentlich so aktuell wie nie, durch die aktuelle politische Stimmung im Land und die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine oder in Israel/Gaza.
Sabine Hofmann fragt: „Was macht es aus den Menschen, wenn sie vor dem Nichts stehen oder sich wieder neu sammeln, neu starten oder was ihnen in einem ‚früheren‘ Leben widerfahren ist? Gehen sie drüber hinweg? Beginnen sie an einem anderen Ort mit einem anderen Partner, wenn der vorherige im Krieg gestorben ist? Können sie das überhaupt?“
Die Romane lassen im Rahmen der Stadt Bochum die Welt in Trümmern vor Augen führen – mit all dem Leid. Die drückende Atmosphäre, die damals herrschte, die Unsicherheit, wohin die Reise geht, Hunger und Mangel sowie das Schweigen über die Taten, die kurz vorher noch tagtäglich durchgeführt wurden, wie das Töten von Zwangsarbeitern, werden uns innerhalb der Krimihandlungen gezeigt.
Ohne mahnende Worte mit erhobenem Zeigefinger, in einem einfachen, lesbaren Stil, führt Sabine Hofmann den Lesern vor Augen, was damals war und wie jeder einzelne auf seine Art und Weise damit umging. Mir gefällt die Authentizität der Romane. Ich fühlte mich in die Zeit hineinversetzt. Das kann durch die Fotos aus dem Bildarchiv gut nachvollzogen werden.
Besonders gefiel mir, dass die Nebenfiguren zwischendurch im Ruhrdeutsch-Dialekt sprachen.
Im dritten Teil „Kopfgeld“, setzte Sabine bewusst bei der Hauptfigur Max die Sprache ein, um die Zerrissenheit der Heimatgefühle und Distanz zur Stadt Bochum darzustellen, denn seiner Familie ist hier Schreckliches widerfahren. Er hatte furchtbare Erfahrungen mit Freunde und Nachbarn gemacht. Dieses Mit- und Gegeneinander aus Distanz, Vertrautheit und Abkehr drückt sich im Sprachenwechsel aus nachdem er mit seiner Schwester zurück aus England in die alte Heimat Bochum kommt.
Durch die gewählte Form der Kriminalliteratur fließt ein roter Faden der Zeit und der Hauptcharaktere durch die drei Romane. In Sabine Hofmanns Krimis lässt sich alles finden: vom Start des Wiederaufbaus, dem Leben in Ruinen, der Suche nach Essen, wärmender Kleidung, dem verbotenen Schwarzhandel, dem Hungerwinter 46/47, bis hin zu den wirklich durchgeführten Mordbefehlen der Bochumer Gestapo im Stadtpark sowie der Judenverfolgung und der Rückkehr in eine zerstörte Heimatstadt.
Sabine Hofmann ist Lehrerin, studierte Germanistik und Romanistik. Sie lebte lange in Frankfurt, bevor sie entschied ihrem Mann ins hessische Erbach in den Odenwald zu folgen und dort Spanisch und Deutsch zu lehren.
Mit ihrer spanischen Freundin Rosa Ribas zusammen schrieb sie eine Krimihandlung, wo die Sprachwissenschaft auch eine große Rolle spielt und helfen kann einen Mordfall aufzuklären. So fingen sie an zu überlegen, ob es in Bochum oder in Spanien spielen sollte. Zuerst wurden dann drei Krimis, die im Barcelona der 1950er Jahre spielten, geschrieben. Sie bauen in den Krimis die dunkle Ära des faschistischen spanischen Führers Franco auf, wo die Presse gleichgeschaltet wurde und jede Person, die gegen das Regime wetterte, ins Gefängnis wandern konnte. Erschienen sind sie im Rowohlt Verlag.
(Screenshots meiner E-Books)
Während Rosa ihre Eltern noch zu der Atmosphäre der 1950er Jahre ausfragen konnte und auch erzählt wurde, hatte es Sabine schwieriger. Früher wurde sehr wenig über die Zeit erzählt. Das Überleben hatte Vorrang. Heute leben die Personen nicht mehr, die etwas erzählen konnten, wenn sie es gewollt hätten. Über die Zeit der Nationalsozialisten wurde meist geschwiegen. Es gab viele Mitläufer und genau diesen Charakterzug lässt sie in den Oberinspektor, so wurden die Hauptkommissare nach britischen Vorbild während der Besetzung genannt, einfließen. Er war Mitläufer. Hatte immer seinen Job bei der Polizei getan, egal welche Regierung er durchgemacht hatte in seiner Dienstzeit.
Der erste Roman „Trümmerland“ spielt 1946 in einem zerbombten Bochum. Der Wohnraum ist knapp. Flüchtlinge aus dem Osten, die vor der Roten Armee der Sowjetunion, der Russen, flohen, suchten eine Unterbringungsmöglichkeit.

Edith Marheinecke ist eine Hauptfigur aller drei Romane. Du gutbürgerlich erzogene Edith floh vor den Russen und verlor ihre Heimat. In Bochum suchte sie nach einem neuen Leben. Bei Martha mit ihrer Tochter Hanna bekam sie eine Wohnmöglichkeit zugewiesen. Marthas Ehemann hatte noch kein Lebenszeichen mitgeteilt. Die Wohnung von Martha war in einer Mietskaserne auf der Hofsteder Str. 74, die heute noch in modernisierter Fassung steht.

In der Mietskaserne Hofsteder Straße 74 gab es früher die Toilette in den Zwischenetagen, Kohleofen, kein Badezimmer, kein Wasser in der Wohnung. Herd in der Wohnküche, nicht beheizte Zimmer, spartanische Einrichtung. So hatte Sabine noch die Erinnerung an die Wohnung der Tante, wenn sie sie besuchten. Deswegen kam dieses Haus als erstes Motiv im ersten Teil vor.
Allerdings musste Sabine beim Besuch der Tante keine Brennnesselsuppe mehr essen, was 1946 eher eine tägliche Mahlzeit war, weil es kaum etwas zu essen gab. Die Lebensmittelmärkte, die wir heute kennen mit vollen Regalen, gab es nicht. Auch der Tante Emma – Laden nebenan hatte nichts zu verkaufen. Die Infrastruktur war zerstört. Handelswege unterbrochen. Die Alliierten bestimmten, wie es weitergeht. Der Schwarzmarkt blühte, obwohl er verboten war. Man konnte gegen Zigaretten zum Beispiel Butter eintauschen. Zigaretten waren das Zahlungsmittel in der damaligen Zeit, nicht die Reichsmark. Es gab keine Regierung mehr, keine Nationalbank. Die Menschen musste irgendwie sich selbst helfen, um zu überleben.
Die Zeche Präsident war die nächste Station, wenn sie noch gestanden hätte. Hier spielt der Mantel eines Ermordeten am Anfang des Krimis eine wichtige Rolle. In ihm fanden die Frauen Butterscheine, die für ihr eigenes Überleben, wie der Gewinn einer Lotterie war.

Die Zeche Präsident war eine wichtige und einer der größten Bergwerke von Bochum nah der Innenstadt. Jedoch wurde das Gelände so zerbombt, dass entschieden wurde, dort keine Steinkohle mehr abzubauen. Für die nahe Jahrhunderthalle entfiel die Möglichkeit nah abgebaute Kohle zu bekommen.
Neben Martha ist der Oberinspektor Dietrichs einer der wichtigsten Hauptpersonen, der ebenfalls in allen drei Romanen vorkommt. Er machte schweigend seine Polizeiarbeit, verlor seine Ehefrau beim Bombenangriff und lehnte sich nicht gegen das Regime auf, machte aber auch nicht bei Erschießungskommandos mit, die zum Beispiel in den Osten gingen.

Nach dem Bildarchiv fuhren wir noch zur Uhlandstraße, wo das Polizeipräsidium der Stadt Bochum ist und Dietrichs seine Arbeit in den Romanen tat. Hier las Sabine wieder aus ihrem Roman vor und stellte den bulligen, aber schweigsamen Dietrichs vor, der hier in den Nachkriegsromanen seinen Dienst tat. Unweit von der Uhlandstraße begaben wir uns zu einer Stelle eines Massengrabs, dass sich auf der linken Seite vom Eingang zum Stadtparks befindet.
Kurz vor dem Ende des zweiten Weltkriegs, als die Amerikaner schon im Anmarsch waren, hat die Gestapo in der Villa auf der Bergstraße 74 alle Insassen ermordet und an dieser Stelle vergraben. Die wirklichen Täter kamen mit keinen oder wenigen Jahren Gefängnis davon.
Die kleine Stahltafel weist darauf hin, das NIE WIEDER FASCHISMUS zwar schön ist, aber zur jetzigen Zeit sich zu wiederholen droht. Für mich ist die Tafel ein zu kleiner Hinweis auf die Schandtat dieser Faschisten, denn es waren schließlich nicht nur diese 20 Ermordeten. Die Bochumer Gestapo hat im Laufe der Jahre genug andere Verbrechen getan, die nicht nachgewiesen wurden.

Vor dem Hintergrund des Hungerwinters 1946/47 spielt der zweite Roman „Todeswinter“. Edith Marheinecke kommt bei einem zwielichtigen Rechtsanwalt unter. Als ein ehemaliger KZ-Häftling ermordet wird und ihr Arbeitgeber verwickelt zu sein schein, beginnt Edith selbst die Aufklärung in die Hand zu nehmen ohne zu ahnen, was sie herausfindet.

Im Krimi „Kopfgeld“ geht Edith Marheinecke als Journalistin mit ihrer Kamera zur Geldausgabestelle am Tag der Einführung der neuen Währung, um darüber zu berichten. Edith machte einige Bilder als Konrad Garthner plötzlich tot unter einer Straßenbahn liegt. Können die Bilder den Fall aufklären oder ist Edith wegen der Fotos selbst in Gefahr? Hier fließt der wichtige Punkt der Shoah hinein. Inspiration war die Stolperstehle, die in Bochum an die Deportation von unzähligen Juden und Jüdinnen nach Auschwitz vom Nordbahnhof erinnert. Die Trilogie ist im Aufbau Verlag erschienen.

Für mich als Ruhrpottologe ist es einfach wichtig auch die dunklen Seiten des heute so hoch gehobenen WIR SIND DER RUHRPOTT – ZUSAMMEN SIND WIR STARK etc. politisch meist wieder heute einen Keil in die Gesellschaft treibt, genauso wie im Fußball zwischen den Dortmunder Borussen und Schalke 04. Damals wurde wirklich umgebracht. Lebten die Menschen in Angst und Schrecken, denunzierten und kollaborierten die Nachbarn, Freunde und Verwandten aus Überzeugung oder aus anderen niederen Gründen. Hier ist eben auch nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen gewesen. Und es ist auch nie der Fall dass es mal so aalglatt geht, wie wir es gerne hätten.
Sabine Hofmann jedenfalls hat genau die Seite in ihren Romanen geöffnet, wie sie selbst als geborene Ruhrpottfrau ist. Offen sein und sagen oder schreiben, was man denkt mit dem rechten Fleck auf der Brust.

Schon allein deswegen lohnt sich das Lesen aller Romane!
Sabine Hofmann beweist ihre Vielseitigkeit als Autorin auch in einem Sachbuch – ihrer Dissertation Die Konstruktion kolonialer Wirklichkeit aus dem Campus Verlag.
Wer meint, dass Sabine jetzt durch ihre Publikationen reich geworden ist, wird eines besseren im Podcast belehrt. Für die Taschenbuchveröffentlichung bei den namhaften Verlagen Rowohlt und Aufbau verdient sie pro Buch gerade mal 1 €. Das gilt für jeden Autoren, der mit Schreiben Geld verdienen will. Reich wird ein Autor oder Autorin nur wenn es ein Bestseller wird und wochenlang durch die Medien auf die entsprechenden Spiegel-Bestsellerliste puscht. Also muss die andere Literatur, die gut ist und nicht auf der berühmten Liste erscheint, irgendwie gefördert werden. Und damit auch die Person, die schreibt. Also für mich sind alle drei Romane Bestseller. Für euch müssen sie es noch werden. Hofmanns Krimis lohnen sich definitiv!
Ich betone: Ich bekomme für diese Infos keinen Cent. Gut ich hab ein Essen ausgegeben bekommen und ein Buch mit Widmung geschenkt bekommen. Aber sonst nichts. Es ist eine persönliche Buchempfehlung und es war ein tolles Gespräch mit einer tollen Frau gewesen in meinem Podcast! Und wir sehen uns nächstes Jahr definitiv wieder. Ich will doch wissen, wo die Leichen in Essen rumschwimmen aus ihrem nächsten Roman, wenn da auch hauptsächlich eingebrochen werden soll. Literatur muss genauso wie Kunst gefördert werden!
Am Ende waren wir noch zusammen nicht Eis essen, sondern einen Rote Beete-Salat im Café Konkret im Bochumer Bermuda-Dreieck. Lecker!
Links:
Alle Bücher: www.sabinehofmann.net
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Bildarchiv Stadt Bochum:
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Café Konkret – Bermuda3Eck Bochum
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Fotostrecke (c) André Brune

Eine Fotogalerie mit Fotos vom Bildarchiv der Pressestelle der Stadt Bochum:
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